Bob-Marley-Fans singen Reggae-Hymnen nach, Abba-Anhänger inszenieren sich selbst. Die Foto- und Videokünstlerin Candice Breitz leuchtet die Popkultur auf ihre Weise aus.

Kultur: Adrienne Braun (adr)

Stuttgart - Selbstverständlich kennen sie den Text auswendig. Wort für Wort. Wahrscheinlich haben sie die Songs schon hunderte Mal gehört, wissen, wann der Backgroundchor einsetzt oder ihr Idol nach Luft schnappt. Als ordentlicher Fan weiß man solche Details. Trotzdem ist es ein eigenwilliger Chor, der im Kunstmuseum Stuttgart aus zahlreichen Monitoren heraus Bob Marleys Reggae-Hymne „No Woman no Cry“ singt. Die meisten halten sich an die Melodie, einige picken sich einzelne Töne heraus, andere ergänzen sogar kess kleine Koloraturen. Man ahnt es: Bob Marley ist für sie einer der ganz Großen.

Candice Breitz hat schon viele Fans getroffen. Für ihre Kunstprojekte hat sie Verehrer von Madonna oder Michael Jackson aufgespürt, von Iron Maiden und Marilyn Manson. Die Anhänger von Abba hat sie in Berlin zum Gruppenfoto gebeten – und auf einem riesigen Tableau posieren sie nun samt ihrer Fanartikel und Devotionalien, den Autogrammen, Büchern und Fotos. Manche konnten sogar originale Kleidungsstücke ihrer Idole ergattern – bei Ebay.

Fans begeistern sich für Filme und Musik, für Stars und Sternchen. Candice Breitz interessiert sich dagegen für die Frage, wie Pop und Popkultur die Identität eines Menschen beeinflussen. Das Kunstmuseum Stuttgart stellt in der neuen Ausstellung „Ponderosa“ das Werk von Candice Breitz vor, die 1972 in Johannesburg geboren wurde und seit vielen Jahren in Berlin lebt. „Ponderosa“ ist ihre erste Gesamtausstellung in Deutschland und umfasst Fotografien und Videoarbeiten, die sich auf verschiedene Weise mit einem aktuell häufig diskutierten Thema befassen: der Konstruktion des Ichs und dem komplexen Zusammenspiel von Rollen, Geschlecht und Identität.

Frauen in Beziehungskrisen

Was eine richtige Frau ist, kann mit den Wimpern klimpern und sich dramatisch dem Liebesleid hingeben. In der raumgreifenden Video-Arbeit „Becoming“ begegnet man jenen Frauen, die in besonderer Weise dafür sorgen, dass Rollenklischees fortgeschrieben werden: Hollywoodstars. Breitz hat aus Filmen mit scharfem Skalpell Szenen seziert, in denen gängige Weiblichkeitsbilder inszeniert werden. Man sieht ihre Gegenüber nicht, assoziiert aber umgehend die Beziehungskrisen, die Julia Roberts und Cameron Diaz hier austragen. „Ich hasse dich nicht“ , heißt es da oder „Ich muss dir etwas sagen, „ Amazing!“ oder „Ich will mich entschuldigen“.

Damit sich die Betrachter nicht einlullen lassen vom falschen Pathos und der Hochglanzästhetik der Hollywood-Schmonzetten, sieht man auf der Rückseite Candice Breitz, die die Schauspielerinnen perfekt imitiert, deren falsches Lächeln und dramatisches Augenrollen sie eins zu eins nachahmt – sozusagen als Kehrseite in Schwarz-weiß.

Eine ihrer besten Arbeiten ist „Mother + Father“, die Breitz 2005 auf der Biennale von Venedig zeigte. Auf sechs Monitoren sieht man in „Mother“ Susan Sarandon und Diane Keaton, Meryl Streep und Julia Roberts. Breitz hat Szenen aus ihren Filmen neu montiert, Szenen, die vom Muttersein handeln – und doch nur Klischees reproduzieren, aus denen weibliche Biografien gestrickt zu sein scheinen. „Ich wollte nie eine Mutter sein“, sagt die eine, die andere schimpft sich Monster. Breitz hat die Fragmente gekonnt zu einer rhythmisierten Erzählung über das Muttersein an sich geschnitten, das hier durch stereotype Zustände und Posen zum Ausdruck gebracht wird – vom mütterlichen Besitzanspruch bis hin zum hysterischen Nervenzusammenbruch.

Hollywood-Stars erzählen Flüchtlingsschicksale

Found-Footage-Montagen nennen sich diese auf Fremdmaterial basierenden Videos, aber Candice Breitz produziert auch selbst und schafft es dabei immer wieder, dem komplexen Hintersinn ihrer Konzepte einen populären Anstrich zu geben. „Love Story“ basiert auf den Geschichten von Geflüchteten. Breitz hat sie nach ihren Schicksalen und Lebenswegen befragt – und die Erzählungen ausgerechnet von Hollywood-Stars nacherzählen lassen: Julianne Moore und Alec Baldwin.

Es ist fast quälend, wenn Julianne Moore voller Pathos und mit Tränen in den Augen diese doch nur auswendig gelernten Texte vorspielt – und dabei Fragen in den Fokus gerückt werden, ob und wie individuelles Leid medial inszeniert werden darf. Wobei Candice Breitz kein Hehl daraus macht, dass wir uns für diese Geschichten nur aus einem Grund interessieren: weil Promis sie erzählen.

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