Das Cannstatter Volksfest erfreut sich seit Jahren großer Beliebtheit. Doch warum braucht man dafür bayerische Trachten? Ein Nachruf auf Zeiten ohne Dirndl und Lederhosen.

Kriminalität, Sicherheit und Justiz: Jürgen Bock (jbo)

Das Cannstatter Volksfest – oder die Wasen, wie Ortsunkundige in Anlehnung an die Münchner Wiesn gerne sagen – ist ein faszinierender Ort. Eine Stadt auf Zeit innerhalb der Stadt, ein eigener Kosmos. Ein Besuch bringt strahlende Lichter, adrenalingeschwängerte Fahrerlebnisse, einen reichlich gefüllten Magen und die unterschiedlichsten Menschen zusammen. Moment mal – wirklich so unterschiedlich?

 

In Sachen Outfit leider nicht. Vielleicht kann sich irgendwer noch daran erinnern, wann sie begann, die unsägliche Mode, sich in Dirndl und Lederhosen zu gewanden, um bei einem Besuch im Festzelt passend gekleidet zu sein. Die Madln mit mehr oder weniger offenherzigem Ausschnitt. Und die Burschen zwängen sich gern in Lederhosen und Karohemden, die durchgeschwitzt ungefähr so riechen wie sauer gewordene Alpenmilch.

Heute geht nichts mehr ohne Dirndl und Lederhosen. Foto: Fotoagentur Stuttgart/Andreas Rosar

Aus dem Volksfest ist ein zweiter Fasching geworden. Inklusive Verkleidungszwang. Vorbei die schönen Zeiten, als man zumindest unter der Woche mit ein paar Freunden einfach so, wie man war, spontan auf den Wasen gehen konnte und in keinem Zelt schräg angeschaut wurde, weil man sich vorher kein Karnevalskostüm angelegt hatte. Damals zog man sich eine alte Jeans und Turnschuhe an, weil man wusste, dass man nachher ohnehin in Bier getränkt sein würde. Heute liegt die Quote derer, die sich ohne Tracht ins Zelt trauen, im Promillebereich, falls dieser Vergleich erlaubt sein darf.

Warum man sich in Württemberg als Bayer verkleidet, um zu feiern? Das weiß kein Mensch. Manche konstruieren, wissend um diese Peinlichkeit, dann sogar noch so etwas wie eine Württemberger Tracht, die angeblich dringend lange Lederhosen benötigt. Ohne ein Historiker zu sein: Arg üblich war das hierzulande sicher nie. Und Dirndl, liebe Trachten-Marketingabteilung, haben mit dem Cannstatter Volksfest so viel zu tun wie Trollinger mit dem Hamburger Fischmarkt.

Doch es gibt sie ja, die Gegenbewegung. Etwa bei den Ultras des VfB Stuttgart. Die traditionsverbundenen Fußballfans hängen zur Volksfestzeit seit Jahren ein riesiges Banner in der Cannstatter Kurve des Neckarstadions, äh, der MHP-Arena, auf. „Bazi-Trachten raus aus Stuttgart“ ist da zu lesen. Sehr lobenswert – auch wenn bezweifelt werden darf, dass sich alle daran halten. Möglicherweise zieht der eine oder andere sich nach dem Spiel doch noch klammheimlich um. Immerhin: Ministerpräsident und VfB-Fan Winfried Kretschmann hat sich furchtlos und treu an diesen Aufruf gehalten und ist zur Volksfest-Eröffnung im weißen Oberteil mit rotem Brustring erschienen.

Vielleicht will man in Stuttgart aber auch einfach nur ein guter Gastgeber für die vielen ausländischen Touristen sein. Die kommen schließlich mit gewissen Erwartungen auf ein deutsches Volksfest. Dazu gehört nicht nur, volltrunken im Festzelt rückwärts von der Bank zu kippen, sondern dies ganz gepflegt in folkloristischer Umgebung zu tun. Genau wie in München beim Oktoberfest. Die meisten können eh nicht so genau unterscheiden, wo sie jetzt gerade sind. Wasen oder Wiesn? Sieht inzwischen fast gleich aus. Und das ist schade. München oder Stuttgart – egal, Hauptsache Bayern.