Ein Mappus-Mann will die CDU erneuern: Thomas Strobl ist einziger Kandidat für den Parteivorsitz. Die Basis sehnt sich nach Alternativen.  

Titelteam Stuttgarter Zeitung: Andreas Müller (mül)

Stuttgart - Im Internet, immerhin, existiert er bereits. "Karl Dosenbier" hat eine eigene Seite auf Facebook, mit Blechbüchsen als Profilbild, 22 Freunden und einem Lieblingszitat: "Es gibt nichts Gutes, außer man tut es." Der Kästner-Satz soll wohl als Ermunterung verstanden werden, für den Vorsitz der baden-württembergischen CDU zu kandidieren. Denn der Herr mit dem merkwürdigen Namen ist der Hoffnungsträger all jener Christdemokraten, die sich partout nicht mit dem einzigen Bewerber Thomas Strobl anfreunden können. Der bisherige Generalsekretär hat ihn erfunden und mögliche Konkurrenten so gleich der Lächerlichkeit preisgegeben. "Wenn es noch einen Karl Dosenbier gäbe", witzelte er vor Wochen, würden die Medien doch nur über das "Gerangel um den ersten Platz im Regal" berichten.

 

Strobls Erwartung scheint aufzugehen. Unter den 70.000 CDU-Mitgliedern im Südwesten hat sich bisher niemand gefunden, der ihm die Führung streitig machen würde. Viel Zeit bleibt dafür nicht mehr. Drei Monate nach dem Machtverlust bei der Landtagswahl will sich die noch immer verstörte Partei neu formieren. Nächste Woche beginnt eine Serie von Regionalkonferenzen, bei der die Basis über Fehler der Vergangenheit und Konzepte für die Zukunft diskutieren darf. Der Auftakt findet im Zollernalbkreis statt, mal wieder hinter verschlossenen Türen. Ende Juli wird ein Parteitag in Ludwigsburg dann den Nachfolger von Stefan Mappus küren.

Nichts läuft mehr nach seinem Willen

Eigentlich wollte Mappus den Vorsitz schon längst los sein; Anfang Mai hatte er als Termin für den Wechsel angesetzt. Doch nach dem Verlust der Regierungsmacht ist sein Einfluss in der Partei rapide verfallen. "Er hat keinerlei Autorität mehr", sagt ein Führungsmitglied. Nichts läuft mehr nach seinem Willen - nicht die Wahl seiner Vertrauten Tanja Gönner zur Fraktionschefin, die klar gegen den Amtsinhaber Peter Hauk unterlag, nicht die schnelle Kür des Nachfolgers, die von der turbulenten Basiskonferenz in Sindelfingen vereitelt wurde. Noch einmal will sich die CDU nicht überrumpeln lassen wie im Herbst 2009, als Mappus die Macht von dem nach Brüssel weggelobten Vorgänger Günther Oettinger an sich riss. Als Moderator des Übergangs ist der Kurzzeit-Ministerpräsident, der die Partei noch immer polarisiert, denkbar ungeeignet. Aber die Hoffnung auf einen neutralen Mittler blieb unerfüllt: Den Berliner Granden Schäuble, Kauder oder Schavan fehlt dafür die Akzeptanz, anerkannte Elder Statesmen wie Lothar Späth oder Gerhard Stratthaus reißen sich nicht um die undankbare Aufgabe.

Zum Manager des Machtwechsels wurde so jener Mann, der von ihm profitieren will: Thomas Strobl. Die Internetseite der Landes-CDU erweckt gar den Eindruck, der Noch-Generalsekretär sei bereits der Chef. Mappus findet dort kaum noch statt, Strobl dafür flächendeckend. Doch der Heilbronner Bundestagsabgeordnete und Chef der Südwest-Landesgruppe im Bundestag stößt auf erhebliche Vorbehalte. Landauf, landab zweifeln einfache Mitglieder und Funktionäre an seiner Eignung. Wie, heißt es etwa, könne jemand den notwendigen Neuanfang verkörpern, der so für die alte CDU stehe? Allzu eng sehen ihn viele Christdemokraten mit dem Wahlverlierer Mappus verbunden.

Die Partei wünscht sich einen weiteren Kandidaten

Als im Wahlkampf intern längst die Zweifel am Spitzenkandidaten wuchsen, lobte ihn Strobl umso mehr. Bei den Leuten, hört man an der Basis, kämen beide gleich schlecht an. Unvergessen sind auch seine verbalen Attacken auf die politischen Gegner, die oft sehr schrill ausfielen - oder gar völlig missrieten wie die Schmähung des Schauspielers Walter Sittler als Nazisohn. Noch immer sagen manche, anstatt für den Vorsitz anzutreten, solle er lieber als Generalsekretär zurücktreten. "Ein Trainer, dessen Mannschaft absteigt, kann doch nicht Präsident werden", lautet die Begründung.

Weit verbreitet ist in der Partei der Wunsch nach einem weiteren Kandidaten. Man brauche eine "echte Wahl", forderte zuletzt die Mittelstandsvereinigung. Aber die Fahndung nach Alternativen blieb bisher ergebnislos. Reihenweise wurden Funktions- und Mandatsträger von Emissären gefragt, gebeten oder regelrecht bekniet - und sagten allesamt ab. Jeder hatte eine mehr oder weniger plausible Begründung, warum er das Amt nicht übernehmen wolle. Dem einen käme es vom Lebensalter her zu früh, die andere ist mit ihrem Regierungsposten in Berlin ausgelastet, ein Dritter muss Rücksicht auf seine Wiederwahl als Oberbürgermeister nehmen. "Da regiert der nackte Egoismus", echauffiert sich ein Kreisvorsitzender. Verantwortung für die Partei? Fehlanzeige.

Der Parteiposten ist ein reines Ehrenamt

Gallig wird an die fünf CDU-Bewerber für den Posten des Landtagspräsidenten erinnert, der freilich auch mit doppelten Diäten und Dienstwagen lockte. Der Parteiposten ist dagegen ein reines Ehrenamt. Da muss man offenbar schon froh sein, dass sich überhaupt jemand findet. Ohne die Zusatzbelastung, sagt auch Strobl, wäre seine Lebensqualität höher.

Die Zurückhaltung hat wohl auch damit zu tun, dass die Wahl noch keine Vorentscheidung über den Spitzenkandidaten im Jahr 2016 bedeutet. Bis die Macht wieder in greifbare Nähe rückt, kann noch viel passieren. Da hält man sein Pulver lieber trocken. Manche oder mancher mit Ambitionen, mutmaßen CDU-Strategen, überlasse Strobl gerne die mühsame Aufbauarbeit - und hoffe, später "wie Phönix aus der Asche" zu kommen. Hinter den Kulissen belauert man sich, führende Köpfe der Partei misstrauen sich zutiefst. Etliche Spekulationen kreisen etwa um Ex-Umweltministerin Gönner, die nach ihrer Niederlage in der Fraktion eigentlich abgewinkt hatte. Lässt sie sich doch noch umstimmen?

Selbstkritisch analysiert Strobl die Ursachen der Wahlniederlage

Thomas Strobl hat die vergangenen Wochen jedenfalls genutzt, um für sich zu werben. Mit einem Thesenpapier zur Erneuerung der Partei tingelte er durch Kreisverbände und Vereinigungen. Ungewohnt selbstkritisch analysiert der Generalsekretär darin die Ursachen der Wahlniederlage, die nach sechs Jahrzehnten des Regierens "nahezu ein Kulturschock" gewesen sei. Die CDU habe "das Zuhören verlernt", sie habe sich zu sehr "als unentbehrlich für das Funktionieren des Landes" angesehen und darüber den Kontakt zu Teilen der Bevölkerung verloren. Zu oft sei "Geschlossenheit" gefragt gewesen, das innerparteiliche Streiten um die Sache habe man darüber verlernt; Kritik an der eigenen Regierung sei ein Tabu geworden. Nur einen Punkt spart Strobl in der Analyse strikt aus: die Last mit dem Spitzenkandidaten. Stefan Mappus habe "einen erheblichen Anteil an der Wahlniederlage", konstatierte kürzlich der Stuttgarter Politologe Oscar Gabriel und bestätigte damit das Urteil der Basis; kaum ein Ministerpräsident sei derart schlecht bewertet worden wie er.

Reformbedarf sieht Strobl bei der CDU gleich in mehrerlei Hinsicht: Sie müsse im Stil "agiler, frecher und nahbarer", in der Sprache "weniger plakativ und formelhaft" und in der Organisation "bürgernäher und professioneller" werden. Und sie brauche etwas, was die Grünen den anderen Parteien voraushätten: ein "emotionales Profil", das ein Lebensgefühl abbilde.

Viel Zeit nahm sich Strobl, um seine Thesen mit den Mitgliedern vor Ort zu diskutieren. Der Erfolg war höchst unterschiedlich: Teils zeigten sich die Parteifreunde hernach in ihrem Wunsch nach einer personellen Alternative bestärkt, teils waren sie von dem gewandelten Generalsekretär positiv überrascht. Der CDU-Arbeitnehmerflügel etwa, der ihm zunächst eher skeptisch gegenüberstand, steht nun an seiner Seite. Sein Landeschef Christian Bäumler steht gleichwohl weiterhin als "Freund" auf der Facebook-Seite von "Karl Dosenbier". Der schilderte unlängst mal wieder seinen Eindruck von der Stimmung in der Partei: "Wo man hinhört: große Unzufriedenheit mit der Bewerbersituation".

Die Landes-CDU und ihr General

Aufstellung: Der Landesverband der CDU gliedert sich in die vier Bezirksverbände Nordbaden, Südbaden, Nordwürttemberg und Württemberg-Hohenzollern. In vier sogenannten Basiskonferenzen, am 29. Juni in Bisingen, am 12. Juli in Schorndorf, am 13. Juli 2011 in Oberkirch und am 14. Juli in St. Leon-Rot, soll die Wahlniederlage vom März verarbeitet werden.

Personal: Der CDU-Generalsekretär Thomas Strobl hat dieses Amt seit 2005 inne. Seit 1998 vertritt er den Wahlkreis Heilbronn im Bundestag. Bereits seit 1989 ist der heute 51-Jährige Stadtrat von Heilbronn.