Castorf-Premiere in Stuttgart „Faust“ unter Starkstrom

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Frank Castorf inszeniert Carles Gounods Oper „Faust“ zwischen Entstehungszeit, Algerienkrieg und Hier und Jetzt als großes, gedankenreiches Spektakel an der Stuttgarter Staatsoper.

Sänger der Oper Stuttgart Adam Palka (l, Mephistoteles) und Attala Ayan (r, Faust) bei den Proben für die Oper „Faust“. Die Neuinszenierung von Frank Castorf hat am 30. Oktober 2016 Premiere gefeiert. Foto: dpa
Sänger der Oper Stuttgart Adam Palka (l, Mephistoteles) und Attala Ayan (r, Faust) bei den Proben für die Oper „Faust“. Die Neuinszenierung von Frank Castorf hat am 30. Oktober 2016 Premiere gefeiert. Foto: dpa

Stuttgart - Am 9. September 1871, die Kommune ist erledigt, unterschreibt der Dichter Arthur Rimbaud als „Baron Ziegenfurz“ einen Brief, der es in sich hat: „Die Linke!...“, steht da, „was ist das eigentlich, die Linke?… Man macht sich ganz falsche Vorstellungen von diesen Leuten. Letztlich passen sie sich viel mehr an, als man von ihnen erwartet. Die Alten konvertieren und schlagen sich auf der Tribüne und vorm Tribunal an die Brust…, die Jungen wollen Karriere machen und halten sich für jede Wendung offen…“

Das, ungefähr, ist die Lage, als der Vorhang in der Stuttgarter Staatsoper zu Beginn von Charles Gounods „Faust“, halb Grand Opéra, halb Opéra lyrique, zum ersten Mal hochgeht, um einen Blick freizugeben auf ein Paris, das Aleksandars Denics wiederum geniales Bühnenbild auf zwei, wenn nicht drei oder noch mehr Zeitebenen ansiedelt: zu sehen ist die Hauptstadt zur Entstehungszeit des Stücks, 1859 (Richard Wagner schreibt im Moment am „Tristan“), und zu Beginn des französischen Algerienkriegs nach dem Ende der Vierten Französischen Republik, 1960. Verschachtelt ineinander sind die Metro-Station Stalingrad und das „Café Or Noir“. Schwarzes Gold. Eine Dachterrasse, später ein Flüchtlingscamp von heute. Alles hängt in der Geschichte mit allem zusammen. Und die Historie kommt immer zurück.

Das wiederum ist zu sehen auf zwei Stoffbahnen als Projektionsflächen, die Castorf (und der brillante Videoregisseur Martin Andersson) in einem fort mit Reminiszenzen und Live-Nahaufnahmen bespielen lassen: vom deutsch-französischen Krieg von 1870/71 und den Massakern in Nordafrika. Daneben aus derselben Zeit vorgeblich heile, französische Werbewelt der Endfünfzigerjahre: die neuesten Automodelle wollen gewienert werden, und OMO, das Reinigungsmittel für die ganze Welt, wäscht alles weiß, weißer geht’s nicht. Eine Illusion. Was sonst? Alle Fragen sind gefragt, alle Antworten verbraucht. Was bleibt? Nichts. Oder?

Es ist angerichtet – Mitten ins Herz

Nichts, „Rien“, ist das erste, von Faust gesungene Wort in der Oper, und es fällt, nachdem der Gelehrte, mittlerweile Clochard mit wehen Füßen, ergrautem Haar und verbrauchten Gesichtszügen, in der Telefonzelle an der Ecke Stalingrad/Maxim Gorki, den Hörer aufgehängt hat: kein Anschluss mehr unter auch nur irgendeiner Nummer. Nichts.

Frank Castorf hat das Modell der Gleichzeitigkeit von Geschichte und szenischer Überblendung jahrelang auf den von ihm bespielten Schauspielbühnen ausprobiert und zur Vervollkommnung gebracht. In Bayreuth ging er auf diese Art auch den „Ring des Nibelungen“ an, wo manchmal (nur manchmal) das teils erratische Stück mit seinen überaus langen Textflächen zurückschlug. Gänzlich aufzubrechen war es in seiner monologischen, flächigen Grundstruktur nicht. Daraus hat Castorf für „Faust“ in Stuttgart seine Schlüsse gezogen. Das Werk als solches, selber Steinbruch, „nach Goethe“, wie Gounods Textdichter Jules Barbier und Michel Carré schrieben (zuerst mit Prosadialogen ausgestattet, später mit Ballett angereichert), kommt seinem assoziativen Denken vollkommen entgegen. Hier kann er, Schritt für Schritt, sprunghaft und doch konsequent im Furor, dagegenhalten. Und wie er das tut!




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