Cannstatter Wasen Warum ein Eintrittsgeld zum Volksfest eine Schnapsidee ist!
Die großen Feste sicher zu gestalten, kostet viel Geld. Wer soll das zahlen? Womöglich die Besucher über Eintrittsgelder? Eine Schnapsidee, findet Redakteur Frank Rothfuß.
Die großen Feste sicher zu gestalten, kostet viel Geld. Wer soll das zahlen? Womöglich die Besucher über Eintrittsgelder? Eine Schnapsidee, findet Redakteur Frank Rothfuß.
Eintritt für ein Volksfest? Auf diese Idee war der bayerische Bierbrauer Georg Schneider gekommen. Bekannt für seine Schneider Weiße. Nicht für Geistreiches. Ums Oktoberfest zu finanzieren, könne man nicht immer die Wirte und Bierbrauer via höherer Gebühren zur Kasse bitten, sondern auch die Besucher. In Stuttgart gibt es ja eine ähnliche Debatte, die Kosten für die Sicherheit steigen, die Schausteller zahlen schon mehr für ihre Karussells und Buden, nun sind bald die Wirte an der Reihe. Die sagen aber, das sei nicht ihr Bier, sie zahlten ohnehin schon genug.
Na dann, also ran ans Säckel der Wasengänger? Man kann es nicht anders sagen, wer so was vorschlägt, bei dem ist Hopfen und Malz verloren. Ein Volksfest ist kein Freizeitpark. Stimmt schon, beim Oktoberfest könnte man das vergessen. Aber fürs Cannstatter Volksfest gilt: Zwei Drittel der Besucher gehen gar nicht ins Festzelt. Sie schlendern über den Platz, fahren Karussell, essen Zuckerwatte oder schauen nur. Jeder kann dort nach seiner Façon glücklich werden.
Das Volksfest ist einer der wenigen Orte, die wir noch haben, an dem sich alle treffen. Einheimische und Zugereiste, Reiche und Arme, Halbhöhe und Vorort, Alte und Junge. Hier findet man jeden. Und jeder findet, was er sucht. Wer Eintritt verlangt, sortiert – nach Geldbeutel. Genau das Gegenteil von einem Volksfest. Was diese Stadt ganz sicher nicht braucht, ist eine Vergnügungszone, die sich in den gesichtslosen Reigen der Aprés-Ski-, Faschings-, und Malle-Partys einreiht.
Denn das Volksfest hat eine ganz eigene Geschichte, die ganz viel über dieses Land erzählt. Es ist ein zutiefst schwäbisches Fest: Erst die Arbeit, dann das Vergnügen! Im Jahre 1816 erbten König Wilhelm I. und Königin Katharina ein Land, das rückständig und bettelarm war. Kriege hatten Württemberg verwüstet, dann kam der Hunger. Die Asche vom Ausbruch des Vulkans Tambora in Indonesien verdunkelte die Sonne, es gab im „Jahr ohne Sommer“ nur Regen und keine Ernte. Tausende starben. Zigtausende flüchteten. Das Königspaar packte an und legt die Grundlagen für den Wohlstand, den die Menschen heute genießen dürfen.
Das erste Mädchengymnasium, das Katharinenstift, geht auf sie zurück, ebenso das Katharinenhospital. Auch die Universität Hohenheim, an der die Bauern sich fortbilden sollten: Nie wieder sollten kalte Sommer dazu führen, dass die Ernte ausfällt und Menschen verhungern.
Und sie stifteten 1818 das Volksfest – als Agrarmesse, auf der Bauern wetteifern und lernen sollten, und aus Dank, weil die Menschen wieder zu essen hatten. Ein Fest fürs Volk. Das soll es bleiben. Bei freiem Eintritt. Das gesparte Geld kann man ja dann für ein Bier ausgeben.