Charles Aznavour ist tot Der geliebte Außenseiter
Er wurde anfangs belächelt und kaum beachtet: Doch Charles Aznavour wurde die Stimme des Jahrhunderts. Der Mann, der die Jugend und das Leben lebte, starb mit 94 Jahren in Frankreich.
Er wurde anfangs belächelt und kaum beachtet: Doch Charles Aznavour wurde die Stimme des Jahrhunderts. Der Mann, der die Jugend und das Leben lebte, starb mit 94 Jahren in Frankreich.
Paris - Gerade eben stand er doch noch auf der Bühne. Charles Aznavour hatte das obligate Seidentuch um den Hals geschlungen, das beige Hemd bis zum letzten Knopf geschlossen. Der Rest freilich war entwaffnende Offenheit. Da sang, da sprach, lachte jemand, der das Leben in all seiner Schönheit und Abgründigkeit liebt und bejaht. Und außer der nicht mehr ganz so beweglichen Stimme erinnerte nichts daran, dass Frankreichs großer Chansonnier bald seinen 94. Geburtstag feiern sollte und auf eine sieben Jahrzehnte währende Karriere als Sänger, Texter, Komponist und Schauspieler zurückblickte.
Aufbruchsstimmung verbreitete dieser Mann. Fast zwei Stunden schlug er das Publikum in Bann, gönnte sich keine Pause, reihte fast 30 Chansons aneinander, gab Einblick in seine Zukunftspläne. Von einem neuen Buch erzählte er, das er veröffentlichen wolle – Anekdoten gewürzt mit einer Prise Weisheit. „Mein Leben liegt vor mir“, versicherte er. Und da war niemand, der daran hätte zweifeln wollen. Denn Aznavour ist unverzichtbar. Was Gérard Depardieu für den Film ist und der Eiffelturm für Paris, das ist Aznavour fürs französische Chanson. „Le grand Charles“, nennen die Franzosen ihn ehrfurchtsvoll.
Nun gut, die Pariser Konzerte, von denen hier die Rede ist, liegen bereits fast ein Jahr zurück. Am 22. November und am 13. Dezember vergangenen Jahres gastierte Aznavour in Frankreichs Hauptstadt. Ein halbes Jahr später stürzte er, brach sich den Oberarm. Aber die Auftritte vom vergangenen Winter haben sich bei allen, die dabei waren, eben derart ins Gedächtnis eingegraben, als habe er erst gestern in Paris vorbeigeschaut.
In die Accor Hotels Arena hatte er gebeten. Und einer 4000 Sitze zählenden Sportarena bedurfte es auch, um den herbeidrängenden Menschenmassen Platz zu bieten. „Ich kann mir alles herausnehmen, ich habe es zur heiligen Kuh gebracht“, stellte der Star zufrieden fest. Das die Worte begleitende selbstironische Lächeln machte freilich deutlich, dass er selbst sich für alles andere als heilig hält, von Selbstzufriedenheit weit entfernt ist. Wenn er im hohen Alter noch Pläne schmiedete, Neuland anvisierte, dann ja auch deshalb, weil er sich nie wirklich angekommen, nie wirklich am Ziel wähnte.
Zeitlebens sah er sich vor allem als Sohn armenischer Einwanderer. „Ich habe noch immer den Blick von draußen“, hat er kürzlich in einem Interview offenbart. Krieg, Politik, Immigration, das waren und blieben seine Themen. Immer wieder griff er sie auf. Abgearbeitet hat er sie nicht.
Mit „Emigration“, Auswanderung, eröffnete der Künstler seinen Pariser Chanson-Reigen, reckte die geballte Faust empor. Der Völkermord in Armenien, er empörte, er schmerzte ihn wie eine sich nicht schließende Wunde. Immer wieder prangerte er ihn an. Der Präsident der Kaukasusrepublik honorierte das Engagement, ernannte den Sänger zum „Sonderbotschafter für Humanitäres“. Die Unesco folgte dem Beispiel des armenischen Staatschefs. In der Schweiz, wo Aznavour sich in den siebziger Jahren nach Konflikten mit Frankreichs Steuerbehörden niedergelassen hatte, rückte er 2009 sogar als Chefdiplomat an die Spitze der armenischen Botschaft.
Fest steht, dass der Emigrant Aznavour eine gewaltige Wegstrecke zurückgelegt hat. Seine Eltern waren nach Frankreich gekommen, ohne auch nur ein Wort Französisch zu sprechen. Sie schlossen sich dem Widerstand gegen die deutschen Besatzer an, nahmen Juden bei sich auf. Charles hörte damals auf den Namen Shahnourh Aznavourian. Als Schauspieler sah er sich zunächst, heuerte 1941 an einem Pariser Theater an. Die Kritiken fielen zwiespältig aus. Ausgerechnet die Stimme, die ihm zu Weltruhm verhelfen sollte, galt als Schwachpunkt des Künstlers. Sie sei kratzig, verkommen, bekam er zu hören. Sein kleiner Wuchs, ganze 1,65 Meter misst er, trug ihm ebenfalls Geringschätzung ein. Selbst als hässlich wurde er geschmäht.
Aznavour deutete die Kritik als Fremdenfeindlichkeit und zog aus, „die Liebe der Menschen zu gewinnen“, wie er sagte. Der Zorn über die Zurückweisung, die er erfahren hatte, war ihm Ansporn. Anfang der fünfziger Jahre war es dann so weit. Aznavours Stimme fand Gnade an höchster Stelle. Édith Piaf, mit der er damals auf Tournee ging, durch Frankreich und die Vereinigten Staaten zog, sprach ihn an. „Ich mag, wie Sie singen“, sagte die große Dame des französischen Chansons, für die er mehrere Lieder geschrieben hatte. „Sie beißen in die Worte, genauso wie ich.“ Es war der Durchbruch. Nach einem Gastspiel im legendären Pariser Musiktheater L’Olympia wurde der einst Belächelte 1956 landesweit gefeiert. Es folgte ein triumphaler Auftritt in der New Yorker Carnegie Hall. Er habe unverhofft Karriere gemacht, alles sei eine Frage des Glücks gewesen, hat er einmal im Rückblick festgestellt, als er ganz oben angelangt war.
Und heute? Mehr als 1300 Chansons hat Aznavour komponiert, weltweit über 200 Millionen Platten verkauft, in 110 Ländern Konzerte gegeben. Große Regisseure wie Volker Schlöndorff („Die Blechtrommel“) oder François Truffaut („Schießen Sie auf den Pianisten“) haben ihn verpflichtet. In mehr als 60 Filmen hat er vor der Kamera gestanden. CNN und „Time Magazine“ haben den unermüdlich Schaffenden zum bedeutendsten Varieté-Künstler des 20. Jahrhunderts gekürt. Frank Sinatra und Bob Dylan mussten mit den Plätzen dahinter vorliebnehmen. Auf Hollywoods „Walk of Fame“ erstrahlt Aznavours Stern. Und natürlich finden sich im Werk des Chansonniers längst jede Menge Klassiker.
Wenn er „Mes amis, mes amours, mes emmerdes“ anstimmte oder „La Bohème“, flogen ihm nicht nur die Herzen zu. Dann stürmten die Fans die Bühne oder versuchten dies zumindest. Lieder sind das, die schon deshalb jeden in ihren Bann schlagen, weil sie von Aznavours Leben künden, weil sie durch und durch authentisch sind. In „La Bohème“ etwa schildert er Entbehrungen der Kindheit: „Wir essen nur jeden zweiten Tag“. Aus „Sa Jeunesse“ wiederum spricht Aznavours Lebenshunger. „Man muss seine Jugend austrinken bis zum Rausch, all die Augenblicke unserer 20 Jahre sind gezählt.“
Er hat den Kelch ausgetrunken. Sein Lebenshunger ist nie versiegt. Bis zuletzt war er zu spüren. Bis Montag, bis das Undenkbare, Unmögliche geschah, bis der Mann, der eben noch fast zwei Stunden singend, erzählend und lachend auf der Bühne stand, in seinem südfranzösischen Haus gestorben ist.