Krimikolumne

Charles Willeford: „Neue Hoffnung für die Toten“ Traumwandlerisch sicher

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Wer schon von „Miami Blues“, Charles Willefords erstem Hoke-Moseley-Krimi, begeistert war, sollte auf keinen Fall „Neue Hoffnung für die Toten“ verpassen. Dabei hat das Buch einen etwas anderen Effet als der erste Band.

In Miami soll es ja zuweilen etwas ungrade zugehen. Wie gut, dass es dort prinzipientreue Officer wie Sergeant  Moseley gibt. Foto: Michael Müller
In Miami soll es ja zuweilen etwas ungrade zugehen. Wie gut, dass es dort prinzipientreue Officer wie Sergeant Moseley gibt. Foto: Michael Müller

Stuttgart - Er hat keinen Zahn mehr im Mund, dafür eine Menge Biss und eine traumwandlerisch sichere Menschenkenntnis: Hoke Moseley, der Bulle mit der Prothese, punktet auch in seinem zweiten Fall „Neue Hoffnung für die Toten“. Mitten hinein in eine Routinesache – ein Junkie hat sich allem Anschein nach aus Versehen den goldenen Schuss gesetzt –, bekommt der Sergeant von seinem Chef den Auftrag, aus 50 ungelösten Todesfällen rasch eine ganze Reihe aufzuklären. Denn sein Boss will noch ein bisschen Karriere machen.

So wühlt sich Moseley gemeinsam mit seiner Partnerin Ellita Sanchez durch Aktenberge und zeitigt – seinem Instinkt sei Dank – tatsächlich verblüffende Ergebnisse. Mehr noch: auch im Fall des Junkies kommt er dahinter, dass etwas stinkt. Ausgerechnet eine Sexszene mit der Stiefmutter des Verblichenen – von Willeford in einen herzhaften Dialog gegossen – bringt ihn vollends auf die richtige Spur. Und da es dem ansonsten so prinzipienfesten Beamten gerade in die privaten Umstände passt, verbindet er sein Ermittlungsergebnis mit einem Handel zum beiderseitigen Nutzen. Wobei: ganz so unmoralisch, wie sich das jetzt liest, ist der Deal vielleicht gar nicht.

Jedenfalls: Willeford hat nach seinem kernigen „Miami Blues“ der Geschichte diesmal einen anderen Effet verpasst. Das Buch kommt insgesamt ruhiger, gelassener, auch witziger daher, nicht nur wegen eines notgeilen Rüden, den zu melken Moseley sich weigert. Meisterhaft konstruiert der Autor eine Story, in der, wie in einem Adventskalender, immer wieder ein neues, überraschendes Türchen aufgeht. Mögen sich andere im zu Ende gehenden Jahr aufs Christkind freuen: wir freuen uns schon jetzt auf die Hoke-Moseley-Fälle drei und vier.

PS: Hier noch, aus im Buch gegebenen Anlass, die Bedeutung des Wortes „iatrogen“. Es heißt soviel wie „vom Arzt erzeugt“ und bezeichnet Krankheitsbilder, die auf ärztliche Maßnahmen zurückzuführen sind. Nur damit keiner der hoffentlich vielen Leser extra nachgoogeln muss.

Charles Willeford: „Neue Hoffnung für die Toten“ (Der zweite Hoke-Moseley-Fall). Roman. Aus dem Amerikanischen von Rainer Schmidt, bearbeitet und mit einem Nachwort von Jochen Stremmel. Alexander Verlag, Berlin. 324 Seiten, 14,90 Euro. Auch als E-Book, 10,99 Euro.