Eigentlich sollte sich das Interview mit Sebastian Krämer um sein Weihnachtsprogramm drehen, das an diesem Samstag, 11.12., in der Rosenau uraufgeführt wird. Aber dann ging es doch auch um das leidige Corona-Thema.

Lokales: Tom Hörner (hör)

Stuttgart - Wer auf die Veranstaltungskalender von Kultureinrichtungen schaut, liest oft „verlegt“. Der Dichter und Chansonnier Sebastian Krämer tritt an diesem Samstag mit seinem Weihnachtsprogramm „Ein Licht geht uns auf“ in der Rosenau auf. Warum er das tut und was ihn an den Corona-Verordnungen stört, erzählt er hier.

Herr Krämer, wenn ich auf das Programm der Rosenau schaue, wurden einige Veranstaltungen gestrichen. Sie halten durch. Wie kommt’s?

Gute Frage. Seit nur noch die Veranstaltungen „öffentlich” heißen dürfen, die es in Wahrheit nicht sind, weil sie einen gewissen Bevölkerungsanteil gezielt ausschließen, sind die Verträge eigentlich nichtig, und jeder muss sich überlegen, wie er damit umgeht. Ich gebe zusätzlich private Hauskonzerte ohne Ansehen des Impfstatus. Das gestattet mir, auch auf den Bühnen präsent zu bleiben.

Wollte eigentlich keine Impfdebatte mit Ihnen führen. Aber schließt sich ein gewisser Bevölkerungsanteil, wie Sie es nennen, nicht selbst aus?

Diese Leute machen von geltendem Recht Gebrauch, eine Entscheidung zugunsten ihrer körperlichen Unversehrtheit zu treffen, und ziehen sich damit ein beschämendes Maß an staatlich gestützter Ausgrenzung, Diffamierung und Nötigung zu. Der Kollege Arnulf Rating nennt das, was die Regierung gerade tut, „Menschenrechte an Wohlverhalten binden”.

Verstehe ich Sie richtig: Sie und Herr Rating sorgen sich um die eingeschränkten Freiheitsrechte von Menschen, denen wir, vereinfacht gesprochen, diese vierte Welle zu verdanken haben: den Ungeimpften?

Nein. Die Sorge gilt den Freiheitsrechten aller und dem Phänomen, dass die Menschen bereit sind, die Schuld an ihrem Unglück einer bestimmten Gruppe zuzuschreiben und diese dafür abzustrafen, anstatt zu erkennen, dass wir alle nur Leidtragende einer gemeinsamen Not sind. Als sei die Krankheit tatsächlich nur durch Ungeimpfte verbreitet worden, die ja schon zuvor weniger Privilegien hatten, folglich auch weniger Kontakte. Keinesfalls aber durch die wenigen, die jetzt noch immer diesen Status haben und bisher auch nicht krank geworden sind. Wie sollte das möglich sein?

Leider sind die wenigen immer noch zu viel. Mit einer Impfquote von 80 Prozent oder mehr müssten Sie vermutlich keine Hauskonzerte abhalten. Aber sollten wir uns jetzt nicht dem Schönen und Guten zuwenden, also ihrem neuen Programm?

Nichts lieber als das! Es ist eine spezielle weihnachtliche Lesung mit etwas Musik. Aber wo Sie vom Schönen und Guten sprechen: es geht in meiner Geschichte nicht nur um Weihnachten, sondern auch um das Phänomen des reinen Bösen.

Also kein Abend, um sich bei Glühwein und Gebäck auf Weihnachten einstimmen zu lassen?

Doch, das kann man trotzdem hinkriegen, denke ich. Aber wenn ich über eine Stunde lang etwas erzähle, soll ja auch ein wenig Spannung aufkommen und nicht nur „Holder Knabe im lockigen Haar”.

Der holde Knabe mit lockigem Haar zeigt das Programm in Stuttgart als Uraufführung. Zufall, oder hat das mit dem hiesigen Publikum zu tun?

Es ist kein Zufall, insofern Michael Drauz von der Rosenau immer einer der ersten ist, die zugreifen, wenn ich was Neues habe. Auch wenn ich neue Wege gehe und die Leute an Experimenten teilhaben lasse.

Experimente im Weihnachtsprogramm? Das könnte in Ihrem Fall bedeuten, das Publikum darf mitsingen.

In der Tat, zumindest meinen Segen hat es. Ich weiß allerdings nicht, was die derzeitigen Bestimmungen dazu sagen. Titelgebend für den Abend ist ja schließlich ein Song aus der Sparte NeuGeiLi (Neues Geistliches Lied). Im Grunde das Gruseligste, was zu erwarten steht.

Herr Krämer, wir sind am Ende unseres Gesprächs angekommen. Letzte Gelegenheit in drei, vier Sätzen zu sagen, warum man „Ein Licht geht uns auf“ keinesfalls versäumen sollte.

Uff, so was ist für mich immer am schwierigsten. Ich bin ja kein Autoverkäufer. Ich finde Vorlesen, zumal im Advent, einfach super und kann das, glaube ich, auch ganz gut. Aber um das herauszufinden, muss man schon die raren Gelegenheiten wahrnehmen, wenn’s passiert.

Zur Person

Mann am Klavier
Sebastian Krämer wurde am 23. Dezember 1975 in Bad Oeynhausen geboren und wuchs im nordrhein-westfälischen Kalletal auf. Von 1992 bis 1995 gastierte er mit seinen ersten Kabarettprogrammen im Theatercafé Freiburg. 1996 zog Krämer nach Berlin, wo er regelmäßig im Scheinbar-Varieté, im Zebrano-Theater und im Grünen Salon der Volksbühne zu sehen ist. Im Fernsehen war er in Comedy-Formaten wie „NightWash“ zu erleben und in den Kabarettsendungen „Mitternachtsspitzen“, „Neues aus der Anstalt“ und „Ottis Schlachthof“. 2009 wurde er in Mainz mit dem Deutschen Kleinkunstpreis in der Sparte Musik/Lied/Chanson ausgezeichnet. Er selbst sieht sich als Chansonnier in der Liedermacher-Tradition von Christof Stählin. Neben seiner Bühnentätigkeit ist Sebastian Krämer freier Komponist, Schriftsteller und Familienvater.