Cannstatter Wasen Wasenjobs sind heiß begehrt

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Wer den Cannstatter Wasen nutzen will, um ein paar Euros zu verdienen, der kann sich vor Ort beim Jobcenter melden. Völlig unbürokratisch werden dort die Arbeitsstellen auf Zeit vergeben.

Der Arbeitsvermittler Oleg Heintz (rechts) im Gespräch mit Roland Emik, der auf dem Cannstatter Wasen einen Job auf Zeit sucht. Foto: Gottfried Stoppel
Der Arbeitsvermittler Oleg Heintz (rechts) im Gespräch mit Roland Emik, der auf dem Cannstatter Wasen einen Job auf Zeit sucht. Foto: Gottfried Stoppel

Stuttgart - Oleg Heintz gehört zu einem der begehrtesten Männer auf dem Platz. „Am besten ist es, wenn Sie einfach bei uns vorbeikommen“, sagt der 41-Jährige mit seiner lauten und starken Stimme in das Handy, nickt dabei, macht sich Notizen. „Nein, das ist kein Problem, ja, ich hör mich um, super, alles klar, wunderbar. Wiederhören!“ Er legt auf. Der wievielte Anruf es an diesem Tag war, weiß er nicht. Innerhalb der nächsten Stunde wird er 30 Gespräche geführt haben. Oleg Heintz hat sein Büro bei der Arbeitsagentur während der Woche vor dem Fassanstich mit einem kleinen Raum auf dem Festgelände getauscht. Der Platz hier reicht für drei Stühle und einen Schreibtisch. Es reicht, um die Arbeit auf dem Wasen an den Mann zu bringen.

Die Arbeitsvermittlung auf dem Volksfest ist eine Institution. Ob die Agentur für Arbeit ihre jährliche Außenstelle bereits seit 30 oder 40 Jahren hier hat, da ist sich Heintz nicht sicher. „Auf jeden Fall schon eine ganz schön lange Zeit“, sagt er. Es läuft hier immer noch so wie früher: ohne Computer und Internet, stattdessen mit gelben Karteizetteln und einer Menge Kugelschreibern. Schüler, Studenten, Arbeitslose, Hausfrauen, auch Arbeitnehmer in Vollzeit, die sich während der 17 Tage noch etwas dazu verdienen wollen, sprechen bei Heintz vor. Er findet für jeden etwas. Wer Arbeit sucht, wird fündig.

Ein Handschlag und die Sache ist besiegelt

Wie Kevin beispielsweise, der nicht seinen vollständigen Namen in der Zeitung lesen will: Vor kurzem hat er sein Studium beendet, eine Festanstellung ist noch nicht in Sicht. Arbeitslosengeld Zwei hat er bereits beantragt, viel sei das aber nicht, sagt er. „Ich will mir halt noch ein bisschen Geld dazu verdienen.“ Heintz stellt ein paar Nachfragen, wann der junge Mann verfügbar sei etwa. „Nur am Wochenende“, sagt Kevin. Der Mitarbeiter der Arbeitsagentur lässt seinen Blick über die gelben Zettel schweifen, greift nach einigen Sekunden gezielt nach einem der rund 20 Papiere, die fein angeordnet vor ihm liegen. „Schokofrüchte. Schneiden, aufspießen, verkaufen. Wäre das was für Sie?“ Kevin zuckt mit den Schultern, nickt. Warum nicht. Heintz greift zum Handy. „Ja, hallo Frau Kleuser, Sie waren ja eben hier, ich hätte da jemanden für Sie. Wollen Sie noch mal kurz vorbeischauen?“

Doris Kleuser kommt seit 22 Jahren zum Wasen – und nimmt seither die Dienste der Arbeitsvermittlung vor Ort in Anspruch. Eigentlich hat sie ihr eigenes Personal. „Aber am Wochenende ist hier immer so viel los, da brauchen meine Angestellten Unterstützung“, sagt sie. Auf keinem anderen Volksfest holt sie sich zusätzliche Arbeitskräfte – allerdings kann sie sich auch an keine Kirmes erinnern, auf der die Arbeitsagentur eine Außenstelle anbietet. „Das ist schon eine sehr gute Institution hier“, sagt Kleuser. Kevin ist ihr auf Anhieb sympathisch. Ein kurzes Nicken und ein Handschlag besiegeln die Zusammenarbeit auf Zeit.

Auf dem Wasen läuft alles unbürokratisch

Einen Arbeitsvertrag unterschreibt hier niemand. „Das läuft alles ganz unbürokratisch, das ist ja das Besondere“, sagt Oleg Heintz, als er beobachtet, wie Kevin und Doris Kleuser sich über die Rahmenbedingungen einig werden. Dieses unmittelbare Feedback, das er hier bekommt, das mache diese Arbeit so besonders. Besonders sei auch die Motivation einiger Arbeitssuchender, auf dem Volksfest zu jobben. Heintz erinnert sich an eine Dame, die seit 15 Jahren in einem Festzelt bedient, jedes Jahr komme sie wieder. „Die nimmt sich extra dafür Urlaub. Aus Spaß“, sagt er.

Roland Emik sucht nicht aus Spaß eine Arbeit, sondern um sich zusätzlich etwas zu verdienen. „Ich steh schon in Lohn und Brot“, sagt er, „aber bald ist ja schon Weihnachten und in den Urlaub würde ich eigentlich auch ganz gerne.“ Riesen-Hamburger könne er grillen, schlägt ihm Heintz vor. Emik nickt. Heintz nimmt seine Personalien auf. Fünf Minuten Aufwand und ein Handschlag sichern das Urlaubsgeld. Insgesamt wird Heintz wieder um die 100 Jobs vermitteln. Vor Ort ist er nur bis Donnerstag, danach aber jeden Wasen-Tag auf dem Handy erreichbar – sowohl für die Arbeitssuchenden als auch für die Arbeitgeber. „Manchmal springt jemand ab oder es gibt einen Krankheitsfalls, dann kümmern wir uns um Ersatz“, sagt er. Er ist ein begehrter Mann.