Cannstatter Volksfest Die Wasen-Zustellerin ist mit allen per Du

Die Schausteller kennen und schätzen sie: die Wasen-Briefträgerin Sevtap Kajic. Foto: Lg/Rettig

Sevtap Kajic ist seit bald zehn Jahren die Briefträgerin auf dem Cannstatter Volksfest. Früher hat sie einen Plan gebraucht, um die Schausteller zu finden. Heute kennt sie jeden persönlich.

„Schatzili!“, ruft Sevtap Kajic fröhlich und streckt ihre Hände durch die Luke, und Tobias Glas, der blonde Mann im Tickethäuschen des Fahrgeschäfts Infinity, greift sie bereitwillig. Sofort legt er mit regelrechten Liebesschwüren los. „Sie ist die Beste“, sprudelt es aus ihm heraus, während er Sevtap Kajic durch sein kleines Fenster hindurch anlächelt. Die Frau aus dem Stuttgarter Osten ist die Wasen-Zustellerin. Im Frühjahr und Herbst bringt die Postmitarbeiterin Schaustellern, Wirten und Budenbetreibern auf dem Cannstatter Volksfestgelände Briefe, Postkarten und kleine Päckchen.

 

Seit gut und gerne 20 Jahren trägt Sevtap Kajic Post aus. Den Sonderzustellbezirk Wasen nennt sie seit bald zehn Jahren ihren. Ob sie das freiwillig macht? „Jetzt ja“, sagt sie grinsend. Anfangs habe sie Muffensausen vor der Aufgabe gehabt. „Draußen gibt es Briefkästen und Hausnummern, hier wusste ich nicht, wie ich alle finde“, erzählt sie. Sorgen, die sie heute nicht mehr plagen. Zwar hat die 47-Jährige stets einen aktuellen Lageplan dabei, um sich einen Überblick darüber zu verschaffen, wer nicht mehr dabei und wer neu ist, die allermeisten auf dem Wasen kennt sie heute aber mit Vornamen. Viele Telefonnummern hat sie im Handy gespeichert, um im Zweifelsfall erfragen zu können, wo der Empfänger gerade steckt. „Es ist ganz eng geworden“, sagt sie.

Die Post ist für viele auf dem Wasen wichtig

Wer sie eine Weile auf dem Wasen begleitet, der merkt: Das ist nicht nur dahergesagt. Sevtap Kajic, die Frau mit den vielen Piercings im Gesicht, ist bekannt wie ein bunter Hund. Garderobieren in den Zelten winken von Weitem, Security-Mitarbeiter schlagen im Vorbeigehen lachend ein, Wirte fallen ihr um den Hals. So wie Claudia Weeber, die gleich an der Fruchtsäule einen Wurstgrill betreibt. „Sie ist die beste Postbotin“, sagt sie, während sie Sevtap Kajic über die Theke hinweg busselt und herzt.

Dass die Briefträgerin so beliebt ist, liegt sicherlich an ihrer offenen Art, aber auch an der Dienstleistung, die für viele hier auf dem Wasen so wichtig ist. „Wir Schausteller sind immer auf anderen Plätzen“, erklärt Tobias Glas, dennoch seien alle auf eine Kontinuität in puncto Postzustellung angewiesen. Mal brauche er Ersatzteile, mal ein Rezept vom Arzt daheim, in manchen Städten klappe es mit der Zustellung aber nicht. „Viele Briefträger haben keine Lust, auf die Plätze zu kommen, und schicken die Sendungen wieder zurück“, sagt Tobias Glas. „Das ist so eine Erleichterung, sie ist eine Perle“, sagt er und schaut wieder zu Sevtap Kajic. Auch Daniela Kurey, die im kleinen Hofbräu-Stand hinter der Zapfsäule sitzt, ist voll des Lobes. „Sie findet immer jeden“, sagt sie über die Postlerin, „das ist sensationell.“

Nicht immer ist alles rosig

Außerhalb der Volksfestzeit ist Bad Cannstatt Sevtap Kajics Revier. Wenn sich aber auf dem Wasen die Karussells drehen, beginnt ihr Arbeitstag dort um 10 Uhr. Gute vier Stunden braucht sie, um die Sendungen an die Empfänger auszugeben. Vieles davon lassen sich die Schausteller per Nachsendeantrag hinterherschicken, manches kommt direkt. Die Post trägt die Wasen-Zustellerin in ihrem schwarzen Rucksack. „Hier wäre es mit dem Wägele schlecht, wenn ich ins Zelt reinmuss“, sagt sie. Auch das gehört zu Sevtap Kajics Aufgaben. Im Festzelt von Klauss & Klauss etwa wartet der Chef Dieter Klauss an diesem Mittag schon auf seine Zeitung.

Nicht immer ist alles rosig auf dem Wasen. Vor allem an Samstagen seien viele Gäste schon früh betrunken. Das erschwere die Arbeit. Menschen, die schlafen, die ihre Schuhe verloren haben, die sich vor ihren Füße übergeben müssen, das alles hat Sevtap Kajic schon erlebt.

Die positiven Aspekte überwiegen in ihren Augen aber. „Die schönsten Momente habe ich mit den Schaustellern“, sagt sie, etwa, wenn sie nach Schichtende mit dem einen oder anderen noch zusammenstehe und einen Snack esse. Sie lächelt breit. „Wir sind wie eine Familie“, sagt sie über das Zusammensein auf Zeit auf dem Wasen.

Weitere Themen