CD-Tipp: Leonard Cohen: Thanks for the Dance Leonard Cohens letzter Tanz mit dem Tod

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Drei Jahre nach seinem Tod nimmt der kanadische Songpoet Leonard Cohen, der uns einst Lieder wie „Suzanne“ oder „Hallelujah!“ beschert hat, noch einmal Abschied. „Thanks for the Dance“ versammelt neun großartige Stücke, die er selbst nicht mehr fertigstellen konnte. Sein Sohn hat diese nun zu Ende gedacht.

Der kanadische  Songwriter Leonard Cohen (1934–2016) Foto: Sony Music/Lorca Cohen 12 Bilder
Der kanadische Songwriter Leonard Cohen (1934–2016) Foto: Sony Music/Lorca Cohen

Berlin - Als der Tod bereits vor der Tür auf ihn wartet, legt der Mann mit Hut ein letztes Mal raunend Rechenschaft ab. Nie habe er sich angemaßt, das, was er macht, Kunst zu nennen, doch er habe sich stets eifrig bemüht und sein Leben in den Griff bekommen, indem er Jesus getroffen und Marx gelesen habe, singt er. Leonard Cohen, dem die Zen-Mönche einst den Namen Jikan (der Stille) gaben, trägt das Folk-noir-Gedicht namens „Happens to the Heart“ in diesem sanft knurrenden Bassbariton vor, in den sich seine Stimme in den letzten Jahren verwandelt hat. Javier Mas zupft dazu auf der Bandurria traurigschöne Akkorde, Daniel Lanois tunkt die Ballade vom wankelmütigen Herzen in schwermütige Harmonien, und das Berliner Stargaze Orchestra verziert sie dezent mit Holzbläser-Schnörkeln.

Adam Cohen führt die Arbeit seines Vaters zu Ende

Mit diesem berückenden Song beginnt das Album „Thanks for the Dance“, eine Sammlung mit Liedern eines Toten. Der singende Dichter Leonard Cohen ist vor drei Jahren gestorben – wenige Tage nachdem das Album „You want it darker“ erschienen war, das bisher als sein musikalisches Vermächtnis, sein düsteres Testament galt. Doch da hatte der 82-Jährige noch nicht alles gesagt, was er sagen wollte. Einige Gedichte, die als Lieder noch fertig waren, hatte er zurückgelassen.

Diese sind nun zu Ende gedacht, arrangiert und instrumentiert worden von einem Mann, der still und bescheiden ein bisschen wie die jüngere Version von Leonard Cohen wirkt. „Es gibt ganz bestimmt bessere Produzenten als mich“, sagt er beim Treffen in Berlin, „aber keiner von denen kannte Leonard Cohen so gut wie ich.“ Der, der das sagt, heißt Adam Cohen. Er ist Sänger, Songwriter, Produzent – und Leonard Cohens Sohn. Ihm haben wir zu verdanken, das nun „Thanks for the Dance“ erscheinen konnte.

Wieder diese Stimme zu hören war wie ein Schock

Adam Cohen ist nach Berlin gekommen, um über dieses umwerfende Album zu sprechen, das er aus den neun Nachlass-Songs seines Vaters gemacht hat. Er ist dazu ins Michelberger Hotel im Hipster-Stadtteil Friedrichshain zurückgekehrt. Hier hatte Adam Cohen bereits im Sommer 2018 befreundeten Musikern von Arcade Fire und The National erste Fassungen der „Thanks for the Dance“-Songs vorgespielt. Zu einem Zeitpunkt, an dem er zweifelte, ob er mit der Platte auf dem richtigen Weg war, sorgte die Begeisterung dieser ersten Hörer dafür, dass er das Projekt zu Ende brachte.

Adam Cohen hatte zwar auch schon „You want it darker“ produziert. Doch nach dem Tod seines Vaters war die Ausgangssituation eine ganz andere: „Es hat sieben Monate gedauert, bis ich den Mut aufgebracht habe, ins Studio in der Garage hinter meinem Haus zu gehen und mir die Bänder anzuhören“, sagt er. Und es sei ein Schock gewesen, auf einmal wieder diese sanfte, aber trotzdem donnernder und verlangende Stimme so ganz nah zu hören. „Es fühlte sich so an, als ob er sich auch nach seinem Tod noch mit mir unterhalten möchte“, sagt Adam Cohen, der sich in der Pflicht sah, die Arbeit seines Vaters zu Ende zu führen. Tatsächlich fängt „Thanks for the Dance“ letztlich da an, wo „You want it darker“ aufgehört hat. Beide Alben sind Abschiedsplatten. Doch während „You want it darker“ ein Abschied mit einem festen Handschlag war, sagt Adam Cohen, gleicht „Thanks for the Dance“ einer sanfte Umarmung.

Ein Spezialist fürs Abschiednehmen

Das Abschiednehmen hat Leonard ­Cohen Zeit seines Lebens geübt. Von ­Trennung, Aufbruch und Lebewohl erzählen die meisten seiner Musikgedichte – von „So long, Marianne“ (1967) über „Famous blue Raincoat“ (1971) oder „Dance me to the End of Love“ (1984) bis „Tower of Song“ (1988). Nun kommen noch einige großartige vom Lieben und Verlangen, vom Leben und vom Tod ­handelnde Abschiedslieder hinzu. Bilanz zieht Leonard ­Cohen nicht nur in „Happens to the Heart“, sondern auch in der ­düsteren Ballade „The Hills“, in der er Gott für all die Pillen dankt, die ihn am Leben erhalten, oder im Titelsong „Thanks for the Dance“, einem zartbitteren langsamen Walzer: „Thanks for the dance / It was hell / It was swell / It was fun“, singt Cohen: Danke für den Tanz: Er war die Hölle, er war ein Knaller, er war ein Spaß!

Erschütternd intim hat Adam Cohen die Songs seines Vaters arrangiert und dafür gesorgt, dass nichts von der Poesie, die Leonard Cohen oft in einem brummenden Rezitativ vorträgt, ablenkt. Für die behutsame Ausarbeitung des Songmaterials haben neben alten Weg­gefährten auch Leslie Feist, Beck, ­Damien Rice, Avi Avital oder Zac Rea von Death Cab For Cutie beigetragen. Diese Vielfalt ist kein Zufall. Leonard Cohen war der Mann, auf den sich alle einigen können. Bon Jovi und John Cale, Johnny Cash und Nick Cave, die Pixies und Elton John haben schon Lieder des Rock­poeten gesungen. Stets haben seine Lieder mit einer durchdringenden Poesie, die Schwermut und Verlangen, Spiritualität und Bitterkeit miteinander verbindet betört.

Er spielt ein letztes Mal den Verführer

Und ein Echo von Cohens Gesamtwerk hallt durch dieses Album. Hier schimmern die Akkordwechsel aus „Bird on a Wire“ durch, da huscht der „Hallelujah“-Chor vorbei, dort wird „Take this Waltz“ fortgeschrieben. Und auch die Rolle des Verführers spielt er noch ein letztes Mal, erzählt im erotisch aufgeladenen „The Night of Santiago“ von einer Liebesnacht von vor vielen Jahren und stellt fest: „Though I’ve forgotten half my Life / I still remember this“: Ich habe zwar mein halbes Leben vergessen, doch daran kann ich mich noch erinnern.“

„Thanks for the Dance“ ist mal altersmilde, mal grimmig, mal bittersüß wehmütig mal lakonisch. Und Cohen wäre nicht Cohen, wenn er sich am Ende nicht selbst infrage stellte: In „Listen to the Hummingbird“ fordert er einen auf, nicht auf ihn zu hören, weil es viel bessere Ratgeber für ein erfülltes Leben gebe – die Schmetterlinge, die nur drei Tage lang leben zum Beispiel, oder eben den Kolibri, dessen Flügel man nicht sehen kann: „Listen to the Hummingbird / Whose Wings you cannot see / Listen to the Hummnigbird / Don’t listen to me.“

Diese Worte werden die letzten sein, die Leonard Cohens jemals an uns richten wird. Auf die Frage, ob noch weitere Songs im Nachlass darauf warten, entdeckt zu werden, sagt Adam Cohen freundlich, aber bestimmt: „Nein!“

Leonard Cohen: „Thanks for the Dance“ (Sony) ist am Freitag, 22. November, erschienen.