Chaplin’s World am Genfersee Lachen, weinen, nachdenken

Das Konzept des Museums vereint Privates und Filmgeschichte, hier eine Anspielung auf „Der große Diktator“. Foto: Marc Ducrest

Das Erbe von Charlie Chaplin lebt weiter: am Genfersee in einem Haus voller Geschichten und Musik. Der große britische Komiker war lange in der Schweiz heimisch.

Korrespondenten: Thomas Wüpper (wüp)

Sanfte Hügel, Blick auf den Genfersee, prächtiger Garten – in den Weinbergen des Lavaux steht ein herrschaftliches Anwesen, das Filmgeschichte greifbar macht. Im Manoir de Ban im kleinen Dorf Corsier-sur-Vevey fand Charlie Chaplin mit seiner Familie eine neue Heimat. Hier lebte der berühmte Komiker zweieinhalb Jahrzehnte bis zu seinem Tod. Inzwischen ist die Villa das Herzstück von Chaplin’s World, einer interaktiven Museumswelt, die Besucher aus aller Welt anzieht.

 

Ein Leben im Rampenlicht – und im Exil

Chaplin, geboren 1889 in London, wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf. Schon als Kind stand er im Arbeiterviertel Holborn auf der Bühne. Sein komödiantisches Talent, gepaart mit sozialem Feingefühl, machte ihn in Hollywood zum Star der Stummfilm-Ära. Mit Figuren wie dem Tramp („Der Vagabund“) schrieb er Kinogeschichte. Filme wie „The Kid“, „Goldrausch“, „Moderne Zeiten“ und „Der große Diktator“ sind bis heute Meilensteine des Weltkinos.

Chaplins Leben war nicht frei von Skandalen und politischen Kontroversen. Sein Ansehen litt unter Affären, Vaterschaftsklagen und Trennungen, die in der Presse breitgetreten wurden. In den USA geriet er in den 40er Jahren ins Visier von FBI-Chef J. Edgar Hoover. Man verdächtigte den Komiker kommunistischer Umtriebe, es gab moralische Anfeindungen, schließlich wurde ihm 1952 während der McCarthy-Ära die Wiedereinreise in die USA verweigert. Er ließ sich mit seiner Frau Oona O’Neill und den Kindern in der Schweiz nieder – in Corsier-sur-Vevey, wo er bis zu seinem Tod im Jahr 1977 lebte.

Alltag und Inspiration am Genfersee

Das Manoir de Ban, 1952 mit einem 14 Hektar großen Gelände erworben, wurde für Chaplin zum Rückzugsort und kreativen Zentrum. Die Räume der 1705 errichteten Villa erzählen den Besuchern von einem Familienleben voller Musik, Humor und internationaler Gäste. Im großzügigen Wohnzimmer, mit Blick hinaus auf den alten Baumbestand im weitläufigen Garten, stehen noch heute die Sessel, auf denen Chaplin Geige spielte – ein Instrument, das ihn sein Leben lang begleitete und das hier in einer Glasvitrine ausgestellt ist.

Das Museum befindet sich am Genfersee Foto: STZN/Lange

Musik war für Chaplin mehr als nur Leidenschaft: Sie floss in seine Filme ein, die Soundtracks komponierte er seit „Lichter der Großstadt“ (1931) selbst. Seine Eltern waren Sänger in Varietés, er brachte sich selbst auch das Cello- und Klavierspiel bei. In den USA pflegte er Kontakte mit Komponisten wie Arnold Schönberg, Igor Stravinsky und Irving Berlin. Die Musiker Yehudi Menuhin und Isaac Stern waren später am Genfersee bei ihm zu Gast.

Das Esszimmer wirkt bis heute, als käme die Familie gleich zurück von einem Spaziergang durch den Garten. Auf dem Tisch: Toast, Früchte, Blumen, alles sorgfältig arrangiert. An den Wänden laufen Filmszenen aus dem Familienalltag, kleine, inszenierte Comedy-Momente, die zeigen, wie sehr das Lachen auch privat zu Chaplins Leben gehörte, trotz Schicksalsschlägen und trüberen Zeiten. Der Schauspieler war viermal verheiratet, hatte elf Kinder, acht davon mit Oona. In der Bibliothek stapeln sich Bücher, handschriftliche Notizen, Korrekturen seiner Autobiografie. Chaplin war Perfektionist, feilte bis zuletzt an seinen Texten.

In seinen Arbeitszimmern entstanden Drehbücher, Skizzen, Briefe – oft auf jedem verfügbaren Zettel notiert. Die Ausstellungsstücke zeigen einen genialen Künstler, der auch ein Getriebener und selten zufrieden war, immer mehr und bis zuletzt neue Filmprojekte anpacken wollte, obwohl die Kräfte schwanden.

Vom Familienhaus zum Museum

Nach Chaplins Tod blieb das Manoir zunächst Wohnsitz der Familie. Erst Anfang der 2000er Jahre reifte die Idee, das Anwesen für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen. „Das Haus war zu groß und aufwendig für die Erben allein“, erzählt Olivia Baliguet, PR-Managerin von Chaplin’s World. „Die Söhne Eugene und Michael wollten einen Ort schaffen, an dem Chaplins Erbe lebendig bleibt – aber nicht als Mausoleum, sondern als Begegnungsstätte.“

Mit Unterstützung von Museumsfachmann Yves Durand aus Québec und dem Schweizer Architekten Philippe Meylan entstand ein Konzept, das Privates und Filmgeschichte vereint. Nach aufwendigen Renovierungen und dem Bau eines modernen Studios öffnete Chaplin’s World 2016 seine Tore, nach zehn Jahren Bauzeit und hohen Investitionen. Heute besuchen jährlich rund 200 000 Menschen das Museum.

„Viele wissen gar nicht, dass Charlie Chaplin hier tatsächlich gelebt hat“, so Baliguet. „Das ist für viele die schönste Überraschung.“ Das Museum gliedert sich in drei Bereiche: das Manoir, das Studio und den Park. In der Villa tauchen Besucher in Chaplins Privatleben ein – von der Musik bis zum Familienalltag. Im Studio werden die großen Filme lebendig: Originalsets, interaktive Kulissen, Requisiten und multimediale Installationen lassen die Welt von „The Kid“, „Goldrausch“ oder „Moderne Zeiten“ hautnah erleben. Kinder wie Erwachsene können in die Rolle des Tramp schlüpfen, Szenen nachspielen, sich fotografieren lassen.

Ein Museum zum Anfassen und Staunen

Die Ausstellung ist international ausgerichtet. Besucher kommen aus der ganzen Welt, besonders aus der Schweiz, Deutschland, Frankreich, Italien und England. „Chaplin ist in Indien und China ebenso populär wie in Europa“, berichtet Baliguet. Die Bewegungen, der Slapstick, das Menschliche – all das spreche auch jüngere Generationen und viele Kulturen an.

Chaplins Vermächtnis: Lachen, weinen, nachdenken. Das Museum versteht sich nicht nur als Hommage an einen Komiker, sondern als Einladung, Chaplins Botschaft neu zu entdecken: Humanität, Humor, Widerstand gegen Ungerechtigkeit. In den Ausstellungsräumen wird deutlich, wie sehr Chaplin Zeitgeschichte prägte – und wie zeitlos seine Filme geblieben sind.

Das Engagement der Familie bleibt spürbar. Einige der Kinder Chaplins besuchen die langjährige Heimat regelmäßig, sind in die Arbeit eingebunden. „Alles, was wir hier tun, geschieht in Abstimmung mit den Nachkommen“, betont Baliguet. Auch die älteste Tochter, die Schauspielerin Geraldine Chaplin, sei häufiger vor Ort und unterstütze das gemeinsame Projekt.

Ein lebendiger Ort – nicht nur für Fans

Chaplin’s World hat sich zu einem kulturellen Zentrum entwickelt. Das Museum veranstaltet regelmäßig Events: Zirkusvorführungen, Musik im Park, saisonale Feste. Die Besucher schätzen die Interaktivität, das Eintauchen in Chaplins Welt. „Viele kommen wieder, um neue Facetten zu entdecken“, sagt Baliguet. „Und sie bringen ihre Kinder und Enkel mit.“ Das Erbe Chaplins lebt weiter – am Genfersee in einem Haus voller Geschichten, Musik und Lachen.

Info

Anreise
 Mit dem Zug fährt man von Stuttgart via Basel oder Genf nach Vevey, www.bahn.de .

Unterkunft
Seit mehr als 160 Jahren genießen Gäste des Hotels Bon Rivage die schöne Lage am See, auch Richard Wagner ließ sich hier inspirieren. Doppelzimmer mit Frühstück ab ca. 210 Franken (ca. 225 Euro), www.bon-rivage.ch/de/ . Der Zweckbau des Hotels Astra Hotel Vevey ist verkehrsgünstig gelegen, die Gäste loben den familienfreundlichen Service sowie die gute Ausstattung der 100 Zimmer. Es gibt Fitnessgeräte, Sauna, Fahrradverleih sowie eine beliebte Dachterrasse mit Blick über den Genfersee auf die Alpen. DZ ab 166 Franken (178 Euro), https://astra-hotel.ch/en/

Aktivitäten
Der Eintritt in Chaplin’s World kostet 30 Franken (ca. 32 Euro), www.chaplinsworld.com/de. Man erreicht das Museum ab Vevey mit dem Bus Nr. 212 bis „Chaplin“. Infos und Tickets gibt es bei der regionalen Verkehrsgesellschaft: www.vmcv.ch/de/ . Tipp: Man kann auch das Grab des Schauspielers auf dem Dorffriedhof von Corsier-sur-Vevey besuchen. Lohnenswert: Das Ernährungsmuseum Alimentarium, Eintritt 15 Franken (ca. 16 Euro), www.alimentarium.org/de. Nicht nur für Familien sind Spaziergänge entlang der Seepromenade ein schönes Erlebnis, mehr Action bietet aber ein Ausflug in den Aquaparc in Le Bouveret, Eintritt 39 Franken (ca. 42 Euro) pro Person, www.aquaparc.ch/de .Die Schweiz ist kein preisgünstiges Urlaubsland. Viele Rabatte (darunter 50 Prozent auf den Eintritt in Chaplin’s World) und die kostenlose Nutzung der öffentlichen Verkehrsmittel gibt es mit der Montreux Riviera Card: www.montreuxriviera.com .Die Karte bekommt man gratis schon ab einer Übernachtung in Hotels, Pensionen, Ferienwohnungen oder auf Campingplätzen vom Gastgeber.

Allgemeine Informationen
 Schweiz Tourismus, www.myswitzerland.com

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