Carlo Hörr, deutscher Meister, Turnen, Interview „Ich bin ein Schisser am Reck“

Carlo Hörr, erneut deutscher Meister am Reck, hat gut lachen. Foto: Eva Herschmann

Carlo Hörr vom TSV Schmiden hat am vergangenen Sonntag in Berlin wieder die deutsche Meisterschaft am Königsgerät gewonnen. Dabei mag der 23-Jährige das Turngerät gar nicht so sehr.

Als Carlo Hörr vom TSV Schmiden im vergangenen Jahr in Dortmund deutscher Meister am Reck wurde, hat das nicht wenige überrascht. Am vergangenen Sonntag in Berlin hat der 23-Jährige seinen Titel verteidigt – auch damit war nicht unbedingt zu rechnen. Denn eigentlich mag Carlo Hörr die Höchstleistungen an der Stange in luftiger Höhe gar nicht wirklich, wie er im Kunst-Turn-Forum in Stuttgart verraten hat.

 

Herr Hörr, wie viel Geld hätten Sie im Vorfeld der deutschen Meisterschaften in Berlin auf ihre Titelverteidigung am Reck gewettet?

(lacht) Ehrlich gesagt wette ich grundsätzlich nicht um Geld. Aber sagen wir es mal so: Ich wusste auf jeden Fall um meine Chancen am Reck. Trotz all dem ist alles möglich im Turnen, und die Wettkampfsituation ist immer wieder eine andere.

Sie sind als Sechster und Letzter der Qualifikation am Donnerstag ins Reckfinale eingezogen. Mit welchen Gedanken sind Sie aus dem Mehrkampf gegangen und mit welchen als Erster im Finale am Sonntag an das Gerät?

Ich wusste natürlich, dass ich in der Qualifikation keine gute Übung geturnt hatte. Umso mehr war ich froh, dass es trotzdem für das Finale gereicht hatte. Als Erster an das Gerät zu müssen ist natürlich immer eine besondere Aufgabe, weil man das Finale eröffnet und natürlich die anderen direkt unter Druck setzen möchte. Ich wusste, was ich kann und was ich nach der Qualifikation verbessern musste. Dass es dann so gut geklappt hat, hat mich natürlich umso mehr gefreut.

Was ging in Ihrem Kopf vor, als nach Ihrem starken Auftritt ein Konkurrent nach dem anderen patzte?

Ich bin tatsächlich grundsätzlich immer nervöser, wenn ich anderen beim Turnen zuschauen muss (lacht). Aber das Schöne in unserer Sportart ist, dass wir uns alle gut untereinander verstehen und jeder dem anderen den Erfolg gönnt. Nachdem ich meine Wertung bekommen hatte, war mir natürlich schon bewusst, dass es reichen könnte. Aber im Endeffekt habe ich erst daran geglaubt, als die letzte Wertung da war.

Die Vorbereitungen auf die deutschen Meisterschaften liefen ja nicht optimal, kurz vor den Titelkämpfen wurden Sie krank. Warum hat es dennoch so gut geklappt?

Ich denke, ich konnte da einfach auf die Erfahrung der vergangenen Jahre zurückgreifen. Je älter man wird, desto mehr „trainiert“ man mit dem Kopf und stellt sich viel mehr die Bewegungsabläufe vor. Auch wenn ich definitiv nicht topfit war, konnte ich trotzdem auf die Erfahrung tausender Versuche im Training über die Jahre zurückgreifen.

Sie haben einige Elemente in Ihrer Reckübung, bei denen einem schon beim Zugucken die Schultern wehtun. Warum tun Sie sich das an?

Ich bin eigentlich ein Schisser am Reck (lacht). Während andere Turner mit einer Vielzahl an spektakulären Flugelementen die Schwierigkeit ihrer Übung erarbeiten, habe ich mich auf meine Stärke der Beweglichkeit gerade in den Schultern fokussiert. Da kann dann auch nicht so viel passieren (lacht erneut). Der Weg, den ich eingeschlagen habe, hat sich ja nun auch in der vergangenen Zeit mehr als bewährt.

Sie sind eigentlich als Alleskönner und Mehrkämpfer gesetzt, doch das Reck scheint sich immer mehr zu Ihrem stärksten Turngerät zu entwickeln. Wie kommt das?

Auch wenn ich durchaus meine Erfolge feiern konnte am Reck, sehe ich mich trotzdem weiterhin als ein Mehrkämpfer. Ich denke, was mir aber definitiv am Reck hilft, ist, dass ich eine Übung zusammengestellt habe, die nicht sehr viele Abzüge zulässt. Gerade in dieser Zeit, in der das Weltniveau immer besser wird, hat dieser Aspekt stark an Bedeutung gewonnen, was mir zugutekommt.

Was ist anders als zweifacher deutscher Meister?

Ich bin eine Goldmedaille reicher (lacht). Es bestätigt mich auf jeden Fall auf meinem Weg und gibt mir natürlich nochmals Motivation für die kommenden Wochen.

Was sind Ihre nächsten Ziele?

Mein Traum wäre natürlich die Teilnahme an den Heim-Europameisterschaften in München im September. Mitte Juli und Anfang August sind da unsere Qualifikationswettkämpfe, auf die ich mich jetzt mit vollem Fokus konzentriere und hinarbeite.

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