Chaos im Weißen Haus Die Spur der Verwüstung

Donald Trump scheut sich nicht, Polizisten zu Gewalt gegen Verhaftete aufzurufen. Foto: AFP
Donald Trump scheut sich nicht, Polizisten zu Gewalt gegen Verhaftete aufzurufen. Foto: AFP

Donald Trump zerstört mit seiner zerstörerischen Personalpolitik die moralischen Grundlagen der Weltmacht. Es ist zum Fürchten.

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Washington - Gerade mal ein halbes Jahr ist Donald Trump im Amt, doch der unkonventionelle Regierungschef hat bereits deutlich mehr erreicht, als ein Drehbuchautor in einer mehrstaffeligen Politserie unterbringen könnte: Vom FBI-Direktor bis zum Stabschef hat der US-Präsident fast jeden gefeuert, der ihm in die Quere kam. Er hat die wildesten Geschichten erfunden und sich selber zum größten Opfer einer Hexenjagd in der Geschichte stilisiert. Er hat das Weiße Haus zum lukrativen Selbstbedienungsladen umgebaut. Und nun scheint er auch noch die Bibel widerlegen zu wollen.

„Wir sind wie Kain und Abel“, hatte Anthony Scaramucci, der exaltierte Trump-Wiedergänger auf dem Posten des Kommunikationsdirektors, über Stabschef Reince Priebus gesagt. Kain, so wird es im Alten Testament berichtet, hatte aus Neid seinen Bruder Abel erschlagen. Tatsächlich war Priebus bald nach Scaramuccis Interview erledigt. Doch irgendwie gefiel Trump das von ihm angestoßene Schauspiel mit seinen vulgären Einlagen nicht. Also wurde auch der forsche Kommunikationsdirektor gefeuert. Nun sind Kain und Abel weg.

Bei näherem Hinsehen ist die Freak-Show nicht mehr lustig

Das irre Spektakel ist typisch für Trump. Der ehemalige Reality-TV-Star liebt den öffentlichen Wettkampf und das Drama. Seit Tagen desavouiert er seinen Justizminister. Beim Kurznachrichtendienst Twitter pöbelt er gegen die eigene Partei. Und wenn ihm Journalisten zu kritisch sind, beleidigt er sie auf primitivste Weise. „Nur meine Feinde wollen mich davon abbringen, die sozialen Medien zu nutzen“, erklärte er am Dienstag trotzig und widerlegte damit schon am zweiten Tag eindrucksvoll alle Theorien, unter dem neuen Stabschef John Kelly werde das Chaos beendet.

So unterhaltsam die tägliche Freakshow aus dem West Wing für den Zuschauer im heimischen Fernsehsessel auch sein mag, so beklemmend wirkt sie nach kurzem Nachdenken. Die White-House-Serie wird nämlich nicht im Studio gedreht, sondern entwickelt sich täglich weiter an einer der wichtigsten Schaltstellen der Macht. Und Donald Trump ist so berauscht von seiner Einzigartigkeit, dass er den lebensgefährlichen Unterschied gar nicht oder nur unzureichend wahrnimmt.

Wie sonst wäre es zu erklären, dass der Präsident der Vereinigten Staaten ein Pfadfindertreffen für eine nationalistische Hetzrede missbraucht und bei einer Begegnung mit Polizisten dazu rät, Verdächtige beim Abtransport im Streifenwagen ruhig mit dem Kopf gegen den Türrahmen knallen zu lassen? Das sei ein Witz gewesen, verharmlost anschließend seine Sprecherin die unerhörte Ermunterung zu Polizeigewalt. So ist es immer – auch in der Außenpolitik. Trump zündelt, er droht, er heizt die Konflikte an, ohne die leiseste Idee für deren Lösung zu haben.

Angriff ist nach wie vor seine Verteidigungsstrategie

Nach einem halben Jahr hat Trump eine beachtliche Spur der Verwüstung hinterlassen. Geschafft hat der narzisstische Herrscher so gut wie nichts: keine Mauer zu Mexiko. Keine Steuerreform. Keine Gesundheitsreform. Fast alle Verbündeten im Ausland hat er vor den Kopf gestoßen. Niemand weiß mehr, wo die einstige Führungsmacht des Westens steht. Je deutlicher aber Trumps politische Erfolglosigkeit wird, desto mehr verschärft der Präsident zur Ablenkung seinen Ton. Er diffamiert Minderheiten, nährt die Zwietracht in der Gesellschaft und legt die Lunte für eine gefährliche Eskalation des Konflikts um Nordkorea.

Jeden Tag beschädigt Trump das Ansehen seines Amts und der Demokratie. So bieten die Chaostage im Weißen Haus tatsächlich keinen Anlass zur Belustigung. Der Selbstdemontage eines narzisstischen Dilettanten könnte man gelassen zusehen. Die schrittweise Beschädigung ihrer zivilisatorischen Werte durch die einstige Führungsmacht aber muss die westliche Welt zutiefst beunruhigen.




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