Cap Anamur feiert Jubiläum Ein Schiff für Vietnam

Ein kämpferischer Idealist: Rupert Neudeck. Foto: dpa

Seit vierzig Jahren engagiert sich der Verein Cap Anamur – gegründet von Christel und Rupert Neudeck und Heinrich Böll – für Menschenrechte auf der Welt. Das Ziel: aus Hilfe soll schnell Selbsthilfe vor Ort werden, damit die Menschen in ihrer Heimat bleiben können. Eine Würdigung.

Stuttgart - Heute braucht es eine Internationale Bankkontonummer (IBAN), aber im Kern ist die Ziffernfolge für Spenden an Cap Anamur die gleiche geblieben: 2 222 222, Stadtsparkasse Köln. Leicht zu merken – Einblendungen waren nicht erlaubt – mussten die Zahlen sein, als der Journalist Rupert Neudeck im Sommer 1979 in der SWF-Sendung „Report Baden-Baden“ von seinem Plan erzählte, den Boatpeople im Südchinesischen Meer helfen zu wollen. 40 000 Menschen waren da bereits auf einer Insel gestrandet – allesamt Flüchtlinge aus der Republik Vietnam, die zuvor nach dem Sieg der Kommunisten 1975 und der Wiedervereinigung von Nord- und Südvietnam 1976 in Umerziehungslagern eingesperrt gewesen waren.

 

„Die Verdammten der Meere“ nannte seinerzeit der französische Philosoph André Glucksmann die Bootsflüchtlinge. Neudeck, geborener Danziger und Ende des Zweiten Weltkriegs selber nach dramatischer Flucht in Troisdorf in der Nähe von Köln gelandet, hatte in Paris ein Gespräch mit Glucksmann über die Lage der Boatpeople geführt und war seitdem überzeugt, persönlich helfen zu müssen. Gemeinsam mit seiner Frau Christel wandte sich Neudeck mit seinem Anliegen an den Schriftsteller Heinrich Böll, der sofort und anhaltend für öffentliche Aufmerksamkeit sorgte. Während der damalige CSU-Generalsekretär Edmund Stoiber noch den SWF für den „Report“-Beitrag rüffelte, waren die Fakten schon geschaffen: 1,2 Millionen Mark gingen allein in den ersten drei Tagen an Spenden ein. Das Komitee „Ein Schiff für Vietnam“, drei Jahre später als Verein Cap Anamur/Deutsche Notärzte eingetragen, rettete in den folgenden Jahren 11 300 Flüchtlinge, die alle in Deutschland Aufnahme fanden.

Die Linken waren damals kritisch

Im Nachhinein liest sich die Geschichte der Cap Anamur freilich einfacher, als sie gewesen ist. Zunächst gab es keine Versprechen der Bundesregierung zu helfen. Nach Interventionen des damaligen UN-Flüchtlingskommissars jedoch traten auch bundesdeutsche Politiker Schritt für Schritt für die Aufnahme der Flüchtlinge ein, allen voran der niedersächsische Ministerpräsident Ernst Albrecht, dem Lothar Späth in Baden-Württemberg, Bernhard Vogel in Rheinland-Pfalz und Johannes Rau in Nordrhein-Westfalen folgten.

Eine wenig rühmliche Rolle spielten seinerzeit Teile der deutschen Linken, allen voran der Schriftsteller Peter Weiss, der dazu riet, nicht den Flüchtlingen, sondern Vietnam zu helfen. Böll entgegnete so lakonisch wie entwaffnend, er hätte auch „Adolf Eichmann aus dem Wasser gezogen“. Menschen müssten gerettet werden, und er empfinde eine physische Abneigung gegenüber jedweder Selektion. Rupert Neudeck vertraute auf die Empathiefähigkeit der Deutschen, schließlich waren 14 Millionen selber Flüchtlinge und Vertriebene gewesen. Zum dreißigsten Geburtstag des Vereins konnte Neudeck, der im Jahr 2016 gestorben ist, resümieren, dass die „Cap Anamur das schönste Ergebnis des deutschen Verlangens“ gewesen sei, „niemals wieder feige, sondern immer mutig zu sein“.

Millionen Kinder geimpft

In diesem Sinne agiert der Verein bis heute: Er hat mehr als 40 Schulen in Afghanistan gebaut, Krankenhäuser im Sudan, im ehemaligen Jugoslawien und in Syrien, Minen im Kongo räumen lassen und Wasserleitungen in Somalia gebaut. In über 60 Ländern wurden 25 Millionen Patienten behandelt, acht Millionen Kinder wurden geimpft. All dies wurde und wird koordiniert in einem Reihenhauswohnzimmer in Troisdorf: „Wir haben es“, hat Günter Grass über das Ehepaar Neudeck geschrieben, „mit Idealisten zu tun“, die sich erst mal nicht um bestehende Richtlinien kümmerten, sondern mit Menschen, „die felsenfest davon überzeugt sind, die Welt bewegen zu können“. Sich selbst zu feiern hat der Verein keine Zeit, aber immerhin: Am Samstag gibt es im Kölner Rautenstrauch-Joest-Museum einen kleinen Jubiläumstag, „40 Jahre Cap Anamur – 40 Jahre Leben retten“. Mit Grußwort der Bundeskanzlerin.

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