Cello Akademie Rutesheim Musikalische Entdeckungen abseits des Gewohnten

Natalie Clein am Cello. Foto: Jürgen Bach

Beim zweiten Kammermusikabend der Cello Akademie Rutesheim standen spannende Kleinode der Musikliteratur auf dem Programm, die es sonst nicht so häufig zu hören gibt.

Echte Cello-Klassiker gab es beim zweiten Konzertabend der Cello Akademie Rutesheim zu hören: Die „Arpeggione“ genannte Sonate zum Beispiel, die Franz Schubert vor knapp 100 Jahren für das gleichnamige sechssaitige Instrument schrieb, das Merkmale des Cellos und der Gitarre vereinigte. Daneben standen Dienstagabend spannende und eher seltene Kleinode auf dem Programm. Aber zuerst zu Schubert: Wen-Sinn Yang, Professor an der Hochschule für Musik und Theater München und einer der neun Dozierenden beim diesjährigen Festival, spielte die Sonate auf seinem Cello begleitet von Pianistin Chifuyu Yada. Er zeigte, wie wunderbar sein Instrument romantische Sehnsucht und tänzerische Leichtigkeit in Klang fassen kann, dabei bewies Yang filigrane Virtuosität. Darüber hinaus konnte das Publikum in der Halle Bühl II eine ganze Reihe von Werken kennenlernen, die es sonst nicht so häufig zu hören gibt – zu Unrecht.

 

Natalie Clein etwa, Professorin an der Hochschule für Musik und Theater Rostock und am Royal College of Music London, kam allein mit ihrem Cello und zwei zeitgenössischen Stücken auf die Bühne. Sie habe das große Glück gehabt, persönlich mit dem Komponisten John Taverner zu arbeiten, erzählte sie und stimmte sein Werk „Thrinos“ an. Dieses hat Taverner Ende des Jahres 1990 im Andenken an einen engen Freund geschrieben. Sanft und warm schlich sich der erste Ton in die Stille und fächerte sich dann behutsam immer weiter auf. Ungeheuer persönlich, fast intim, glommen die Töne.

Musik mit Aktualität

Ruppigere Gesten gelangten mit Luigi Dallapiccolas „Ciaccona“ in den Raum. Ein Stück, das unter dem Eindruck der Schrecken des Zweiten Weltkrieges entstanden ist und auch in die heutige Realität passt. Natalie Clein trug es auf berührend intensive, persönliche Weise vor.

Einen kleinen Einblick in das Schaffen des Komponisten Mario Castelnuovo-Tedesco gab Professor Jakob Spahn. Er ist erster Solocellist der Bayerischen Staatsoper München und unterrichtet an der Hochschule für Musik Nürnberg. Der Komponist und gebürtige Italiener Castelnuovo-Tedesco musste aufgrund seiner jüdischen Wurzeln in der Zeit des Faschismus sein Heimatland verlassen und emigrierte nach Amerika. Dort schrieb er unter anderem viel Filmmusik und pflegte Freundschaften, so auch mit dem Cellisten Gregor Piatigorsky. Zu Castelnuo-Tedescos Schülern zählte übrigens der berühmte Filmmusikkomponist John Williams.

Ein berüchtigtes Musikstück

Piatigorsky schreibt in seiner Autobiografie, dass die „Toccata für Violoncello und Klavier“ seines Lehrers für ihn das schlimmste Stück gewesen sei: Es sei so geschrieben, dass man beim Spielen nicht umblättern könne und es daher auswendig beherrschen müsse. Beim Konzert hatte Piatigorsky dann jedoch ein Blackout, und während der gesamten Dauer des Stücks fanden sein Cello und das Klavier nicht wieder zusammen. Er hoffe, dass ihm das nicht passieren werde, schmunzelte Jakob Spahn am Kammermusikabend am Dienstag. Temperamentvoll und klangfarbenstark präsentierte er dann zusammen mit Pianistin Mana Oguchi das berüchtigte Werk. Zuvor gab es spontan den „Chant hébraique“ desselben Komponisten zu hören.

Als gleichwertige musikalische Partner präsentierten sich auch Cello-Virtuose Attila Pasztor und Pianist Nicolai Gerassimez von der Hochschule für Musik Hanns Eisler Berlin. Neben Astor Piazzollas „Oblivion“ brachten sie die Habanera Nr. 1 aus „Sites auriculaires“ von Maurice Ravel mit. Die starke und volltönende Glut des Cellos kontrastierte auf bedrückend schöne Weise die silbrig glitzernden Töne des Klaviers. Nachdrückliche Rhythmen und kraftvolle Linien wetteiferten miteinander in „Imitating Albeniz“ von Rodion Schtschedrin.

Cello und Klavier wetteifern

Packend von der ersten Note an war außerdem Bohislav Martinús Sonate Nr. 2 für Violoncello und Klavier. Professor Marc Coppey vom Pariser Conservatoire Nationale Supérieur de Musique hatte Pianistin Fiona Mato an seiner Seite. Beide Instrumente schienen sich auf grandiose Weise pausenlos in Sachen Intensität und Ausdrucksstärke überbieten zu wollen und loteten dabei alle Nuancen zwischen poetischer Hingabe und entfesselt hämmernden Akkorden auf sensibelste Weise aus. Ein Hochgenuss, der Lust auf mehr Cello Akademie macht!

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