Carl Laemmle: Filmpionier aus Schwaben Der reiche Onkel aus Amerika

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Carl Laemmle gilt als Gründer Hollywoods. Der Filmpionier wurde in seiner schwäbischen Heimat zunächst gefeiert, verunglimpft und vergessen.

Carl Laemmle im Gespräch mit Albert Einstein. Foto: Haus der Geschichte
Carl Laemmle im Gespräch mit Albert Einstein. Foto: Haus der Geschichte

Los Angeles - Noch lebt ein Mensch, der aus eigener Anschauung erzählen kann, was diesen Mann ausgemacht hat. Carla Laemmle, die Nichte von Carl Laemmle, wohnt in einem hübschen Häuschen in West Hollywood. Sie ist inzwischen 101 Jahre alt, was man ihr jedoch nicht anmerkt. Aus ihrem lippenstiftroten Mund sprudeln farbige Erinnerungen. Sie sagt, ihr Onkel habe zwar wie ein Zwerg ausgesehen, gleichwohl wie ein Riese gewirkt: "Er war ein entzückender kleiner Kerl mit einem Bäuchlein. Aber alle hatten Respekt vor ihm und verehrten ihn."

Wie jede gute Vom-Tellerwäscher-zum-Millionär-Geschichte spielt auch diese in Amerika. Am 28.Januar 1884 bricht der 17-jährige Carl Laemmle von Bremerhaven aus ins gelobte Land auf, 16 Tage später legt das Segeldampfschiff Neckar in New York an. Laemmle, zehntes Kind eines Grundstückshändlers, hat in seiner Heimatstadt Laupheim die Lateinschule besucht und in Ichenhausen eine Lehre als Kaufmann gemacht. Jetzt sucht er das große Abenteuer. "Schon in Laupheim las er eine Menge über Indianer, Cowboys, Reiter im Wilden Westen und Buffalo Bill", schreibt Jahrzehnte später sein Sohn Julius.

Rund um Chicago schlägt sich Carl Laemmle zunächst mit Gelegenheitsjobs durch, ist mal Erntehelfer, mal Laufbursche, mal Zeitungsausträger. Zu bescheidenem Wohlstand kommt er erst, als er eine Stelle als Buchhalter bei Continental Clothing in Oshkosh (Wisconsin) erhält, sich indem Textilunternehmen zum Geschäftsführer hocharbeitet und die Nichte des Inhabers heiratet. Laemmle steuert auf die vierzig zu, als er beschließt, sich selbstständig zu machen.

Seit einem Vierteljahrhundert befasst sich Udo Bayer intensiv mit dem Leben von Carl Laemmle. Bayer reiste in die USA, besuchte Museen, durchforstete Archive und freundete sich schließlich mit Carla Laemmle an, der Nichte seines Forschungsgegenstands. "Noch heute telefonieren wir jeden Freitagabend", erzählt er. So erfährt Udo Bayer alles, was man über Carl Laemmle erfahren kann.

1994 sorgt der Studiendirektor dafür, dass seine Lehranstalt auf den Namen Carl-Laemmle-Gymnasium getauft wird. Das ist kein leichtes Unterfangen, denn nicht jeder in dem 20000-Einwohner-Städtchen Laupheim ist davon begeistert, dass eine Schule nach jenem Juden benannt wird, der einst das Popcornkino erfand. Auf der einen Seite stehen Bildungsbürger, die über den amerikanischen Film prinzipiell die Nase rümpfen. Und auf der anderen Seite, so Bayer, "die Nachkommen von Hitlers kleinen Profiteuren". Und zwischen den Stühlen: Dr. Udo Bayer.

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