Cem Özdemir für „Rede des Jahres“ geehrt Wucht der Worte
Der Grünen-Politiker Cem Özdemir wird für eine Rede ausgezeichnet, die zornig und dennoch mustergültig war. Selten wurde rechtsradikale Borniertheit im Bundestag so wortgewandt angeprangert.
Der Grünen-Politiker Cem Özdemir wird für eine Rede ausgezeichnet, die zornig und dennoch mustergültig war. Selten wurde rechtsradikale Borniertheit im Bundestag so wortgewandt angeprangert.
Stuttgart - Gleich im dritten Satz kommt der Redner auf den Punkt. Er wendet sich ganz weit nach rechts und gibt kund, was er von denen hält, die dort im Plenarsaal des Deutschen Bundestags sitzen: „So etwas kennen wir sonst nur aus autoritären Ländern.“ Angesprochen fühlen durften sich Fachleute für autoritäre Politik: die AfD-Fraktion. Die musste sich am 22. Februar 2018 fünf Minuten und 33 Sekunden lang anhören, wie Demokratie und Respekt vor dem eigenen Land wirklich buchstabiert werden. Am Mikrofon stand der Grünen-Abgeordnete Cem Özdemir. Er nutzte seine knapp bemessene Redezeit weidlich. Sein Beitrag war eine der fulminantesten Predigten gegen nationale Borniertheit, die je in den Bundestagsprotokollen Niederschlag gefunden haben. Es war die „Rede des Jahres“ – zu diesem Schluss kam jedenfalls das Seminar für Allgemeine Rhetorik der Universität Tübingen. Sie hat Özdemir dafür am Mittwochabend ausgezeichnet.
Im Fachjargon handelte es sich um eine klassische Philippika – eine Brandrede, wie sie der Rhetoriker Demosthenes vor 2367 Jahren gegen die Tyrannei des König Philipp II. von Makedonien gehalten hat. Özdemir ging es um den Journalisten Deniz Yücel, der zu Unrecht in der Türkei inhaftiert war, um das mangelnde Verständnis der AfD für dessen Texte – letztlich aber um ein Plädoyer für die Pressefreiheit, eine Lektion in Sachen Verfassungspatriotismus.
Die Jury lobt, mit welch „ciceronianischer Wucht“ der Parlamentarier aus Bad Urach seine politischen Gegner rhetorisch bloßgestellt habe – „mit großer Verve und rednerischem Können“, so die Laudatio. Er nutzte dazu nicht nur messerscharfe Argumente, sondern Handkantenhiebe, die wie Nackenschläge niedersausten, und einen pointierten Zeigefinger, für dessen Gestik es eines Waffenscheins bedurft hätte. Die Vehemenz der Worte dürfte seine Adressaten jedoch am meisten geschmerzt haben. Özdemir bediente sich dabei des Stilmittels der Antithese in der Tradition des Altmeisters Cicero. „Sie verachten alles, wofür dieses Land in der ganzen Welt geachtet und respektiert wird“, rief er ins Mikrofon. Das Protokoll vermerkt Beifall von allen Seiten. Außer von ganz rechts.