Ein Tripsdrill-Scare-Actor in ihrer Rolle: Die Altweibernächte sind eine der wichtigsten Veranstaltungen des Parks, das Casting eine ernste Angelegenheit. Foto: Lukas Baumelt/Tripsdrill
Bei den Altweibernächten wird Tripsdrill zum begehbaren Horrorfilm. Jedes Jahr bewerben sich Dutzende auf einen der begehrten Erschrecker-Jobs. Beim Casting zeigt sich: Hinter dem Gruseltrend steckt viel Leidenschaft – und eine Liebesgeschichte.
„Eine Minute ab jetzt, ihr dürft loslegen“, sagt Jurychef Mathias Schwappach zu den zwei Bewerbern. Im Veranstaltungsraum im Freizeitpark Tripsdrill wird es still, nur von außen drängt Kindergeplapper herein, ein Wagen der Achterbahn „Karacho“ rauscht knatternd und begleitet von freudigem Kreischen am Fenster vorbei. Plötzlich ein weiterer Schrei, ein ganz anderer als der von außen – schrill, beklemmend und markerschütternd.
Auf dem Boden liegt Shannon, 25 Jahre alt. Ruckartig richtet sie sich auf, als wäre sie eine Marionette, mit panischem Blick und zitternd. Ihr Partner Laurin steht vor ihr, sein Lachen tief und finster. In den Händen hält er ihr Herz. Zumindest spielt er das überzeugend. Mit breitem, verstörendem Grinsen präsentiert er es der Jury. Schnitt. Willkommen beim Grusel-Casting für die „Schaurigen Altweibernächte“ in Tripsdrill.
Laurin und Shannon schocken die Jury – und das in unter einer Minute. Foto: Tripsdrill/Lukas Baumelt
Jedes Jahr im Oktober verwandelt sich der Freizeitpark in eine albtraumhafte Kulisse: dunkle Gänge, flackerndes Licht, maskierte Gestalten. Rund 90 ehrenamtliche Live-Erschrecker sorgen dafür, dass Tausende Besucher schaudern, aber auch lachen. Beim Casting der neuen Schauspieler in Tripsdrill lernt man den Horror-Trend näher kennen, die Lust am Albtraum und die Realitätsflucht.
18 Kandidatinnen und Kandidaten haben es an diesem Samstag in die engere Auswahl geschafft, am Ende werden nur acht als sogenannte Scare-Actors aufgenommen. Die Anforderungen: Improvisationstalent, Bühnenpräsenz, Belastbarkeit und Freude an der Angst. Die Rolle erfordert stundenlanges Spiel in Kostüm und Maske, oft bei Dunkelheit und Kunstnebel – und das alles ohne Bezahlung.
Liebespaar zum Gruseln
Wer will sich das antun? Da ist beispielsweise Xenia, die angehende Sozialarbeiterin interessiert sich seit ihrer Jugend für mystische Kulte und würde bei den Altweibernächten gerne ihre Kreativität ausleben. Oder Daniel, Informatiker und Horrorfilmfan, der von den Leistungen der Schauspieler in den Grusel-Labyrinthen, den sogenannten „Mazes“, schwärmt. Und die Kfz-Mechanikerin Selina, die jeden Schocker der Tripsdrill-Mazes der vergangenen Jahre auswendig kennt. Für viele ist das Gruseln nicht nur ein Hobby, sondern eine Flucht aus dem Alltag, der Routine, der Realität.
Shannon und Laurin – das Paar mit Expertise im Herz herausreißen – heben sich nicht nur durch ihre Performance von den anderen ab. Sie sind ein eingespieltes Duo mit einer gemeinsamen Geschichte: Kennengelernt haben sie sich 2018 als Schauspieler bei den „Fright Nights“ im Holiday Park bei Speyer und sind seitdem ein Paar. Sie sei Expertin für die Schockmomente, er der bessere Schauspieler, sagt Shannon über die Rollenverteilung in der Beziehung.
Die Jury um Mathias Schwappach (Mitte) gibt teils knallhartes Feedback. Foto: Tripsdrill/Lukas Baumelt
„Ich bin der totale Halloween-Ultra“, sagt Shannon, die als Rettungssanitäterin arbeitet. Alles rund um Zombies, Horrorfilme und Kunstblut sei genau ihr Ding. Er sei kein Horror-Fanatiker, sagt Laurin, seine Leidenschaft sind Freizeitparks. Der 22-jährige Elektriker geht alle zwei Wochen in den Europa-Park und kennt jede Achterbahn in Deutschland und darüber hinaus. An ihren freien Wochenenden gehen Shannon und Laurin mal auf Horrormessen, mal in Freizeitparks. „Wir beeinflussen uns da gegenseitig mit unseren Hobbys“, sagt Shannon. Beim Live-Erschrecken bringen sie beide Leidenschaften zusammen.
Die Idee der Grusel-Mazes ist eng mit Freizeitparks verknüpft. Schon in den 1980er-Jahren begannen die Universal Studios und die Knott’s Berry Farm in Los Angeles, die Idee der Geisterbahnen in Horror-Erlebnisse weiterzuentwickeln. In den 2000er-Jahren schwappte der Trend nach Deutschland – zunächst in den Europa-Park, später auch in kleinere Freizeitparks.
Ein Hobby mit Anspruch: Die Scare-Actors der Schaurigen Altweibernächte müssen stundenlang schauspielern und erschrecken. Foto: Tripsdrill/Lukas Baumelt
Für die Region leistete der Verein Mais Maze ab 2007 Pionierarbeit in einem Ditzinger Maisfeld. In mühevoller Kleinarbeit bauten die Vereinsmitglieder alle Jahre wieder neue Kulissen, bastelten an ihren Kostümen und karrten Unmengen an Hackschnitzel in das Maisfeld, um dieses begehbar zu machen. Dann klopften die Verantwortlichen von Tripsdrill an.
Der Park wollte eine eigene Grusel-Show nach dem Vorbild der großen Freizeitparks – eine Chance für den Verein. Die Mitglieder dürfen seit Jahren neue Gruselgeschichten entwickeln, Kulissen entwerfen und an den Schockmomenten tüfteln. Der Park setzt die kreativen Ideen dann in die Tat um.
Im Maze hat man nur einen Gedanken
„Es ist die Ablenkung und die Realitätsflucht“, erklärt Mathias Schwappach von Mais Maze den Erfolg der Horrorrundgänge. Egal ob Besucher oder Live-Erschrecker, es gehe darum, ein paar Stunden aus dem Leben auszubrechen und nur einen einzigen Gedanken zu haben: Was lauert hinter der nächsten Ecke?
Zurück im Castingraum, die fünfköpfige Jury ist begeistert von Shannon und Laurin. Der Wahnsinn in den Augen, der spitze Schrei und die Story des verrückten Pärchens, das sich das Herz raubt, haben überzeugt. „Und ihr habt die Zeit eingehalten“, lobt Mathias Schwappach. „Das ist wichtig, denn im Maze habt ihr nur wenig Zeit, um das Publikum zu packen.“
Die Jury muss nicht lange beraten, Shannon und Laurin gehören im Herbst zu den acht neuen Scare-Actors für die „Schaurigen Altweibernächte“. Während sich Shannon noch über die Nominierung freut und Pläne für den Herbst schmiedet, denkt Laurin schon an die Tripsdrill-Achterbahnen, die er nach dem Casting noch fahren wird.