Care-Arbeit in der Kunst Männer sind Putzlappen
Auch Künstlerinnen hatten irgendwann genug, nebenher den Haushalt schmeißen zu müssen. Vor ihren künstlerischen Kommentaren müssen sich Männer in Acht nehmen.
Auch Künstlerinnen hatten irgendwann genug, nebenher den Haushalt schmeißen zu müssen. Vor ihren künstlerischen Kommentaren müssen sich Männer in Acht nehmen.
Wer weiß, wie ihre Küche aussah, ob die Spüle blitzblank war und man vom Boden hätte essen können. Birgit Jürgenssen widmete sich dem Haushalt ausgiebig, im Grunde drehte sich ihr Leben fast ausschließlich um Kochen und Putzen, Waschen und Schrubben – allerdings nicht dort, wo es vielleicht nötig gewesen wäre. Denn Birgit Jürgenssen war nicht Hausfrau, sondern Künstlerin.
Das eine schließt das andere freilich nicht aus – und genau das stieß Künstlerinnen seit den 1960er Jahren bitter auf. Sie mussten wie die männlichen Kollegen um ihre Karriere ringen, sollten dabei aber noch den Haushalt schmeißen und die Kinder versorgen. Deshalb setzte sich Ulrike Rosenbach 1972 für den Kurzfilm „Einwicklung mit Julia“ ihre Tochter auf den Schoß und wickelte sie mit Mullbinden an sich, um zu zeigen, dass die viel beschworene Einheit von Mutter und Kind nicht mehr als eine gesellschaftliche Zuschreibung ist.
Heute verklausuliert man das Schrubben, Scheuern, Schuften lieber und spricht von Care-Arbeit. Auf Birgit Jürgenssens Zeichnung von 1975 sah das anders aus – da rutschen die Frauen auf den Knien über den Boden, benutzen dabei aber keine Putzlappen, sondern, hoppla, winzige Männer zum Wischen. Karin Mack trägt am Ende ihrer Fotoserie „Bügeltraum“ (1975) sogar einen Totenschleier – sie hat sich buchstäblich zu Tode gebügelt.
Seit der kapitalistischen Arbeitsteilung ab 1800 seien Kochen, Putzen und Sorgen zunehmend abgewertet worden, heißt es in dem neuen Bildband „Kochen. Putzen. Sorgen“ aus dem Hatje Cantz Verlag, der sich mit „Care-Arbeit in der Kunst seit 1960“ befasst und bewusst macht, wie viele Künstlerinnen auf der weiten Welt schon das Thema Hausarbeit thematisiert haben.
Margaret Raspé montierte zum Beispiel auf einem Helm eine Kamera und dokumentierte, wie sie kocht und backt, wie sie zum Mehl greift, die Tüte mit dem Messer öffnet, das Mehl in die Schüssel kippt. Die Selbstbeobachtung verdeutlicht den Zeitaufwand dieser Handarbeit.
Es geht aber um mehr als schnöde Arbeit, sondern um die Rolle, in die die Frau als Mutter und Hausfrau gedrängt wird. Bei Birgit Jürgenssen ist deshalb nicht nur die Schürze der Hausfrau, sondern auch das Gesicht kariert, oder besser: klein kariert.
Andere Künstlerinnen waren da deutlich aggressiver. So wollte man der amerikanischen Konzeptkünstlerin Martha Rosler nicht in der Küche begegnen. In ihrem Kurzfilm „Semiotics of the Kitchen“ von 1975 führte sie die Werkzeuge der Hausfrau vor – und wollte mit Hamburgerpresse, Suppenkelle und Saftpresse unübersehbar Kastrationsängste schüren. Küchenhelfer als Waffen im Geschlechterkampf.
Heute wird diese politisch aufgeladene Kunst, die die Gesellschaft und individuelle Lebensentwürfe gerechter machen wollte, gern als feministisch abgestempelt, als ginge das Thema nur ein paar Frauen an. Trotzdem hatte die Kunst einen wichtigen Anteil daran, Hausarbeit endlich sichtbar zu machen und sie – wie übrigens schon in der ersten Frauenbewegung um 1900 gefordert wurde – auch zu professionalisieren und zu entlohnen. Deshalb gibt es heute eine Ausbildung zur Hauswirtschafterin oder auch das Studienfach Ökotrophologie.
Im Privaten wird trotzdem weiterhin kostenlos geschuftet – und noch immer gelten Frauen dabei offenbar als Expertinnen fürs Wischen und Wedeln, was zumindest Online-Ratgeber wie „Frag Mutti“ glauben machen wollen.
Kochen. Putzen. Sorgen. Care-Arbeit in der Kunst seit 1960. Herausgegeben von Friederike Sigler, Linda Walther. Verlag Hatje Cantz, 384 Seiten, 48 Euro