Die Casa Vecchia zum Hirsch lockt mit leicht gehobener italienischer Küche. Foto: Stefanie Schlecht
Nach aufwendiger Sanierung durch die Wohnstätten Sindelfingen öffnet das Wirtshaus in neuem Gewand unter dem Namen „Casa Vecchia zum Hirsch“ mit gehobener italienischer Küche. Wer sind die neuen Wirte?
Für Sascha Reuß schließt sich ein Kreis: Als kleiner Junge saß er schon mit seinen Eltern am Stammtisch im Hirsch, „vorne links“, erinnert er sich. Von dieser Woche an führt er das Gasthaus an der Ziegelstraße 32 zusammen mit seinem Freund und Geschäftspartner Gaetano Giglio.
Für den Unternehmer Sascha Reuß, der eine IT-Firma leitet, geht damit ein Traum in Erfüllung, denn „meine Leidenschaft war schon immer die Gastronomie“. Gaetano Giglio hingegen ist darin fest etabliert: Der gebürtige Sizilianer leitete sechs Jahre lang in Stuttgart das Lokal San Pietro, dann eröffnete er das Milano im Gewerbegebiet Sindelfingen. Dort wurde nach acht Jahren sein Vertrag nicht verlängert, und so kam für ihn das Angebot, den Hirsch zu übernehmen, genau zur rechten Zeit.
Dass in dem traditionsreichen Sindelfinger Gasthaus nach siebenjähriger Pause nun wieder die Lichter angehen, freut auch Oberbürgermeister Bernd Vöhringer. „Das ist ein großartiger Tag für Sindelfingen“, sagte er bei der Eröffnungsfeier am Mittwochabend und erinnerte an Monika und Claus-Peter Giffhorn, die den Hirsch mehr als 30 Jahre lang geführt und geprägt hatten. Vöhringer dankte den neuen Gastgebern für ihren Mut, den Hirsch gastronomisch neu zu bespielen, und den Wohnstätten Sindelfingen, die das denkmalgeschützte Gebäude 2020 von der Stadt abgekauft, grundsaniert und damit den Weg für ein neues Lokal geebnet haben.
Das frisch sanierte Wirtshaus ist „ein Schmuckstück“
Der Geschäftsführer der Wohnstätten gab zu, anfangs wenig begeistert von dem Sanierungsprojekt gewesen zu sein. „Aber wenn ich mich heute umschaue, muss ich sagen: Wir haben ein Schmuckstück geschaffen“, sagte Georgios Tsomidis. Die lang andauernde Diskussion über die Sanierung und den weiteren Betrieb des Gasthauses nannte er eine „Odyssee“, die zum Finden eines guten Weges aber wohl notwendig gewesen seien. Sein Wohnungsunternehmen habe sich folgendes Ziel gesetzt: „Wir wollten das Wahrzeichen nicht nur bewahren, sondern es wiederbeleben.“
Grund zur Freude für Sascha Reuß, Georgios Tsomidis, Gaetano Giglio und OB Bernd Vöhringer (v.l.). Foto: Stefanie Schlecht
Im November 2021 hatten die Wohnstätten den Bauantrag eingereicht – dass der Baustart erst Mitte 2023 erfolgte, nannte Tsomidis niemandes Schuld. Weder die Stadt noch sein Unternehmen hätten etwas dafür gekonnt; es hätten schlichtweg verschiedene Prozesse durchlaufen werden müssen. Der erste Versuch, zusammen mit der Radeberger Gruppe ein Lokal aufzubauen, sei nicht erfolgreich gewesen, man habe sich im Guten voneinander gelöst. Den Hinweis des Wirtschaftsförderers Felix Rapp, dass Gaetano Giglio ein neues gastronomisches Objekt suche, sei „ein Glücksfall“ gewesen.
Langer Leerstand, Sanierung im Rekordtempo
Danach lief laut Tsomidis alles im Rekordtempo ab. Im Mai 2024 wurde der Pachtvertrag mit Giglio und Reuß unterschrieben. Die beiden Gastronomen hätten „gewirbelt“ und so schnell Entscheidungen getroffen, wie er es selten bei Bauprojekten erlebe. Tsomidis betonte auch die gute Zusammenarbeit mit verschiedenen Handwerkern. Am 6. Dezember sei alles fertig für eine Eröffnung noch vor dem Weihnachtsgeschäft gewesen, allerdings seien die Möbel erst jetzt im Februar geliefert worden. „Die zwei haben es verpennt beziehungsweise haben nicht damit gerechnet, dass wir pünktlich fertig werden“, sagte Tsomidis und lachte Giglio und Reuß freundlich zu.
Rund 3,5 Millionen Euro haben die Wohnstätten in das denkmalgeschützte Gebäude investiert. Unter anderem wurden Räume neu aufgeteilt, Oberflächen erneuert, die Fassade gestrichen und aktuelle Technik eingebaut. Wert legte das Wohnbauunternehmen darauf, originale Elemente wie Wandverkleidungen und Türen zu erhalten und so die historische Atmosphäre zu bewahren. Die Küche wurde in den ersten Stock verlegt und bietet viel Platz – die Wirte planen schon Küchenpartys mit Gastköchen. Gespeist werden kann in zwei Gasträumen, außerdem gibt es eine Bar sowie eine Zigarrenlounge. Pünktlich zur Draußensaison soll auch die Terrasse eröffnet werden, für Kinder ist ein kleiner Spielplatz geplant. Im Dachgeschoss sind zwei Wohnungen renoviert, in denen Personal unterkommen soll.
Gemütlichkeit in der Zigarrenlounge. Foto: Stefanie Schlecht
Die Wirte freuen sich, in der Casa Vecchia, was übersetzt altes Haus heißt, nun loszulegen. „Wir sind in große Fußstapfen getreten, die Giffhorns waren sehr bekannt“, sagt Reuß. Um daran anzuknüpfen, hätten sie den Hirsch extra im Namen behalten. „Er stand für Qualität, dafür wollen wir auch stehen.“
Giglio wird die kulinarische Leitung übernehmen und im Service präsent sein, Reuß alles kaufmännische regeln. „Ich springe aber auch ein, wenn nötig, ich bin mir für nichts zu schade und super gerne Gastgeber“, sagt der Unternehmer. Ihr Haus wollen sie verstanden wissen als Lokal mit leicht gehobener italienischer Küche, in dem man an der Bar auch mal nur einen Espresso oder Cocktail trinken kann. Pizza gibt es nicht, dafür eine übersichtliche Karte mit Finesse, auf der regelmäßig saisonale Gerichte wechseln. „Wir wollen nichts Steifes, sondern eine lockere, gastfreundliche Art“, sagt Reuß.
Ein altes Haus mit neuem Leben
Geschichte Das Gasthaus wurde erstmals 1456 in einem Kaufvertrag erwähnt, 1711 zum ersten Mal als Brauerei bezeichnet. Laut OB Vöhringer gab es einen Brand, der das Haus zerstörte, es musste wieder neu aufgebaut werden. Auch als Jazzlokal war es erfolgreich. Die Idee, einen Jazzkeller zu reaktivieren, hätte aufgrund fehlender Fluchtwege nicht realisiert werden können.
Start Los geht es am Freitag, 21. Februar, mit einem sogenannten Silent Opening, also einer Eröffnung im Stillen. Das heißt, die Internetseite bleibt zunächst offline, Reservierungen werden noch keine angenommen. Aber wer kommt, darf bleiben. So soll sich das Team langsam einspielen können.
Geöffnet Samstagmittags und dienstags bleibt der Hirsch zu, an den anderen Tagen gibt es Mittagstisch und Abendkarte.