Cannstatter Wasen Zurück zu den Wurzeln des Volksfestes

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Die Cannstatter CDU hat pünktlich zum Wasen-Beginn einen Antrag gestellt. Der Inhalt reduziert sich auf zwei Forderungen: die Eröffnung soll traditionell am Samstag an der Fruchtsäule stattfindet und das Programm sich stärker an den Traditionen orientieren.

Disco statt Tradition: im Festzelt wird auf den Bänken getanzt. Foto: Wilhelm Mierendorf
Disco statt Tradition: im Festzelt wird auf den Bänken getanzt. Foto: Wilhelm Mierendorf

Stuttgart - Mit Traditionen ist das ja immer so eine Sache. „Traditionen sind dazu da, sie zu bewahren“, sagen die einen. Für die anderen sind Traditionen nicht mehr als eine nette Anekdote aus der Vergangenheit, getreu dem Motto: „Man muss mit der Zeit gehen, Traditionen verhindern den Fortschritt.“

Das Cannstatter Volksfest scheint sich zwischen den beiden Extremen zu bewegen: Medienwirksamer Fassanstich und Ballermann-Sternchen auf der einen Seite, Traditionsmorgen und vereinzelte württembergische Künstler auf der anderen. Die örtliche CDU-Bezirksbeiratsfraktion hat in der vergangenen Woche, also pünktlich zum Wasen-Beginn, einen Antrag gestellt. Der Inhalt lässt sich auf zwei Forderungen reduzieren: Zum einen dringen die Unterzeichner darauf, dass die offizielle Eröffnung wieder traditionell am Samstag an der Fruchtsäule stattfindet. Zum anderen solle sich das Programm wieder stärker an den Traditionen orientieren und wieder vorrangig mit Beiträgen aus Baden-Württemberg gestaltet werden. Man wolle „zurück zu den Wurzeln“ des Volksfestes.

Zusätzlicher Freitag als Einnahmequelle für Wirte

Die heutige Eröffnung des 169. Cannstatter Volksfest am Nachmittag wird keinen der beiden von der CDU gewünschten Punkte berücksichtigen. Seit dem Jahr 2007 öffnet – entgegen der Tradition – der Festplatz bereits am Freitagnachmittag seine Tore, der Fassanstich folgte bisher am selben Abend. Der zusätzliche Freitag ist eine nicht zu unterschätzende Einnahmequelle für Wirte und Schausteller, zudem erhöhte der SWR die Bedeutung des Stuttgarter Fassanstichs durch eine Liveübertragung im Fernsehen.

In diesem Jahr nun gibt es keine Liveübertragung. Das hat man zum Anlass genommen, den Fassanstich auf 15 Uhr vorzuverlegen und somit auf dieselbe Zeit wie die Eröffnung. Das Fass, das OB Fritz Kuhn (Grüne) anstechen wird, wird also tatsächlich das erste auf dem Festgelände sein – vorher darf niemand Bier ausschenken. Denn seit der Fassanstich auch zu Hause vor dem Fernseher zu sehen war, wurden Eröffnung und Anstich entzerrt und das Bier schon vor der offiziellen Eröffnung in den Festzelten ausgeschenkt.

Während der OB im vergangenen Jahr am Abend fleißig hämmerte, bedachten ihn CDU-Anhänger mit Buhrufen und Pfiffen. Auf der Bühne machte er einen gelassenen Eindruck, hinter den Kulissen soll er gebrodelt haben. Es wird gemunkelt, dass auch deswegen das erste Bier nicht mehr dem Volke zusteht. Weder Roland Schmid (CDU) noch Hans-Peter Fischer vom Cannstatter Volksfestverein sprechen sich gegen den Freitag als ersten Wasen-Tag aus. „Die offizielle Eröffnung muss ja nicht der Anfang des Festes sein“, sagt Schmid. Er sehe ein, dass der Freitag ein wichtiger wirtschaftlicher Faktor sei, allerdings findet er den Zeitpunkt mehr als unglücklich gewählt. „Die meisten müssen um diese Zeit noch arbeiten“, sagt er.

Freitag vorgeschaltet, Samstag offiziell

Hans-Peter Fischer stimmt ihm zu: „Eine Idee wäre ein vorgeschalteter Freitag mit offizieller Eröffnung am Samstag an der Fruchtsäule. Die Traditionen müssen gewahrt werden.“ Apropos Tradition: Antonia aus Tirol, der Musik-Act in diesem Jahr, habe eher mit Ballermann und gar nichts mit Stuttgart gemein. Marcus Christen von In Stuttgart, dem Veranstalter des Volksfestes, zieht eine klare Grenze zwischen Fassanstich und dem Traditionsmorgen am Samstag: „Die Leute nehmen es doch an“, sagt er, „das Zelt ist voll – wir haben genauso viele Zusagen der Ehrengäste wie in den Jahren zuvor.“

Andreas Kroll, Geschäftsführer der Veranstaltungsgesellschaft, sagt, er habe auch Künstler aus der Region für die Eröffnung angefragt, aber: „Die einen konnten nicht, die anderen wollten nicht.“ Man versuche, den aktuellen und sich wandelnden Charakter des Volksfestes mit den Traditionen in Verbindung zu bringen und denen auch Tribut zu zollen. „Wir werden es nie allen recht machen können“, sagt Kroll.