Erst vor wenigen Tagen brach der 37-Jährige mit Mitstreitern und einer Journalistin in zwei Lastern voller Hilfsgüter in die Ukraine auf. Bereits 24 Stunden nach dem Ausbruch des Krieges war der Stuttgarter schon unterwegs. „Die Stuttgarter und Stuttgarterinnen haben binnen kürzester Zeit so viel gespendet - die Stadt kann stolz auf sich sein", sagt Eren.
"Putin ist nicht erst seit gestern so"
Cem Özdemir pflichtet ihm bei. Der Bundeslandwirtschaftsminister ist gerade in seinem Stuttgarter Wahlkreis und möchte Eren zu seiner Wahl zum Stuttgarter des Jahres 2021 gratulieren. Am Vorabend war Özdemir noch im ukrainischen Trikot beim Spiel des VfB Stuttgart und anschließend in der Sky-Liveschalte. Als er sich zum Krieg und Benefizspielen in Russland äußern wollte, wurde Özdemir mehrfach vom Moderator unterbrochen.
Aus unserem Angebot: Wenn Helfer an ihre Grenzen stoßen
Er ärgert sich, denn viele hätten sich in der letzten Woche überrascht gezeigt und würden von einem kollektiven „Wir haben uns getäuscht" sprechen. „Putin ist nicht erst seit gestern so. Das hat sich abgezeichnet. Ich erinnere hier an den Überfall auf den Donbass und die völkerrechtswidrige Annexion der Krim. Damals hat die Weltgemeinschaft Putin nicht entschieden Einhalt geboten", sagt der Bundeslandwirtschaftsminister mit fester Stimme. „Putins Krieg ist bereits seit 2014 in Europa - und die Ukrainer und Ukrainerinnen bezahlen dafür."
Özdemir spricht damit nicht nur Ex-Fußballprofis mit Putin-Fotos an, sondern auch Nordstream 2. „Wir müssen den Druck erhöhen und Putin klar als Aggressor benennen, der das russische Volk für seine irren Pläne in Geiselhaft nimmt und international isoliert", so der Minister.
"Die Abschiedsszenen an der Grenze werde ich nie vergessen"
Eren berichtet von seinen Erlebnissen, von Sirenen und dem Luftalarm, von weinenden Frauen, die ihre Männer verabschieden, Neugeborenen und Kindern auf der Flucht. In einer Kirche hat Eren Frauen gefilmt, die Tarnnetze nähen, die Brauerei in Lwiw füllt statt Bier nun Molotowcocktails ab. „Die Abschiedsszenen an der Grenze werde ich nie vergessen." Manchmal konnte Eren kaum glauben, was er sieht.
Er durfte mit seinem Mietwagen nicht über die Grenze fahren. Nun will er einen Parkplatz in Polen anmieten, um die Hilfsgüter umzuladen. „Wir haben schon ein Fünfhunderttausend Quadratmeter großes Lager und Vor-Ort-Helfer und Helferinnen", erzählt der Stuttgarter von der Versorgungsbrücke.
Aus unserem Angebot: Ein Stuttgarter, der nicht wegsehen kann
Eren ermutigt die Stuttgarter:innen Geld zu spenden und nicht ihre Kellerfunde und alten Klamotten abzugeben. Er habe gespendete Brautkleider und Stilettos und auch brennende Kleiderberge gesehen. Wenn die Sachen unsortiert ankämen, erschwere dies die Arbeit der Helfer:innen, berichtet der Stelp-Gründer. Spenden sollte man, laut Eren, nur an eingetragenen und gemeinnützigen Vereine.
Auch im Landwirtschaftsministerium wurde in den vergangenen Tagen einiges geleistet. „Wir haben in kürzester Zeit eine Koordinierungsstelle eingerichtet, um Lebensmittelspenden zu organisieren und diese in die Ukraine zu bringen – die ersten Lieferungen sind bereits dort angekommen", erzählt Özdemir. „Mein Dank gilt vor allem der Lebensmittelbranche, die umgehend Hilfen zugesagt hat.“
Bald geht es wieder in die Ukraine
Mittlerweile würden auch Lagerhallen zu Angriffszielen der russischen Armee werden. Non-Profit-Organisationen wie Stelp benötigen kugelsichere Westen und Helme. „Da Helme unter Kriegsmittel fallen, bekommen wir keine", berichtet Eren. Özdemir will kommende Woche mit der Verteidigungsministerin Christine Lambrecht über den Einsatz deutscher NGOs und deren Unterstützung sprechen.
„Es ist wie David gegen Goliath - und niemand weiß, wie lange das noch gehen wird", benennt der Stelp-Gründer die zermürbende Lage für die ukrainische Bevölkerung. In Kürze will Eren wieder Richtung Ukraine aufbrechen. Auch eine App, die Geflüchtete mit aufnahmebereiten Menschen verbindet, ist in Planung.
Stuttgarter und Stuttgarterinnen des Jahres
Sie sind die stillen Held:innen dieser Stadt: Unsere Leser:innen konnten zehn Projekte und die Menschen, die dahinter stehen, zu den Stuttgarter:innen des Jahres wählen. Neben Serkan Eren wurden Anna Butters und Anne Blumers für ihre privat aufgebaute Corona-Teststation und Luisa Händle für ihr Engagement für das Berger Plätzle ausgezeichnet. Der Sonderpreis der Jury geht an Mohammad Naser Rostami, der sich als Kriegsflüchtling ehrenamtlich in der Gewaltprävention, als Dolmetscher und als Gesundheitslotse für Geflüchtete engagiert.
Alle vier Gewinner:innen erhalten am 16. März bei einem Festakt ihr Preisgeld in Höhe von 3000 Euro, das von der Volksbank Stuttgart gespendet wird. Weitere Infos finden Sie hier >>>