Carsharing Das Autoteilen wird zur Normalität

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Die Not mit Parkplatzsuche und teuren Reparaturen ist weg, aber man ist trotzdem uneingeschränkt mobil und außerdem flexibel bei der Autowahl: so sieht ein Carsharing-Kunde sein neues Leben. Eine Studie Stuttgarter Forscher.

Der neueste Trend: das Elektroauto zum Mitnehmen. Foto: dpa
Der neueste Trend: das Elektroauto zum Mitnehmen. Foto: dpa

Stuttgart - Es tut sich was auf Deutschlands Straßen. Als vor gut 20 Jahren in Stuttgart und andernorts umweltbewegte Menschen Vereine gründeten und erste Autos zur gemeinsamen Nutzung anschafften, waren sie noch Außenseiter. Inzwischen gibt es deutlich mehr als 300 000 Autoteiler in Deutschland. Der Stuttgarter Pionier Stadtmobil hat 8000 Kunden und ist nur einer von vier Anbietern, die sehr unterschiedliche Konzepte verfolgen.

„Ist das Carsharing im Mainstream angekommen? Und wie bringen wir die Leute dazu, die bis jetzt noch nicht dabei sind?“ Diese zwei Fragen stellte am Donnerstag Ortwin Renn einer Runde von Verkehrsexperten auf einer Tagung in Stuttgart-Vaihingen. Anlass war, dass das von dem Stuttgarter Sozialwissenschaftler geleitete Zentrum für interdisziplinäre Risiko- und Innovationsforschung (Zirius) in einem Forschungsprojekt die Motive für die Teilnahme am Carsharing und die Hürden, die eine Teilnahme verhindern, untersucht hat. Rund anderthalb Jahre lang haben die Forscher, gefördert mit 100 000 Euro von der deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU), in Stuttgart und Leipzig nach Antworten auf Renns zwei Fragen gesucht.

Froh, die Sorge um das Auto los zu sein

Befragt wurden Carsharing-Nutzer, Nichtnutzer und Nichtmehrnutzer in direkten Interviews und in einer Online-Umfrage, und Experten aus Praxis und Wissenschaft wurden um ihre Einschätzung gebeten. Die Ergebnisse sind nicht alle eindeutig und schon gar nicht statistisch repräsentativ. Aber sie zeigen, wohin der Trend geht. Umweltgründe, so kristallisierte sich heraus, sind keineswegs das Hauptmotiv der Kunden. Wer sein Auto abschafft und sich für das klassische Carsharing entscheidet, ist in erster Linie froh, die tägliche Sorge um den Parkplatz und die Wartung des Fahrzeugs los zu sein. Dazu kommen die Neugier, die Einsicht, dass es – außer für Vielfahrer – billiger ist, und die flexiblere Autowahl. „Und dann ist es ja auch noch umweltfreundlich“ – dieses Argument, so Michael Zwick von Zirius, werde oft nur nachgeschoben. Die Experten auf der Tagung waren sich aber einig, dass Carsharing genau deshalb gefördert werden sollte, weil es die Umwelt entlastet.

Verblüffend waren die Argumente derer, die Carsharing nicht nutzen und nicht nutzen wollen: Dass viele von ihnen Carsharing teuer finden und das Buchungsverfahren viel zu kompliziert, deutet darauf hin, dass diese Befragten weder rechnen noch sich informieren.

Die Ergebnisse, wie sie gestern Zwick und seine Kollegen Marco Sonnberger und Michael Ruddat vorstellten, machen deutlich, dass zum Carsharing wechselt, wer, wie Zwick es formulierte, sein privates Auto für verzichtbar hält. In der Präsentation und der anschließenden Diskussion unter Vertretern von Verkehrsunternehmen, Car­sharingfirmen und Wissenschaftlern wurde deutlich, dass zu diesem Gefühl der Verzichtbarkeit einige Voraussetzungen gehören. Weit oben steht der Wunsch nach Gewissheit, stets mobil zu sein. Dabei spielen Verknüpfungen zu öffentlichen Verkehrsmitteln eine wichtige Rolle. Die Mobilitätsgewissheit haben aber Menschen auf dem Land oft nicht. Deshalb ist der typische Carsharing-Kunde ein Stadtbewohner, um die 35 und meistens männlich.

Die Not mit den Stellplätzen

Doch die Jüngeren holen auf. Ortwin Renn nannte die Zahlen: Noch erklären 68 Prozent aller Jugendlichen zwischen 15 und 20 Jahren ein eigenes Auto für wichtig. Doch vor zehn Jahren seien es noch 88 Prozent gewesen. Junge Kunden versuchen die Anbieter über ein flexibles Buchen per Smartphone und eine große Vielfalt von Fahrzeugen, auch solchen mit Spaßfaktor, zu gewinnen.

Ulrich Stähle von Stadtmobil Stuttgart bremste aber die Begeisterung. „Bevor ich die Banane verkaufen kann, muss sie im Laden liegen“, formulierte er griffig. Er meinte damit ein Thema, das sich durch die ganze Tagung zog: Carsharing-Unternehmen wie Stadtmobil kämpfen um Stellplätze in den Städten. Alle anwesenden Experten anerkannten die Stellplatznot als eines der Haupthindernisse für die bessere Präsenz des Carsharings. Doch seit weit mehr als zehn Jahren scheitere eine Lösung an rechtlichen Hemmnissen, sagte Gerd Lottsiepen vom Verkehrsclub VCD. Er hatte aber eine gute Nachricht: Im Berliner Verkehrsministerium werde, da sei er zuversichtlich, jetzt endlich ernsthaft über eine neue rechtliche Regelung nachgedacht. Ein bisschen dauern werde das aber noch.