CES in Las Vegas Was Autofelgen mit der Haut gemeinsam haben

Das baden-württembergische Start-up Ioniq hat ein Gerät entwickelt, das mittels magnetischer Anziehung Medizin- und Pflegeprodukte auf die Haut aufträgt. Foto: Ioniq

Ein Maschinenbauer aus dem Südwesten will den Kosmetikmarkt umkrempeln und präsentiert seine Innovation auf der Technologiemesse CES in Las Vegas.

Chefredaktion: Anne Guhlich (agu)

Stuttgart / Las Vegas - Valentin Langen hofft bei der diesjährigen CES auf den Königstraßeneffekt – nur in Groß: „Unser Auftritt auf der CES in Las Vegas ist mit dem von Straßenmusikern auf der Stuttgarter Königstraße vergleichbar. Wir wollen entdeckt werden“, sagt er. Der 40-Jährige ist Gründer und Leiter des Start-ups Ioniq. Das junge Unternehmen aus Markdorf (Kreis Bodensee) entwickelt ein Gerät, das mittels magnetischer Anziehungskraft Lotionen wie Sonnencreme oder auch medizinische Produkte homogen auf den menschlichen Körper auftragen kann.

 

Ioniq ist eine der wenigen baden-württembergischen Firmen, die auf der weltgrößten Technologiemesse CES präsent sind und keinen Bezug zur Autoindustrie haben.

Und zudem ist das Start-up ein Beispiel dafür, wie etablierte Mittelständler aus dem Südwesten zunehmend versuchen, sich nicht auf den Erfolgen der Vergangenheit auszuruhen, sondern den Mitarbeitern die Freiheit zu geben, neue Geschäftsmodelle zu etablieren.

Denn die Idee für Ioniq ist in einem Unternehmen entstanden, das bisher nicht gerade durch Kosmetik- beziehungsweise Pflegekompetenz aufgefallen ist: die J. Wagner GmbH aus Markdorf. Die Gesellschaft ist Teil der internationalen Wagner-Gruppe, die ihren Sitz in Altstätten (Schweiz) hat. Das Unternehmen ist einer der weltweit größten Maschinenbauer im Bereich von Nass- und Pulverlackbeschichtungen für den Heimwerker- und den Industriebereich. „Ausgangspunkt unserer Überlegungen war die Tatsache, dass die menschliche Hand denkbar schlecht zum Eincremen geeignet ist“, so Langen. „In 40 Prozent der Fälle bekommen auch eingecremte Menschen einen Sonnenbrand“, zitiert Langen seine Forschungspartner bei der Berliner Charité.

Das Start-up entwickelt sich im firmeneigenen Inkubator

„So eine schlechte Quote wäre in unserem Beschichtungsgeschäft – beispielsweise bei einer Autofelge – eine Katastrophe.“ Dass Autofelgen besser behandelt werden als das größte Organ des Menschen, wollte Langen so nicht hinnehmen.

Für die Wagner-Mitarbeiter sei der Befund zunächst verwunderlich gewesen, entwickelte sich dann zu einer Herausforderung, „und als gute Schwaben haben wir uns schließlich überlegt, ob man aus diesem Problem ein Geschäft machen kann“. Das war 2013. Langen hat dann versucht, das Projekt innerhalb der Strukturen der J. Wagner GmbH voranzutreiben, kam aber kaum vom Fleck.

Das änderte sich, als 2015 Bruno Niemeyer zum Chef der Gruppe ernannt wurde. Für ihn stehen die Erschließung innovativer neuer Geschäftsmodelle auf der Prioritätenliste ganz oben. Er gründete den firmeneigenen Inkubator Freiraum, in dem Start-ups aus dem Bereich der Oberflächenbeschichtung gefördert werden, und machte Valentin Langen zum Leiter von Freiraum. Dort entwickelten Langen und sein Team das Gerät weiter.

Zur Entwicklung der Idee hat die Wagner-Gruppe Langen 2013 rund 25 000 Euro zur Verfügung gestellt. Seit sich das Start-up im Inkubator entwickelt, investiert die Gruppe jedes Jahr mehrere Millionen Euro in das Projekt. „Wir haben einen Businessplan und Ziele vereinbar“, erläutert Langen. „Wenn wir ein Ziel erreicht haben, erhalten wir neue Mittel.“

Ioniq One soll 200 Euro kosten

Ursprünglich wollte Ioniq das Gerät schon im vergangenen Jahr auf den Markt bringen. „Aber da waren wir zu optimistisch“, sagt Langen. Nun ist der Marktstart für den kommenden Sommer geplant. „Wir haben es nicht nur mit einer digitalen Innovation zu tun, sondern auch mit einer technischen und einer chemischen“, sagt Langen. Insgesamt hat das Start-up 13 Patentfamilien zur Anmeldung gebracht.

Langen legt Wert darauf, dass das Gerät kein reines Lifestyleprodukt werden soll. „Viele ältere Menschen können ihre Haut nicht an jeder Stelle mit notwendigen Medizin- oder Pflegeprodukten versorgen.“ Daneben sei ein mangelnder Hautschutz vor Sonneneinstrahlung nicht nur ein kosmetisches Problem. „Hautkrebs geht in 45 Prozent der Fälle auf Sonnenschäden zurück.“

Er rechnet damit, dass das Gerät im Handel rund 200 Euro kosten wird. Ziel ist, dass Ioniq 18 bis 24 Monate nach Marktstart ein profitables Geschäft betreiben kann. „Natürlich stehen wir vor der Herausforderung, dass wir die Gewohnheiten der Menschen ändern müssen. Das braucht Zeit.“

Ioniq entwickelt bislang auch die passenden Sonnencremes, Bodylotions oder Mückenschutzmittel selbst. „Es ist aber nicht auszuschließen, dass wir künftig auch Partnerschaften mit den großen Kosmetikkonzernen eingehen.“ Die CES nutzt Langen, um die Möglichkeiten solcher Partnerschaften auszuloten. 2019 hat es auf der CES übrigens auch mit dem Königstraßeneffekt geklappt. „Die britische BBC hat einen TV-Beitrag über uns gemacht“, so Langen. „Danach standen bei uns die Telefone nicht mehr still.“

Weitere Themen

Weitere Artikel zu CES