Stuttgart - Es war Manuel Hagels Idee gewesen, die beiden Kombattanten gemeinsam in einen Dienstwagen zu stecken: Thomas Strobl und Susanne Eisenmann, den geschlagenen Feldherrn und seine siegreiche Herausforderin. Die Strecke führte vom Innenministerium in der Willy-Brandt-Straße hinüber zur CDU-Landesgeschäftsstelle an der Heilbronner Straße. Eigentlich nur ein paar Steinwürfe entfernt, dennoch eine heikle Fahrt. Gleich würde der Landesparteichef, Innenminister und Vizeministerpräsident seinen Verzicht auf die Spitzenkandidatur für die Landtagswahl bekannt geben. Die Journalisten warteten schon.
Es war kein leichter Weg für Strobl an jenem 28. Mai. Er hatte die Spitzenkandidatur gewollt. Unbedingt. Aber Eisenmann wollte sie noch mehr, noch heftiger, noch brachialer. Und so saßen sie nun dicht beieinander im Fond von Strobls Dienstwagen und sprachen kein einziges Wort miteinander. Die Personenschützer vorne – etwas eingeschüchtert ob der explosiven Gemütslage – sicherten nach allen Seiten.
Eisenmann lächelte ganz verliebt
Dass Eisenmann und Strobl dann vor der Parteizentrale zusammen aus einem Wagen stiegen, sollte ein Zeichen setzen. Hagel hat einen Sinn für dramaturgische Arrangements. Es wurde auch so verstanden. Keine Spaltung, die Partei bleibt beieinander. Strobl durfte in der Pressekonferenz in Würde seine Sicht der Dinge darlegen: dass er selbstbestimmt und das Wohl der Partei vor Augen die Kultusministerin vorgelassen habe. Dass es so kam, lag auch an Hagel. Die Mehrheit der Partei hatte es sich so erhofft. Jedenfalls grauste es den allermeisten Christdemokraten vor einer neuerlichen Selbstzerfleischung in einer Mitgliederbefragung. Als Susanne Eisenmann zwei Monate später auf einem Landesparteitag in Heilbronn formal als Spitzenkandidatin inthronisiert wurde, lächelte sie auf der Bühne ganz verliebt in Richtung Hagel und dankte artig für dessen Arbeit – „heute und in Zukunft“.
Zukunft? Die politische Karriere des erst 31-Jährigen hätte mit dem Untergang Strobls schon vorbei sein können. Schließlich hatte ihn dieser drei Jahre zuvor, kaum dass der junge Sparkassendirektor aus Ehingen an der Donau in den Landtag gewählt worden war, zum CDU-Generalsekretär gemacht. „Man muss immer loyal sein zu einer Person, die einen ins Amt gebracht hat“, findet Hagel. Merkwürdig nur, dass Eisenmann bei jeder Gelegenheit versichert: „Er ist absolut zuverlässig. Ich mag ihn sehr.“ Wie kann es dann sein, das CDU-Fraktionschef Wolfgang Reinhart, kein Freund Strobls, dem Generalsekretär „eine große Zukunft“ prophezeit? In den Tagen des Machtwechsels in der Landes-CDU strich der kalte Hauch des Verrats über die stets akkurate Frisur Hagels, der jetzt den Wahlkampf der Spitzenkandidatin organisiert.
Verrat? Iwo!
Doch der Verratsverdacht ist verweht. Strobl winkt ab. Illoyal? Nein. Womöglich hat Hagel in einer für die Partei prekären Situation tatsächlich gute Arbeit abgeliefert, er spielte eine aktive Rolle und trug entscheidend dazu bei, dass der Konflikt nicht öffentlich eskalierte. Ein Mitgliedervotum erschien ihm für Strobl wenig aussichtsreich. Er riet seinem Parteichef, Eisenmann gewähren zu lassen, denn dann gewinne er ein „moralisches Momentum“. Konkret bedeutete dies für Strobl den Verbleib im Ministeramt und im Parteivorsitz bis zur Wahl, im Erfolgsfall danach den Erstzugriff auf eine Funktion im Land oder im Bund. Als Hagel erstmals landespolitischen Boden betrat, bestach er durch den scharfen Kontrast zwischen seiner ausgeprägt oberschwäbischen Mundart und seinen modisch eng gefassten Anzügen. Letzteres hängt mit seiner Sparkassensozialisation zusammen, die ihn nach dem Realschulabschluss über ein Studium an der Frankfurt School of Finance and Management an die Spitze der Sparkasse Ehingen mit ihren etwa 60 Mitarbeitern führte.
Wenn Hagel mit Blick auf den Wahlkampf seiner Partei sagt: „Ich will, dass wir in einem Jahr gerichtet sind“, meint er nicht, dass die CDU dann verurteilt und tot sein wird, sondern dass sie eben hergerichtet ist – ausgehfertig, startklar.
Anfangs hatte es Hagel in Stuttgart nicht eben leicht. Als Gefolgsmann Strobls stieß er im Landtag auf Vorbehalte. Überflieger von außen sind nicht gelitten bei Fraktionskollegen, die schon länger auf ihre eigene Starterlaubnis warten. Sie konnten rasch den Eindruck gewinnen, dass sich da jemand als kommender Mann in der Landespartei aufbaut. Bedarf hätte sie ja, personell ausgelaugt, wie sie ist.
Führungslücken in der Fraktion
Hagel redet viel von Werten, und das Bekenntnis zum christlichen Menschenbild geht ihm flott von den Lippen. In Oberschwaben gehört dies zum rhetorischen Grundrepertoire eines konservativen Politikers. Hagel weist genügend bäuerliche Abstammung auf, um Bulldog fahren zu können. Das wirkt geerdet. Spricht man ihn auf seine oberschwäbische Herkunft an, hellt sich sein Gesicht auf. Die Anbindung an die Heimat ist wichtig in diesen identitätsseligen Zeiten. Hagel weiß das. Die Grünen gehören eher nicht zu dieser Heimat. Seine überhaupt erste politische Veranstaltung, die er besuchte, war ein Landesparteitag der Grünen in Ehingen im Jahr 2003. „Das war mir alles fremd“, erinnert er sich. „Die Leute, die Sprache. Das war eine Welt, in die ich nicht wollte.“
Eines aber hat er mit den Regierungs-Grünen im Land gemeinsam: Der Generalsekretär geht die Dinge planvoll an, er ist das größte Organisationstalent der CDU seit Langem, dabei eminent fleißig und breit vernetzt. „Hagel denkt in Prozessen“, sagt ein Weggefährte. „Das hat er von der Sparkasse mitgebracht.“ Zunehmend rückt er ins strategische Zentrum der Landespolitik. Auf seinen vielen langen Fahrten hängt er unablässig am Smartphone. Abgeordnetenkollegen holen seinen Rat ein, klagen ihren Kummer. Der Generalsekretär füllt Führungslücken, die sich in der Fraktion auftun. Die Wahlkampagne unterlegt er mit einer Art Businessplan. Die Parteizentrale hat er neu aufgestellt, als Landesgeschäftsführer holte er den bisherigen Bundesgeschäftsführer der Jungen Union, Philipp Müller. Der Wahlkampf müsse „hip und knitz“ werden, sagt Hagel. „Kein Rosamunde-Pilcher-Wahlkampf.“ Social-media-Kanäle werden eine wichtige Rolle spielen, Demoskopie soll die Bauchgefühle von Parteigremien, welche die gesellschaftliche Realität nicht mehr abbilden, kritisch überprüfen. Er will die CDU „griffiger“ machen. „Wenn man nachts um 3 Uhr angerufen wird, muss man drei Themen nennen können, die mit der CDU verbunden sind.“
Diskurserweiterung nach rechts
Mit Spitzenkandidatin Eisenmann und ihrer rechten Hand Michael Föll war er jüngst in Wien auf Erkundungstour: Sebastian Kurz ist sein Vorbild. „Ich schätze den Erfolg, und den hat er.“ Kurz habe allen in Europa gezeigt, dass man als moderne konservative Volkspartei Wahlen gewinnen könne. „Den Personenkult mag ich jedoch nicht.“ Mit Bundesgesundheitsminister Jens Spahn fühlt sich Hagel freundschaftlich verbunden. In seinen Stuttgarter Anfängen arbeitete er an einer Diskursverschiebung der CDU mit einem erkennbar rechtskonservativen Drall. Inzwischen orientiert er sich mehr mittig.
Susanne Eisenmann nennt er ein „Powerpaket“. Hagels Aufgabe wird es sein, diese Kraft zur Geltung zu bringen und gleichzeitig so zu regulieren, dass kein Porzellan zu Bruch geht. Die Wähler sollen ein Gefühl dafür bekommen: Wie tickt Eisenmann? Würde sie als Ministerpräsidentin in meinem Sinne handeln? In einer immer komplexer werdenden Welt, sagt Hagel, zentriere sich bei Wahlen alles auf die Person an der Spitze.
Bei den CDU-Strategen erfreut sich derzeit die Lesart großer Beliebtheit, nach der in Baden-Württemberg die Abfolge der Ministerpräsidenten einer psychologischen Gesetzmäßigkeit unterliege: ruhige und unruhige Charaktere lösten einander ab. Nach dem ruhelosen Lothar Späth trat der bodenständige Erwin Teufel auf den Plan, dem wiederum der hektische Günther Oettinger folgte. Nach einem kurzen Zwischenspiel trug Winfried Kretschmann dann wieder einen eher nachdenklich-verhaltenen Regierungsstil ins Staatsministerium. Kretschmann soll im Frühjahr 2021 der Kraft-, Stoß- und Drangdynamikerin Susanne Eisenmann weichen. Das ist der Plan.