Carl Palmer und Ian Paice spielten in Rutesheim Uhlenspiegel: Eine Pächter-Ära ist zu Ende

Auch Deep Purple-Keyboarder Don Airey begeisterte bei seinem Auftritt das Publikum im Uhlenspiegel. Foto: /factum /Jürgen Bach

Fast 50 Jahre lang war Manfred Uhle der Chef des legendären Uhlenspiegels, erst in Leonberg, dann in Rutesheim. Die Stadt hat seinen Vertrag nicht mehr verlängert und sucht einen Nachfolger.

Die letzte Veranstaltung im Rutesheimer Uhlenspiegel war auf den 25. März in diesem Jahr datiert. Da heizte die Hardrockband „Purple Familiy“ dem Publikum noch einmal kräftig ein. Seitdem ist es ruhig geworden um den kultigen Musikclub. Die Gäste kommen auch nicht mehr in den kulinarischen Genuss des gut bürgerlichen Essens, das von so vielen hochgelobt wurde. Denn seit einiger Zeit ist die Tür im Gebäude mit der Adresse Im Bonholz 3 zu. Auch telefonisch gibt es kein Durchkommen.

 

Wegen Personalmangel geschlossen

Eine Erklärung hierfür liefert der Eintrag auf der Homepage: „Wegen Personalmangels ist der Uhlenspiegel geschlossen.“ Eine Nachfrage bei der Rutesheimer Stadtverwaltung gibt mehr Aufschluss. „Der Vertrag mit dem Pächter Manfred Uhle wurde seitens der Stadt aus persönlichen Gründen nicht mehr verlängert“, sagt Martin Killinger, der Erste Beigeordnete der Stadt Rutesheim. Näher will er sich nicht dazu äußern. Jedenfalls gehört die Immobilie seit Januar 2013 der Stadt, sie hatte diese von den vorherigen Besitzern Manfred und Monika Uhle abgekauft, die den Uhlenspiegel ab diesem Zeitpunkt als Pächter weiterhin betrieben hatten. „Nun hoffen wir auf einen neuen Pächter, der diese gute und sehr langjährige Tradition der erfolgreichen Musikgaststätte fortführt“, sagt Killinger. Die bisherige Koch- und Service-Mannschaft sei in wesentlichen Teilen bereit, weiterzuarbeiten. „Wir brauchen aber jemanden, der die Verantwortung trägt“, so der Erste Beigeordnete.

Was wie eine nüchterne Personalie klingt, ist auch für den Ersten Beigeordneten eine emotionale Angelegenheit, zumal er um die Besonderheit dieser Einrichtung weiß. Die eigentliche Institution des Uhlenspiegels, im Volksmund auch unter dem Namen Bräu bekannt, war der heute 77-jährige „Manne“ Uhle. Mit seinem Ausscheiden geht eine Ära zu Ende. Der Uhlenspiegel war schon immer mehr als eine Kneipe oder eine Gaststätte, die Uhle in den frühen Siebzigern zunächst in der Leonberger Bahnhofstraße eröffnete, bis er 1979 in die Maybachstraße zog, wo er eine einstige Gerberei umgebaut hatte. Schnell erreichte die Musik-Kneipe Kult-Status, denn der Wirt hatte sich ein gutes Netzwerk aufgebaut, wie man heute sagt. Er hatte es geschafft, auch viele internationale Stars regelmäßig nach Leonberg und später nach Rutesheim zu holen. Wie beispielsweise Ian Paice, britischer Schlagzeuger und Gründungsmitglied der Gruppe Deep Purple oder Keyboarder Don Airey, seit 2002 Deep Purple-Mitglied. Auch Drummer Carl Palmer (Emerson, Lake&Palmer) hat im Bräu vorbeigeschaut. Gespielt wurden sämtliche Musikrichtungen von Classic Rock, Reggae, Blues, Pop bis hin zu Hardrock.

Die Wände mit Dämmmaterial abgehängt

Die Bands kämen, weil sie die familiäre Atmosphäre schätzten, sagte einmal der eher wortkarge Manfred Uhle. In der Maybachstraße hatte er die Wände mit Dämmmaterial abgehängt, wenn die Verstärker bei den legendären Auftritten eingeschaltet wurden, denn gleich hinter dem damaligen Möbel Mutschler begann schließlich die Wohnbebauung, und nicht alle freuten sich über die lauten Töne während eines Konzerts. Im Jahr 2006 die Hiobsbotschaft: Projektentwickler der Lebensmittel-Kette Kaufland wurden auf der Suche nach einem geeigneten Gelände für einen neuen etwa 4700 Quadratmeter großen Markt gegenüber dem ehemaligen Handelshofs in der Maybachstraße – wo heute eine Autowerkstatt samt Reifenhandel ist – fündig. Der Tüv war dort angesiedelt, und auch das Bräu. Nach 33 Jahren hätte das das Aus für die Leonberger Kneipe bedeutet, was in der Szene für große Aufregung sorgte. Selbst der Leonberger Prominente Matthias Holtman – Musiker sowie ehemaliger Hörfunk-Redakteur- und Moderator – hatte in unserer Zeitung ein Plädoyer auf das Bräu gehalten. Der damalige OB Bernhard Schuler hatte die Bedeutung der Musik-Kneipe nicht nur für die Jugend erkannt und war bei seinem Wahlkampf auf Stimmenfang an der Theke in der Maybachstraße gegangen.

Die finanzielle Last drückt auf die Schultern

Die große Erleichterung wenig später: Kaufland fand in der Römerstraße ein passenderes Grundstück. Der Uhlenspiegel konnte bleiben. Dennoch wurde es Manfred Uhle irgendwann zu heiß, er wollte seine Zukunft selbst in die Hand nehmen und suchte in Leonberg eine alternative Örtlichkeit – ohne Erfolg. Die Rutesheimer zögerten hingegen nicht lange, umwarben den Kult-Gastronomen und holten ihn schließlich im Jahr 2010 zu sich ins Gewerbegebiet Bonholz.

Das Grundstück für einen Neubau stellten sie ihm in Erbpacht zur Verfügung, die Kommune übernahm sogar eine Bürgschaft. Innerhalb kürzester Zeit wurde das neue Gebäude hochgezogen. Allerdings drückte die finanzielle Last der Familie Uhle letztlich doch zu stark auf die Schultern. Zwar boomte der Gastronomie-Betrieb weiterhin, doch die kulturellen Veranstaltungen konnten die Uhles nicht mehr alleine stemmen. Die Stadt Rutesheim sprang in die Bresche, löste alle Darlehen ab und kaufte das Gebäude. Ab sofort waren Monika und Manfred Uhle nicht mehr die Eigentümer, sondern die Pächter des Uhlenspiegels. Jetzt sucht die Stadt einen neuen Pächter.

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