CD-Tipp: Sinfonien mit Hermann Scherchen Beethoven als Plebejer

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Der Dirigent Hermann Scherchen ist etwas in Vergessenheit geraten. Eine Box mit acht CDs erinnert an den großen Beethoven-Interpreten.

Die DG hat Hermann Scherchen eine aufwendige CD-Box gewidmet. Foto: Hans Jörg Wangner
Die DG hat Hermann Scherchen eine aufwendige CD-Box gewidmet. Foto: Hans Jörg Wangner

Stuttgart - Die Zahl der Langweiler unter der Beethoven-Interpreten ist Legion. Wo der Komponist Furor verlangt, setzen sie auf Pathos, wo er Akzente vorschreibt, schwelgen sie in Wohlklang. Doch zu den Dirigenten, die das Rebellische, das Querständige, das Plebejische des heurigen Geburtstagskindes herausarbeiteten, ja regelrecht herausschlugen, gehört der gebürtige Berliner Hermann Scherchen (1891 bis 1966). Wie auch sein bis heute Maßstäbe setzender Kollege René Leibowitz (1913 bis 1972) vertraute Scherchen nicht dem romantischen Beethoven-Bild, sondern orientierte sich an den originalen, scheinbar absurd schnellen Metronomangaben.

Die treibende Kraft des Paukers

Das Ergebnis liegt auf der Hand: plötzlich klingen hundert Mal gehörte Sinfonien wieder aufregend, plötzlich kommen Beziehungen zutage, die vorher im Einheitsbrei untergingen. Plötzlich wird auch klar, dass Beethoven in seinem revolutionären Ansatz ein enorm politischer Mensch war.

Scherchen setzt freilich nicht nur aufs Tempo. Er raut den Klang in den Celli und Kontrabässen von unten her auf, er gibt dem Blech Raum für Spitzen und Schärfen, und er nutzt die treibende Kraft eines hervorragenden Paukers.

Funkensprühende Vitalität

Wo so viel Licht ist, ist allerdings auch etwas Schatten. Nicht jede Sinfonie gelingt Scherchen gleich konsistent (hierin unterscheidet er sich von Leibowitz). In der Neunten etwa sind manche Übergänge etwas unplausibel, mancher Einsatz etwas ungeschlacht – und über die Qualität der späten Ouvertüren sowie des krachverliebten Schlachtgemäldes „Wellingtons Sieg“ kann man ohnehin diskutieren. Doch allein die funkensprühende Vitalität der „Eroica“ und der „Pastorale“ mit dem Orchester der Wiener Staatsoper, die der Box als Bonus beiliegt, lässt keinen Zweifel: Scherchen war einer der größten Beethoven-Dirigenten des 20. Jahrhunderts. Ein Dank an die Deutsche Grammophon, dass sie im Jubiläumsjahr an diesen Mann erinnert.

Ludwig van Beethoven: Sinfonien 1-9, Ouvertüren, Wellingtons Sieg, Große Fuge op. 133, Hermann Scherchen (Dirigent), Orchester der Wiener Staatsoper, Royal Philharmonic Orchestra, English Baroque Orchestra, Box mit 8 CDs und Booklet, Deutsche Grammophon




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