Care-Arbeit bei jungen Eltern in Stuttgart Wenn Papa nicht in Elternzeit gehen darf

Nur zehn Prozent der Väter in Deutschland nehmen nach der Geburt eines Kindes länger als zwei Monate Elterngeld in Anspruch. Foto: dpa

Care-Arbeit ist fest in Frauenhand. Wie kann sich dieses Ungleichgewicht so hartnäckig halten? Liegt es am Gehaltsunterschied, oder trauen Mütter den Vätern nichts zu? Wir haben mit jungen Stuttgarter Familien über ihre Elternzeitmodelle gesprochen. [StZ Archiv]

Care-Arbeit ist in Deutschland fest in Frauenhand. Zuerst werden die Kinder aufgezogen, danach betreut man die Eltern oder Schwiegereltern. So zumindest der Eindruck, wenn man die aktuellsten Statistiken durchliest. Und doch gibt es Väter, die sich um ihre Kinder kümmern. Aber es sind lächerlich wenige: Nur zehn Prozent der Väter, die in Elternzeit gehen, nehmen mehr als die zwei Monate, die für den vollen Bezug des Elterngeldes nötig sind.

 

Seit der Einführung des Elterngelds im Jahr 2007 hat sich der Anteil der Väter von 20 auf 43 Prozent verdoppelt. Das bedeutet, dass mehr als die Hälfte aller Väter das Elterngeld überhaupt nicht nutzt. Über die Gründe dafür gibt die Studie keine Auskunft.

Wer nimmt wie viel Elternzeit?

Die Elternzeit-Entscheidung liegt nicht selten bei der Partnerin: So erklären 20 Prozent der Väter, die die zwei Vätermonate genommen haben, dass ihre Partnerin nicht damit einverstanden war, dass sie mehr Elternzeit nehmen. Und sogar 31 Prozent geben an, dass sie sich nach den zwei Partnerschaftsmonaten richten müssen. Trauen Mütter Vätern nicht zu, sich alleine um das Kind zu kümmern? Auch das behaupten etwa fünf Prozent der Väter.

Nach der Elternzeit übernehmen Väter übrigens auch weniger Sorgearbeit als Mütter. Laut dem aktuellem Väterreport der Bundesregierung arbeiten berufstätige Mütter nebenher doppelt so viel in der Kinderbetreuung und im Haushalt wie Väter.

„Ich musste mich durchsetzen“

Doch warum nehmen Väter nur zwei Monate oder eben gar keine Elternzeit? Schließlich gelten Männer doch immer als das durchsetzungsstarke Geschlecht? Wir haben drei Stuttgarter Familien nach ihren unterschiedlichen Modellen befragt.

Alexander (33), eine Tochter (zwei Jahre)

Alexander: „Meine Partnerin und ich mussten lange diskutieren, bis es für beide gepasst hat. Als wir erfahren haben, dass wir ein Kind bekommen, war für mich klar, dass ich auch zu Hause bleiben möchte – und zwar länger als die zwei obligatorischen Vätermonate. Mir ist aufgefallen, dass viele andere Väter gar nicht wissen, dass sie mehr Elternzeit nehmen dürfen. Oder stellen sie sich dumm?

Meine Partnerin ist zehn Monate bei unserer Tochter geblieben und hat dann in Teilzeit wieder angefangen. Ich bin dann weitere acht Monate bei ihr geblieben. Jetzt geht unsere Kleine in die Kita. Wir haben schon vor der Schwangerschaft Geld weggelegt und arbeiten nun wieder Vollzeit, um das Loch im Budget zu stopfen. Ehrlich gesagt, musste ich mir die acht Monate schon erkämpfen, da meine Partnerin gerne die vollen zwölf Monate bei unserem Kind geblieben wäre. Im Nachhinein sind wir aber beide zufrieden mit unserer Entscheidung.

Es war eine anspruchsvolle Zeit, die ich aber nie missen würde. Meine Partnerin hat mir von Anfang an das Gefühl gegeben, dass ich das schaffen werde. Misstrauen gegenüber meiner Verantwortung als Vater wurde mir eher random von älteren Frauen ausgesprochen, die mir nicht nur einmal erklären wollten, wie man sein Kind anzieht und erzieht. Mittlerweile kann ich darüber lachen. Unsere Tochter ist aktuell zwar sehr Mama-fixiert, ich steh auf dem Treppchen aber auch ganz oben.“

Sarah (38) und Thomas (36), ein Sohn (acht Monate)

Sarah: „Wir haben uns dazu entschieden, dass ich den Großteil der Elternzeit übernehme. Thomas hat mich am Anfang für einen Monat unterstützt, da ich dachte, es alleine nicht hinzukriegen. Wenn unser Sohn neun Monate alt ist, nimmt er noch einen Monat, damit wir zu dritt verreisen können. Im Prinzip war es eine pragmatische Lösung, da Thomas mehr verdient als ich.“

Thomas: „Wir haben errechnet, dass wir im Monat etwa 3000 Euro brauchen. Für Miete, Essen, Anschaffungen, die Autos und Freizeit. Sarah zahlt davon 600 Euro, den Rest übernehme ich. Es gab gar keine große Debatte, da es für Sarah von Anfang an selbstverständlich war, dass sie länger als ein Jahr daheim bleibt. Ich wäre auch gerne etwas länger beim Baby geblieben. Da ich aber im Homeoffice arbeite, sehe ich unseren Sohn zumindest ständig.“

Carola (35) und Matthias (35), ein Sohn (15 Monate)

Carola: „Ich habe zwei Jahre Elternzeit beantragt mit der Option, früher zurückzukehren, abhängig von der Betreuungssituation unseres Kindes. Wir haben uns im Vorfeld intensiv damit beschäftigt, haben eine Infoveranstaltung besucht und alles durchgerechnet, haben uns bei Freunden umgehört, wie sie das machen und warum. Die letztendliche Entscheidung war dann eine gemeinsame. Jeder hat seine Bedürfnisse benannt, und daraus haben wir dann die Lösung abgeleitet. Wir haben es auch wirtschaftlich betrachtet: Es lohnt sich für Matthias mehr, den Abbau von Urlaub beziehungsweise Gleitzeit und den Abbau des Langzeitarbeitskontos zu nutzen, um dennoch zwei Monate ‚Elternzeit‘ zu nehmen, aber das volle Gehalt zu bekommen – und einen Ausgleich für mich finanziell zu schaffen für das, was ich zurückstecke.“

Matthias: „Ich wäre gerne mehr bei unserem Sohn gewesen, aber ob das in Form der klassischen Elternzeit sein muss oder auch wieder über mehr Urlaub oder anders realisierbar ist, ist für uns noch offen. Generell würde ich mich gerne mehr einbinden, also mehr Familienzeit einplanen. Dazu gibt es einige Überlegungen: Ich könnte zeitweise Stunden reduzieren oder eine Vier-Tage-Woche machen. Auch längere Phasen am Stück freizunehmen, egal ob als Elternzeit oder anderweitig, wäre eine Option für mich.“

StZ Archiv: Dieser Text erschien erstmals am 10. September 2024

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