Carl Laemmle: Filmpionier aus Schwaben Die Stimmung kippt 1930

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Zunächst beruht die Zuneigung auf Gegenseitigkeit. Laupheims Honoratioren hofieren den weltberühmten und steinreichen Sohn der Stadt. Laemmle richtet eine Armenstiftung ein, deren Erträge laut Satzung "ohne Ansehen der Konfession" an Mittellose im Ort verteilt werden. Er steuert die Hälfte des Geldes für den Bau einer Turnhalle in der Bühler Straße bei und spendiert dem Schulhaus ein Bad. Laemmle wird als Wohltäter gefeiert, man benennt eine Straße nach ihm und ernennt ihn zum Ehrenbürger. Bei seinem Besuch im August 1926 titelt der "Laupheimer Verkünder": "Onkel Carl herzlich willkommen!" Noch drei Jahre später schwärmt das Lokalblatt, "wie sehr Laupheim durch unseren Landsmann Lämmle bekannt geworden ist".

Die Stimmung kippt, als Laemmle 1930 Erich Maria Remarques Bestsellerroman "Im Westen nichts Neues" verfilmt, der realistisch die Kriegserlebnisse junger deutscher Soldaten im Ersten Weltkrieg schildert. Der Produzent Laemmle erhält am 5.November 1930 im Ambassador Hotel in Los Angeles den Oscar in der Kategorie "Bester Film" überreicht. 36 Tage später wird "Im Westen nichts Neues" in Deutschland verboten. Der "Völkische Beobachter" hetzt gegen den "Filmjuden Laemmle". Und in Laupheim beantragt ein Stadtrat, bei Anfragen an die Verwaltung mitzuteilen, dass Laemmle nicht Ehrenbürger sei. Das Gremium ist einstimmig dafür. Die Lämmle-Straße wird umbenannt, weil, so der Schultheiß, "die politische Entwicklung der letzten Monate dies notwendig erscheinen lässt". Carl Laemmle ist tief gekränkt: "Ich habe alles für meine kleine Stadt getan, und jetzt gibt es keine ,Lämmle-Straße' mehr."

Wirtschaftskrise zwingt zum Verkauf

1967, zu seinem hundertsten Geburtstag, erinnert sich in Laupheim niemand an den Filmmogul. Erst als die Stadt, die einst die größte jüdische Gemeinde Württembergs beherbergte, in den 80er Jahren beginnt, ernsthaft ihre jüngere Vergangenheit aufzuarbeiten, wird auch Laemmles Bedeutung erkannt. Heute trägt nicht nur das örtliche Gymnasium, sondern auch ein Weg im Neubaugebiet und ein Brunnen in der Rabenstraße seinen Namen. Am Geburtshaus in der Radstraße9 hat der Verkehrs- und Verschönerungsverein eine Gedenktafel angebracht. Und im Museum zur Geschichte von Christen und Juden in Laupheim gibt es seit elf Jahren einen eigenen Laemmle-Trakt. Im hinteren Teil der Ausstellung ist ein kleines Kino untergebracht, die Besucher können zwischen zwei Vorführungen wählen: einer Dokumentation über die Universal-Studios und einem Urlaubsfilm, den Laemmle im Sommer 1924 zum eigenen Vergnügen drehen ließ. Man sieht, wie der 1,55-Meter-Mann seinem um einen Kopf größeren Sohn Julius stolz die Sehenswürdigkeiten seiner Heimatstadt zeigt.

Als Julius 1928 bei Universal einsteigt, stellt er sich dem Personal als "Carl Laemmle junior" vor. Der Juniorchef, ein Fan von Gruselgeschichten, produziert einige Kassenschlager: "Dracula" (mit Bela Lugosi), "Die Mumie", "Frankenstein" sowie die Fortsetzung "Frankensteins Braut" (jeweils mit Boris Karloff in der Hauptrolle). Doch die Weltwirtschaftskrise und die wachsende Konkurrenz durch Studios wie Paramount und Metro-Goldwyn-Mayer zwingen Carl Laemmle 1936, sein Imperium für viele Millionen Dollar zu verkaufen.

Als Gründer von Hollywood, als Traumfabrikant mit Marktinstinkt ist Carl Laemmle in die Filmgeschichte eingegangen. Laemmle war maßgeblich beteiligt, als eine neue Kunstform kreiert wurde, der Spielfilm. Er erkannte, dass man die Massen für diese Kunst begeistern kann. Dennoch: seine größte Tat war keine unternehmerische, sondern eine humanitäre.

Von 1936 an stellt Carl Laemmle Bürgschaftserklärungen aus. Mehreren Hundert jüdischen Familien aus Laupheim, Nürnberg, Berlin und zig anderen Städten ermöglichen seine sogenannten Affidavits die Immigration in die USA. In einem Brief an den amerikanischen Konsul in Stuttgart schreibt Laemmle: "Sie können sicher sein, dass, wenn ich ein Affidavit ausstelle, ich es in voller Kenntnis meiner Verantwortung tue und mein ganzes Herz und meine Seele damit verbunden sind. Ich brauche Ihnen nichts von den Leiden erzählen, die deutsche Juden in diesen Zeiten durchmachen, und ich fühle, dass jeder einzelne Jude, der finanziell in der Lage ist, diesen in übler Weise Bedürftigen zu helfen, dies unerschütterlich tun sollte."

Carl Laemmle bleibt die unmittelbare Erfahrung des Holocaust erspart. Er stirbt im September 1939, am 24. Tag des Zweiten Weltkrieges, in Beverly Hills.

Programmtipp: Der Fernsehsender Arte zeigt morgen um 20 Uhr die Dokumentation "100 Jahre Hollywood - Die Carl-Laemmle-Story".

 

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