Cannstatter Neckarpark Erster Stadtteil des 21. Jahrhunderts

Von Jörg Nauke 

OB Fritz Kuhn hat den ersten Spatenstich für die Bebauung des 22 Hektar großen Güterbahnhofgeländes gesetzt. Dort entstehen 600 Wohnungen und Gebäude für Kleingewerbe.

  Foto: Lichtgut - Oliver Willikonsky
  Foto: Lichtgut - Oliver Willikonsky

Stuttgart - Fast 17 Jahre nach dem Erwerb des ehemaligen Cannstatter Güterbahnhofgeländes zwischen Bahndamm, Benz-, Mercedes- und Daimlerstraße durch die Stadt hat Stuttgarts Oberbürgermeister Fritz Kuhn (Grüne) mit den Kollegen Peter Pätzold und Dirk Thürnau, Bezirksvorsteher Bernd-Marcel Löffler und Bürgervertretern den ersten Spatenstich für die Bebauung des 22 Hektar ­großen Areals gesetzt. Darauf befanden sich einst 70 Gebäude von Schrott-und Großhändlern sowie Speditionen. Eigentlich hätte diese Aktion vor Jahren stattfinden sollen, mit Kuhns Vorgänger Wolfgang Schuster (CDU) als Hauptdarsteller. ­Dessen Olympiapläne hatten sich allerdings schon 2004 verflüchtigt, das Athletendorf für 6000 Menschen war statt in Bad Cannstatt 2012 in London eingeweiht und bezogen worden.

Der Einladung zufolge ging es an diesem Mittag lediglich um einen mit Kinderliedern und Turnübungen umrahmten Spatenstich für den Quartierspark „Grüne Mitte“, dem ersten sichtbaren Eingriff auf der Brachfläche. Es handelt sich um einen 9000 Quadratmeter großen Park entlang der Frachtstraße, dessen Errichtung 2,23 Millionen Euro kostet. Die Bäume befinden sich entlang der Promenaden, damit der Blick auf die Grabkapelle und den Württemberg ungetrübt und die „Schönheit der Stadtlandschaft“ (Kuhn) spürbar bleibe.

600 Wohnungen ab 2020

Den Grünbereich zeitlich vor den insgesamt 600 Wohnungen fertigzustellen, das hat für OB Kuhn besonderen Charme. „Der Neckarpark wird ein gutes Quartier“, verspricht Kuhn. Das benachbarte Veielbrunnengebiet wird sinnvoll angeschlossen, man achte auf gute Wohn-, Arbeits- und Einkaufsmöglichkeiten. Kein Durchgangsverkehr, großzügige Rad- und Fußwege und hohe ökologische Standards in urbaner Situation prägten den neuen Stadtteil. Für die Grünen ist das der Gegenentwurf zur Forderung der Immobilienlobby, weitere Freiflächen am Stadtrand zu bebauen, um der Wohnungsnot Herr zu werden.

Die Verwaltung hatte in ihrer Einladung freilich nicht nur auf den Quartierspark Grüne Mitte verwiesen, sondern Kuhns Spatenstich als das „Startsignal für die Entstehung des ersten Stuttgarter Stadtteils des 21. Jahrhunderts“ beschrieben. Dafür wäre allerdings ein „größerer Bahnhof“ angemessen gewesen und hätte wohl in den Reden auch der Bogen weiter gespannt werden müssen, zeigten sich Festteilnehmer verwundert.

Dibag hat drei Grundstücke gekauft

Als nächste Gelegenheit für einen großen Aufschlag böte sich die Grundsteinlegung der ersten Bürogebäude an der Mercedesstraße an. Die Dibag AG hat sich drei Filetstücke gesichert, unter anderem plant die fusionierte Volksbank Stuttgart dort ihre Verwaltung zu zentrieren. Die Strenger Bauen und Wohnen hat ein Grundstück vom Kreisverband des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) übernommen und plant dort 80 Wohnungen sowie eine soziale Einrichtung mit dem DRK. Derzeit läuft der Architektenwettbewerb. Weitere Bürogebäude und ein Hotel sind geplant.

Nach der Olympiapleite 2004 waren die Wohnungsbaupläne von den bürgerlichen Parteien lange torpediert worden. Sie argumentierten, Wohnen sei dort unzumutbar und wurden dabei auch vom Präsidium des VfB Stuttgart und der städtischen ­Veranstaltungsgesellschaft befeuert, die das Frühlings- und Volksfest stemmt. Und zwar wegen des zeitweise erheblichen von Stadion und Wasen ausgehenden Lärms. Die Stadtplaner unter der Leitung von Heinrich Sonntag haben sich durchgesetzt. Die Situation ist befriedet. Jörg Klopfer, der Sprecher von In.Stuttgart, hat dem Spatenstich beigewohnt, das Kunstturnforum hat Helge Liebrich geschickt, der auf dem Bagger riskante Turnübungen zeigte. ­Allein die VfB-Spitze glänzte durch Abwesenheit.

5000 Eidechsen werden umgesiedelt

Die Entwürfe wurden in den vergangenen Jahren ständig verändert und nachgebessert. Für 5000 Eidechsen wurde unterhalb des Bahndamms und einer Lärmschutzwand ein Ersatzhabitat geschaffen – der Künstler Udo Mühling hat an diese Aktion bei der Feier mit einer von Kinderhand veredelten Riesenechse aus Sand erinnert.

Nun ist der Neckarpark mit einem Wohnanteil von 70 Prozent und einem Kleingewerbeanteil von 30 Prozent das größte urbane Städtebauprojekt – zumindest bis Mitte des nächsten Jahrzehnts mit der Umnutzung der frei werdenden Gleisflächen hinter dem Hauptbahnhof begonnen werden kann. Dann werden im Neckarpark bereits 2000 Menschen unterschiedlichster Einkommensgruppen in Gebäuden mit lärmisolierten Fenstern gezogen sein. 2020 soll auch das neue Sportbad fertig und die Benzstraße so verschwenkt worden sein, dass zwischen Schleyerhalle und Fahrbahn zwei Sportplätze Platz finden.

Sonderthemen