Cannstatter Volksfest Ein Besuch auf dem Krämermarkt

Von Frank Rothfuss 

Die Händler waren lange vor den Bierzelten da. Doch jetzt droht ihre Tradition zu verkümmern. Es finden sich immer weniger Beschicker für den Krämermarkt. Ein Besuch. Und eine überraschende Begegnung.

Der Jenische Jakob Kronenwetter geht wie seine Vorfahren auf Reisen. Foto: Lichtgut/Christoph Schmidt
Der Jenische Jakob Kronenwetter geht wie seine Vorfahren auf Reisen. Foto: Lichtgut/Christoph Schmidt

Stuttgart - Mützen verkauft er, T-Shirts und Hosen, aber Jakob Kronenwetter (70) hat auch eine Lektion in Geschichte im Angebot. Er ist ein Jenischer. Der Nachfahre eines Volkes, dessen Herkunft im Dunkeln liegt, das in den Wirren des 30-jährigen Krieges zerstreut wurde, und das seit jeher auf Reisen ging. als Schrotthändler, Scherenschleifer, Bürstenmacher, Kesselflicker, Hausierer, Zirkusleute, Schausteller, Marketender. Wenig weiß man über sie. Und das wenige, was man weiß, stammt oft von Kronenwetter. Drei Bücher hat er geschrieben über die Jenischen, dafür gesorgt, dass im Freiluftmuseum Wackershofen ihre Kultur gezeigt wurde. Die Staufermedaille hat er von Ministerpräsident Winfried Kretschmann bekommen, Angela Merkel hat ihm einen Brief geschrieben.

Wer sind Jenische?

Jenische? Nie gehört, oder? So wird es vielen gehen. Sie pflegen sogar eine eigene Sprache, die man Rotwelsch oder Kauderwelsch nannte. Kronenwetter kann sie. Und amüsiert sich königlich mit seinen Freund aus Kindertagen und Kollegen Jürgen Störrle (70) einige Worte zu wechseln, die keiner außer ihnen versteht. Sie sprachen anders, sie lebten anders. Was ihnen viele übel nahmen. Von den Sesshaften wurden sie verspottet und drangsaliert, von den Nazis verfolgt. Nach dem Krieg siedelte man in Singen in Baracken Jenische an, das Umherziehen sollten sie aufgeben. Auch Kronenwetter versuchte sich als Schlosser, Strassenbauer und LKW-Fahrer, ehe er 1973 mit seiner Frau Karin wieder auf Reisen geht. So wie ihre Großeltern und Eltern. Mit ihrem Marktstand sind sie in Süddeutschland unterwegs. „Ich bin zufrieden mit diesem Leben, das liegt mir im Blut“, sagt er, „wenn ich zuhause sitze, lerne ich doch keine Leute kennen.“ Ein guter Teil dieses Lebens lässt sich aber auch mit einem wunderbaren jenischen Wort beschreiben: Maloche. Das Umherziehen, die elend langen Arbeitstage, Wochenende inklusive, samt ungewisser Entlohnung, das schreckt die Jungen. Kronenwetters Sohn ist in der IT-Branche, „wenn ich aufhöre, dann ist Schluss mit dem Laden“, sagt Kronenwetter.

Auch Störrle findet für seinen Schmuckladen keinen Nachfolger. Die Kinder sind nicht interessiert. So ist es kein Zufall, dass die Veranstalterin in.Stuttgart sich schwer tut, den Krämermarkt zu füllen. Beim Frühlingsfest waren 25 Plätze reserviert für jene, die Suppen, Gewürze, Salben, Kleidung und Gürtel verkaufen. Doch die brachte man nicht alle an den Mann. Nur 18 Krämer kamen. Beim Volksfest war es anders, aber eine ewig lange Warteliste wie bei den Imbissen und Fahrtgeschäften gibt es nicht.

Wichtiger Vertriebsweg

Peter Wermescher (37) ist einer der Jungen. Der Diplombetriebswirt leitet die vom Opa aufgebaute Firma Heirol. Sie verkaufen Pflegeprodukte und Heilmittel. Man kann natürlich via Internet bestellen, „aber in unserer Nische sind die Märkte ein wichtiger Vertriebsweg“, sagt er. Ein Laden auf der Königstraße sei zu teuer, aber mit dem Stand kommt er zu seinen Kunden, kann mit ihnen reden, ihnen zuhören, ihnen zeigen, wie was funktioniert, sie überzeugen. Ein guter Verkäufer hat schon immer das gebraucht, was auch die Marktschreier ausgezeichnet hat. Das Werben, das Anlocken ist eine Kunst für sich. Und Vergnügen fürs Publikum.

Die Suche nach der Pfanne

Das kommt immer noch. Aber nicht mehr so zahlreich wie früher. Was auch damit zu tun hat, dass die Stadtbahnlinie U 11 mittlerweile viele Gäste direkt in den Bierzelten ablädt. Man muss nicht mehr über die König-Karls-Brücke kommen und durch den Krämermarkt laufen. Was Wermescher nicht so schlimm findet. „Unser Publikum findet uns“, sagt er. Stammkunden haben sie viele hier, ohne die ginge es nicht, betonen sie unisono. So wie jene Frau, die schon um halbzehn unbedingt eine neue Pfanne brauchte. Sie wartet geduldig, bis Waltraud Neumann kommt und aufschließt. Mittlerweile sei sie „hauptberuflich Großmutter“, sagt die 69-Jährige Neumann, fürs Volksfest betreut sie aber noch den Stand von Heinz Tropf, der Gundel-Pfannen verkauft. „Die Oma hat schon bei uns eingekauft, die Mutter, und jetzt kommt die Tochter vorbei.“ Im Internet kann man auch bestellen, „aber nicht gucken und anfassen.“ Oder, wie es Kronenwetter sagt: „Vor dem Computer wirst Du einsam. Bei uns kaufst Du was Vernünftiges – und hast Spaß!“

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