Cannstatter Volksfest Es muss nicht immer Schlager sein: Rave im Bierzelt ist ein Hit

Von Uwe Bogen 

Sieht so die Zukunft des Cannstatter Wasens aus? Zu den schrägsten Partys des Volksfestes zählt der Rave bei Wirtin Sonja Merz. Zwei Welten treffen sich beim schwäbischen Biertechno.

Der sanfte Leuchtriese Dundu  beim zweiten Electronic  Wasen im Zelt von Sonja Merz. Foto: Andreas Engelhard 23 Bilder
Der sanfte Leuchtriese Dundu beim zweiten Electronic Wasen im Zelt von Sonja Merz. Foto: Andreas Engelhard

Stuttgart - Kein Flieger, so stark, stark, stark wie ein Tiger und so groß, groß, groß wie ’ne Giraffe, so hoch, fliegt in dieser Nacht mit lautem Radau über die Bierbänke hinweg. Dafür tanzt der sanfte Leuchtriese Dundu über den Köpfen der Raver. Die überlebensgroße Puppe, die es von der Subkultur der Wagenhallen bis in TV-Shows der USA geschafft hat, ist so etwas wie das Maskottchen des Stuttgarter Electronic Music Festivals. Stets im Advent versetzen die Leute vom SEMF die Messehallen in den Techno-Rausch – und bitten davor zum Wasen-Warm-up für die große Veranstaltung am 12. Dezember mit fünf Floors beim Flughafen.

Die Vielfalt lebt. Es gibt frischen „SEMF“ fürs Volksfest. Zum zweiten Mal hat sichSonja Merz, die einzige Festzeltwirtin am Neckarstrand, auf das Experiment eingelassen. Vor der Bühne werden Bierbänke und Biertische weggeräumt, damit die Raver tanzen können.

2500 zahlende Gäste sind gekommen

Ganz voll ist es im Zelt nicht, es ginge noch was. Doch die Hausherrin ist mit 2500 zahlenden Gästen (Eintritt: 20 Euro als Mindestverzehr) neben den geladenen VIPs an einem Sonntagabend sehr zufrieden. Für ihren Mut, was Neues zu wagen, wird sie an diesem Abend oft gelobt. Die Botschaft geht über unzählige Insta-Storys und Facebook-Einträge raus: Sonja Merz steht auf dem über 200-jährigen Cannstatter Bierfest für das Innovative.

Deutlich weniger Menschen mit Tracht sind in dieser Nacht im Zelt, aber es wird auch deutlich weniger Bier getrunken als sonst. Dafür steigen die Bestellungen von Wodka Red Bull extrem hoch an. Der geringere Umsatz von Bier könnte darin liegen, dass nicht alle fünf Minuten der Bandleader seine Aufforderung „Hoch die Krüge“ mit dem Ruf „Prost ihr Säcke“ steigert. Beim Eletronic-Wasen mit Local Heros etwa aus dem Club Kowalski wird die Musik überhaupt nicht unterbrochen zum gemeinsamen Anstoßen. Die Formation Aka Aka zündet mit fünf Bläsern ein echtes Fanfaren-Feuerwerk ab.

CDU-Kreischef Stefan Kaufmann ravt ganz vorne mit

Unter den Ravern sind Tänzer, denen man dies auf den ersten Blick nicht zutraut. Der CDU-Kreischef und MdB Stefan Kaufmann mischt ganz vorne mit. Außerdem beim Techno-Wasen gesehen: Sebastian Weingarten, der Intendant des Renitenztheaters, Comedian Michael Gaedt, „Soko“-Kommissar Peter Ketnath, Kunsthändler Frank Zimmermann, Digitalunternehmer Manuel Ellwanger von den Innovation Heroes, Christina Lucia Semrau, die Botschafterin des Kinderhospizes, Hubertus Drabarczyk Vel Grabarczyk, der Geschäftsführer von Eppli-Juweliere, und natürlich Schulleiter Konstantin Merz, der Mann der Festwirtin.

Filmemacher Robin K. Bieber, der in dieser Woche die letzte Szene seines ersten Spielfilms „Wake up Call“ in Berlin abdreht, steht zu später Stunde als Vortänzer auf der Electronic-Bühne. Vor allem auf eines freut er sich nun: auf den Friseur! In Monaco, wo sich Stuttgarts Bieber oft aufhält, hatte er eine Wette verloren und durfte sich ein Jahr lang nicht die Haare schneiden. Die Frist ist nun abgelaufen. Teil der Wette war, dass er 10 000 Euro bekommt, wenn er es ein Jahr lang ohne Friseurbesuch aushält.

Fortsetzung folgt im nächsten Wasenjahr

Die Besucher dieser Nacht schwärmen in den höchsten Tönen vom anderen Wasen. „So friedlich geht es sonst in den Zelten nicht immer zu“, meint einer. Für Sonja Merz steht deshalb fest: Auch im nächsten Jahr wird sie zum Raven bitten. Immer nur Schlager ist auf Dauer zu hart.