Borussia Dortmund gegen Bayern München – das deutsche Finale Champions League-Finale am Samstagabend ist das Ergebnis enormer Entwicklungsschübe im deutschen Fußball.

Sport: Carlos Ubina (cu)

London - Man kann sich leicht vorstellen, wie sich auch Aloysius Paulus Maria van Gaal auf dieses Spiel freut. Wie er in der einen Hand ein Glas des geschätzten Rotweins hält und sich mit der anderen Hand auf die Schulter klopft und denkt: meine Mannschaft.

 

Der Fußballlehrer Louis van Gaal lebt und arbeitet ja in der Überzeugung, bei all seinen Stationen nachhaltig gewirkt zu haben. Und ehe der 61-Jährige aus Amsterdam zuletzt wieder die niederländische Nationalmannschaft übernahm, betreute er bis vor zwei Jahren eben den FC Bayern.

In der Tat hat van Gaal einen neuen Sinn für Taktik nach München gebracht. Er hat dem Team vermittelt, wie der Ball zwischen den Passdreiecken zu laufen habe. Nur: der ganze Ballbesitzfußball entlarvte sich am Ende immer öfter als wertlos, weil er zu schematisch und zu langsam angelegt war. Deshalb war der Bayern-Code auch zu schnell geknackt und von van Gaal ist an der Säbener Straße in München letztlich sein dogmatischer Fußballansatz in Verbindung mit seinem holländischen Sturschädel in Erinnerung geblieben.

Tempo und Teamgeist, Defensivarbeit und Demut

Wenn man so will, war die van Gaal’sche Spielidee nicht mehr auf der Höhe der Zeit. Die ruhmreichen Bayern mussten erst Anschauungs- und Nachhilfeunterricht nehmen, um sich zu erneuern – ausgerechnet bei Borussia Dortmund. Der Gegner im heutigen Finale der Champions League zwang die Münchner dazu, ihr Spiel nicht nur auf vielen Solokünstlern fußen zu lassen, sondern es durch dynamische wie charakterliche Komponenten zu bereichern: Tempo und Teamgeist, Pressing und Power, Defensivarbeit und Demut.

Zwei titellose Jahre hat es gebraucht, um den FC Bayern fußballerisch zu modernisieren. Und nun ist die Mannschaft zweifellos das Trainerwerk von Jupp Heynckes. Der 68-jährige Rheinländer hat es geschafft, aus den teuren Einzelteilen ein großes Ganzes zu formen. „Wir sind unseren Weg konsequent gegangen und werden uns auch jetzt nicht davon abbringen lassen“, sagt Heynckes. Wobei er sicher den Vorteil hatte, stets nach Westen weisen zu können, auf die Kollektivstärke des Rivalen aus dem Revier. Denn der BVB schnappte dem deutschen Rekordchampion nicht nur zweimal die Meisterschale weg, sondern er demütigte ihn noch dazu im Pokalfinale beim 5:2-Triumph vor einem Jahr.

Bayern sei das bessere Barça und die Borussia das stärkere Real

Das war zu viel für die Bayern-Stars. Vor allem aber für die Clubgranden, die Begegnungen zwischen den Münchnern und den Dortmundern zuletzt als bayerisch-westfälische Machtspiele verstanden hatten. Nun haben sich die beiden Bundesligaclubs gegenseitig so weit vorangetrieben, dass sie nicht mehr nur um die nationale Vorherrschaft kämpfen, sondern im Londoner Wembley-Stadion gar um die kontinentale.

Zumindest neigen zahlreiche Fußballexperten nach den Halbfinaltriumphen über den FC Barcelona und Real Madrid dazu, eine Zeitenwende einzuläuten: der FC Bayern sei das bessere Barça und die Borussia das stärkere Real – was zu dem Schluss führen könnte, dass es eine Zeit vor den Duellen mit den spanischen Spitzenmannschaften gibt, und eine Zeit danach.

Heynckes mag solche Kategorisierungen nicht. Er schätzt den spanischen Fußball viel zu sehr, als dass er nach zwei Niederlagen gleich das Ende einer Epoche herbeireden würde. Zumal sich seit der Einführung der Champions League 1992 zeigt, dass sie im Vergleich zu ihrem Vorgängerwettbewerb, dem Landesmeistercup, keine Seriensieger kennt.

„Die Dortmunder sind schwer zu spielen, wir aber auch“

Nicht einmal dem grandiosen FC Barcelona unter Pep Guardiola (2008 bis 2012) ist es gelungen, den Titel zu verteidigen. Und Jürgen Klopp ist zwar nie um einen Spruch verlegen, doch als Sprücheklopfer taugt er ebenfalls nicht. Auch wenn der BVB-Trainer sagt: „Um etwas zu erreichen, muss man bereit sein, groß zu denken und sich weit aus dem Fenster zu lehnen. Selbst auf die Gefahr hin, hart zu landen.“

Groß zu denken bedeutet bei Klopp aber, alle Aufgaben als sportliche Herausforderung anzunehmen und eben nicht großspurig aufzutreten – trotz einer bemerkenswerten Bilanz gerade gegen die Bayern. In dieser Saison gab es – den Supercup mal ausgenommen – in der Liga zwei Unentschieden und eine Niederlage im DFB-Pokal, davor jedoch fünf Pflichtspielsiege in Folge. „Die Dortmunder sind schwer zu spielen, aber das sind wir auch“, sagt Heynckes. Der Bayern-Trainer mag seinem Team kein Trauma einreden lassen, weder ein schwarz-gelbes noch ein finales.

Der BVB genießt es dagegen, sich als fröhlicher und ambitionierter Außenseiter im Kampf um die wichtigste Vereinstrophäe zu inszenieren. Das ist ohnehin seine Lieblingsrolle. So startete er in die Saison, und so will er sie beenden. „Wenn mich ein Spiel geprägt hat“, sagt Klopp, „dann war es das WM-Endspiel von 1954, auch wenn ich es nicht gesehen habe. Da hat sich gezeigt, dass im Fußball alles möglich ist.“

Deutschland gewann damals gegen den Favoriten Ungarn, weshalb die Borussia also mehr Lust als Last vor dem ersten rein deutschen Endspiel in der europäischen Königsklasse empfindet. Und wenn sie ein Argument anführen kann, dann ist es ihre Emotionalität. Die Dortmunder haben bereits ihre Viertel- und Halbfinalerfolge ausgekostet und geben vor, sie hätten nichts zu verlieren. Die Münchner haben sich fast alles an Hochgefühlen für eine magische Nacht in Wembley aufgehoben – und nun stehen sie vor der heiklen Situation, dass der Wert der bisher sensationellen Saison doch an einer Partie hängt. Ein „Tod-oder-Gladiolen-Spiel“, würde van Gaal sagen.