Catharina Weiß und Marie Kier Der Medaillentraum von Paris – und andere Gemeinsamkeiten

Catharina Weiß (li.) spielt zum zweiten Mal bei den Paralympics, Marie Kier ist zum ersten Mal dabei. Foto: IMAGO/Beautiful Sports/IMAGO/BEAUTIFUL SPORTS/Wunderl

Catharina Weiß und Marie Kier wollen mit dem deutschen Rollstuhlbasketball-Team bei den Paralympics um eine Medaille spielen. Die beiden verbindet einiges – ihr Weg nach Paris war aber grundverschieden.

Sport: Dirk Preiß (dip)

Ihr jeweiliges Geburtsdatum? Liegt nicht einmal sieben Monate auseinander. Ihre Geburtsorte? Trennen gerade mal rund 35 Kilometer. Die gleiche Sportart betreiben sie sowieso. Und wenn Catharina Weiß und Marie Kier am Samstag den Zug in Stuttgart besteigen, haben sie auch das gleiche Reiseziel. Erst geht’s nach Trier, am Tag danach weiter nach Paris. Um mit der deutschen Nationalmannschaft im Rollstuhlbasketball bei den Paralympics erfolgreich zu sein.

 

„Ich habe“, sagt Catharina Weiß, „die Vorfreude in den vergangenen Wochen immer mehr steigen lassen.“ Marie Kier sagt: „Die Vorfreude ist groß.“ Doch auch, wenn die Parallelitäten bei den beiden noch so groß erscheinen: Ihr jeweiliger Weg zum nun gemeinsamen sportlichen Highlight in der französischen Hauptstadt hätte unterschiedlicher kaum sein können.

Wer den von Catharina Weiß betrachtet, muss sich schon immer wieder vergewissern, dass die junge Frau tatsächlich erst kürzlich 24 Jahre alt geworden ist. In Stuttgart wurde sie geboren, in Esslingen ist sie einst aufgewachsen, probierte sich im Schwimmen aus und auch auf dem Monoski. Auf den Rollstuhl ist sie seit frühester Kindheit angewiesen, nachdem eine Krebserkrankung im Alter von zwei Monaten das Rückenmark beschädigt hat.

Aber: „Ich habe eine sehr sportliche Familie.“ Weshalb die Einschränkung das Sporttreiben nie verhindert hat. „Ich bin quasi reingewachsen in das Thema“, sagt Catharina Weiß, die anfangs gar nicht so sehr begeistert war vom Rollstuhlbasketball („Es hat mich nicht gleich gepackt“). Die dann irgendwann aber doch durchstartete unter den Körben.

Viele Stationen auf dem sportlichen Weg

Sie spielte in Stuttgart, in Tübingen, zwei Jahre in Heidelberg, eines in Ulm. Ausgestattet mit einem Sportstipendium ging es dann für zwölf Monate in die USA, ehe sie nun vier Jahre lang erfolgreich beim RSV Lahn-Dill im Erstligateam aktiv war. Sie studiert aktuell Wirtschaftsrecht, gehört schon seit einigen Jahren zur deutschen Nationalmannschaft und wechselt nach den Paralympics nach Spanien. Als Nationalspielerin hat Marie Kier einst ihre heutige Teamkollegin kennengelernt.

Marie Kier ist ebenfalls 24 Jahre alt – doch ihre Geschichte liest sich ganz anders.

Die Herrenbergerin erlebte eine Kindheit ohne körperliche Einschränkungen, liebt das Turnen, geht für die SpVgg Holzgerlingen an die Geräte. Erst in der Oberliga, dann steht die erste Saison in der Regionalliga an. Doch in ebenjenem Jahr 2019 verändert ein Sturz am Stufenbarren fast alles. Denn: Marie Kier ist fortan querschnittsgelähmt.

„Es war ein Schlag“, erinnert sie sich an die Zeit vor rund fünf Jahren, „plötzlich nicht mehr laufen zu können – das war heftig.“ Sie hatte Pläne und Ziele, wollte ausziehen und in Aachen studieren, Ärztin werden. Dann war aber auf einmal vieles anders. Aber eben auch nicht alles. Denn: Der Tatendrang von Marie Kier war nicht versiegt.

„Ich habe gleich weitergeplant“, erinnert sich die 24-Jährige, blieb zunächst doch zu Hause („Ich brauchte diesen Zufluchtsort erst einmal“), begann das Medizinstudium in Tübingen statt in Aachen, kam schon während der Rehaphase mit dem Rollstuhlbasketball in Kontakt – und blieb dabei: „Ich habe nach meinem Unfall gar keinen anderen Sport ausprobiert.“ Denn der Rollstuhlbasketball bot ihr das, was sie damals dringend brauchte.

„Gemeinsam mit anderen Sport zu treiben, sich wieder auspowern zu können“, sagt sie, „das hat mir total Spaß gemacht.“ Ihr als „frisch Verletzter“ habe zudem der Austausch mit den anderen Rollstuhlfahrerinnen und -fahrern gutgetan. Und auch zu sehen: „Es ist weiterhin alles möglich.“

„Der Medaillentraum lebt“

Das zeigte Marie Kier auch das Beispiel von Catharina Weiß. Die beiden lernten sich nur kurz kennen, ehe die Stuttgarterin in die USA ging. Aber „obwohl wir uns damals gar nicht gut kannten, sind wir in Kontakt geblieben“, sagt Marie Kier und betont: „Catharina war damals sehr wichtig.“ In den vergangenen Jahren begegneten sie sich im Nationalteam als Kolleginnen, in der ersten Liga als Konkurrentinnen. Marie Kier spielt seit 2021 für die Thuringia Bulls, studiert mittlerweile in Jena.

Das Ziel, „eine gute Ärztin“ zu werden, besteht also weiter. Zuletzt musste das Studium aber ein wenig auf Sparflamme gehalten werden. Die Paralympics sind schließlich nicht irgendein Wettbewerb. „Der Traum von einer Medaille“, sagt Marie Kier, „ist unser Antrieb.“ Und Catharina Weiß hat sowieso noch eine Rechnung offen mit dem paralympischen Turnier.

Zwar absolvierte vor Tokio 2021 auch Marie Kier die Vorbereitung mit dem deutschen Team, in Japan am Ball war dann aber Catharina Weiß, die die ersehnte Medaille am Ende knapp verpasste. „Der undankbare vierte Platz“ ist es damals geworden. Nun sagt sie: „Der Medaillentraum lebt.“ Weil das deutsche Team über den Umweg eines Qualifikationsturniers im April die Teilnahme an den Paralympics in Paris fix gemacht und dabei sogar die Französinnen ausgeschaltet hat.

Von zehn auf acht Mannschaften wurde das paralympische Teilnehmerfeld im Vergleich zu Tokio reduziert. Weshalb nun nicht nur die Gastgeberinnen bei ihren Heimspielen fehlen, sondern sich alle Teams beinahe auf Augenhöhe bewegen. „Es wird ein unglaublich schwieriges Turnier“, ahnt Catharina Weiß – und nennt die deutsche Gruppe als Beleg dafür: Kontrahenten der deutschen Mannschaft (Platz vier 2021) sind die USA (Bronze 2021), die Niederlande (Gold 2021) und Japan. Los geht es am Freitag (16 Uhr) gegen die USA.

Catharina Weiß zählt trotz ihres noch jungen Alters zu den erfahrenen Spielerinnen auf diesem Niveau, spielt seit 2017 im Nationalteam und sagt: „Ich will versuchen, viel Verantwortung zu übernehmen.“ So will sie auch jene unterstützen, die ihr Debüt auf der paralympischen Bühne geben. Also auch: Marie Kier.

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