Carl-Schweizer-Museum in Murrhardt Vier Generationen und die Kunst, Natur- und Heimatgeschichte greifbar zu machen

, aktualisiert am 29.09.2025 - 19:13 Uhr
Christian Schweizer gewährt Einblicke in sein Reich. Foto: Gottfried Stoppel

Vom ausgestopften Dackel bis zur Wildkatze von 1893: In Murrhardt zeigt ein Museum, wie Natur- und Heimatgeschichte lebendig bleiben – und welche Rolle eine Familie dabei spielt.

Rems-Murr : Frank Rodenhausen (fro)

Drei ausgestopfte Dackel empfangen den Besucher im Foyer. Moritz (1907), Hexle (1917) und Bürschle (1956) – ehemals Hausgenossen der Familie Schweizer, nun konservierte Zeitzeugen. Sie wachen über einen Ort, der mehr ist als ein Museum: ein Stück gelebte Familiengeschichte, ein Archiv der Natur, eine Chronik der Region. Wer hier eintritt, lässt den Alltag hinter sich und betritt ein Kaleidoskop aus Federn, Fossilien und Erinnerung.

 

Das Museum wurde eigentlich bereits 1931 als „Murrhardter Museum“ von Carl und Egon Schweizer gegründet. 1950, nach Krieg, Zerstörung und Verlagerung, wagte die Familie den Neubeginn. Das wird jetzt mit einer Festwoche zum 75-jährigen Bestehen gefeiert. Die Geschichte des Hauses ist auch die Geschichte einer Familie, die sich der Natur- und Heimatkunde verschrieben hat. Was heute wie ein charmantes Kuriosum wirkt, war – und ist auch heute noch – ein Knochenjob gegen die Gleichgültigkeit der Zeitläufte.

Museum Murrhardt: Geschichte aus Familienhand

Nach der Gründung in einer stillgelegten Weberei folgte die kriegsbedingte Schließung. 1943 starb Carl Schweizer, das Museum musste räumen. Die Sammlung wurde über Murrhardter Dachböden, Scheunen und Kapellen verteilt. Zwischenzeitlich kampierte sie sogar unter dem Kirchendach. Pfarrfrau Findeisen öffnete die Walterichskapelle, während draußen die Welt in Trümmern lag.

Egon (rechts) und Rolf Schweizer beim Neuaufbau des Museums Foto: Carl-Schweizer-Museum

Nach 1945 dann: Aufbau statt Aufgeben. 1950 öffnete das Museum neu, nun benannt nach Carl Schweizer. Der Bau? Eine Mischung aus Mut, Muskelkraft und familiärem Idealismus. Ein Projekt, das keiner Förderung bedurfte – aber umso mehr Durchhaltevermögen.

Bis heute ist das Museum Familiensache. Christian Schweizer, Nachfahre in vierter Generation, führt es mit Sorgfalt, Sachverstand und Haltung. Er ist zoologischer Präparator, Restaurator, Heimatforscher. Einer, der noch weiß, wie man einen Luchs montiert oder einen Steinzeitfund einordnet.

Das Museum selbst entstand ursprünglich aus dem eigentlichen Hauptberuf des Urgroßvaters Carl Schweizer, der als Präparator tätig war, zunächst in Schwäbisch Hall, später in Murrhardt. Was als Lehrmittelproduktion für Schulen begann, entwickelte sich zur Sammlung und schließlich zum Museum. Alle vier Generationen der Familie Schweizer haben diesen Beruf erlernt – ein Erbe, das sich durch das gesamte Haus zieht wie ein roter Faden durch ein Diorama.

Tradition als gelebte Praxis: vier Generationen Präparatoren

Ein Lieblingsstück? Die Wildkatze von 1893. Vom Urgroßvater präpariert, einst Eigentum eines Försters. In dessen Testament stand: Zurück an den Präparator. „So eine Geschichte hat kein Display“, sagt Christian Schweizer. „Originale sprechen, wenn man ihnen zuhört.“

Die Wildkatze ist das älteste Präparat – sie stammt aus dem Jahr 1893. Foto: Gottfried Stoppel

Aber: „Den Leuten fehlt die Muße“, sagt er. „Museen wie unseres geraten im Alltagsdonner des Mediengedöns immer mehr unter Druck. Dabei sind wir ökonomischer als jede Kultur GmbH: Der Chef wischt hier auch mal den Boden.“

Carl-Schweizer-Museum zwischen Engagement und Existenzdruck

Das Herzstück: die großen Natur-Dioramen. Ein Bartgeier stürzt sich auf Beute, ein Elch röhrt in den nordischen Wald. Davor der Luchs auf dem Rehbock. Alles echt – bis auf das Leben. Keine Jagdtrophäen, sondern Tiere aus Wildparks und Zoos. Die Bergkulisse türmt sich mehrere Meter hoch, bestückt mit echten Pflanzen, die jährlich ausgetauscht werden.

Auch das Drumherum ist bemerkenswert: Die zoologischen Präparate sind teilweise über 100 Jahre alt, stammen aus der Zeit, als Carl Schweizer seine Werkstatt in Schwäbisch Hall führte. Die Gestaltung – oft mit theatraler Kulisse und malerischer Tiefe – trägt unverkennbar die Handschrift einer kunsthandwerklichen Tradition, die sich über Generationen verfeinert hat.

Einzigartige Naturkundesammlung in Baden-Württemberg

Daneben: Geschichte zum Anfassen. Pfeilergrabmale aus der Römerzeit, Fragmente der Reformation, Geschichten vom Widerstand, als Demokratie in Murrhardt auf Zetteln und Sitzbänken wiedergeboren wurde. Ein Medienraum flackert dazu: Landrätekonferenz 1945, Filmsequenzen, Zeitdokumente. Die Fundstücke reichen zurück bis in die Altsteinzeit – mit eigenen Rekonstruktionen des „Steinheimer Urmenschen“.

Neben der Dauerausstellung organisiert das Museum regelmäßig Sonderausstellungen – zuletzt etwa zum 20-jährigen UNESCO-Jubiläum des Limes oder zur Alltagskultur im 19. Jahrhundert. Dabei zeigt sich: Das Haus will nicht nur bewahren, sondern auch bewegen.

Heimatmuseum mit historischem Tiefgang und Haltung

„Wir sind kein Platzhirsch, der nur steht und röhrt – wir singen auch mit im Takt“, sagt Christian Schweizer. Gemeint ist: Man hält Schritt mit der Gegenwart, ohne sich ihr zu verkaufen. Nicht museal verstaubt, sondern diskussionsfreudig. Das CSM versteht sich als Ort des Austauschs.

Das Museum will nicht nur zeigen, sondern ins Gespräch kommen. Es steht für eine Haltung: Dass Kultur kein Luxus ist, sondern Daseinsvorsorge. Auch – oder gerade – im ländlichen Raum. In Zeiten schrumpfender Budgets und digitaler Verdrängung könnte genau das seine Stärke sein.

Kulturvermittlung im ländlichen Raum – mit Herz und Konzept

Wer das Carl-Schweizer-Museum besucht, betritt keinen sterilen Ausstellungsraum. Sondern ein Panoptikum mit Seele. Es knarzt, es riecht nach Holz und Geschichte – und man geht klüger hinaus, als man hineingegangen ist. Vielleicht auch etwas demütiger. Und mit einem neuen Blick auf das, was bleibt, wenn vieles andere längst vorbei ist.

Festwoche zum Jubiläum

Festakt
Feierlicher Auftakt ist Mittwoch, 1. Oktober, 17 Uhr, in der Festhalle Murrhardt mit Grußworten, Festvortrag (Prof. Dr. Gerhard Fritz), Bilderschau, Musik der „Kleinen Blechbläserei“ und Empfang unterstützt von der Narrenzunft „Murreder Henderwäldler“.

Führungen
Allgemeine und zoologische Führungen: Freitag, 10 / 11 / 14 Uhr. Historische Sammlung & Museumsgeschichte: Freitag, 15:30 Uhr & Samstag/Sonntag 15 Uhr. Film und Dialog | Freitag & Sonntag, 15 Uhr Kinovorführung „Second Life – Das zweite Leben“ zur Kunst der Tierpräparation, Kommunales Kino Murrlichtspiele. Eintritt: 7 Euro (inkl. Museumseintritt).

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