Charlie Brändle ist ehrenamtliche Sitzwache Ein Manager, der Sterbende begleitet

Charlie Brändle am Bett des schwerkranken, 87-jährigen Dr. B. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Zum Tag des Ehrenamts: Tagsüber ist er Manager bei einer Technikfirma, nachts sitzt er am Bett von Schwerkranken. Warum Charlie Brändle das eine braucht, um das andere tun zu können.

Familie/Bildung/Soziales: Lisa Welzhofer (wel)

Stuttgart - Dr. B. schläft. Der Atem geht ruhig, kaum merklich hebt und senkt sich der Brustkorb. Nur der Kopf des alten Mannes ist zu sehen, ein Stück des Flügelhemds und seine rechte Hand voller Altersflecken. Ansonsten scheint da nicht mehr viel Mensch unter der rot-weiß gestreiften Krankenbettdecke zu sein. Dr. B. isst und trinkt nicht mehr.

 

Charlie Brändle setzt sich auf einen Stuhl an der gegenüber liegenden Wand, gleich neben dem Tischchen mit der Salzlampe, und betrachtet den Mann im Bett. Still ist es im Zimmer. Nur das Rauschen der Heizung ist zu hören, manchmal dringt Gemurmel durch die Tür oder das Geräusch der Rollen, auf denen die Nachtschwester ihr Wägelchen über die Gänge schiebt. Hinter den grauen Vorhängen leuchten die Lichter vom Haigst herunter wie ein Versprechen in dunkler Nacht.

Charlie Brändle, 50, und Dr. B., 87, kennen sich nicht, können sich nicht mehr kennenlernen, aber sie werden die nächsten Stunden miteinander verbringen, von denen keiner weiß, was in ihnen passiert.

Etwa einmal pro Monat kommt Brändle ins Stuttgarter Marienhospital. Abends, wenn das hektische Krankenhaustreiben nach und nach in jene Nachtruhe übergeht, die in öffentlichen Gebäuden etwas sehr Einsames haben kann, etwas Beklemmendes und auch ein bisschen Unheimliches. Brändle ist eine Sitzwache. Man sagt auch: Er hält Sitzwache. Und dass Person und Aufgabe in einem Wort zusammenfallen, sagt vielleicht schon viel über den Charakter dieses Ehrenamtes aus.

Leben und Leiden auf einem Post-it

Erst im Lauf des Tages hat Brändle erfahren, auf welcher Station und in wessen Zimmer er sein wird. Die Informationen hat er auf einen gelben Post-it-Zettel geschrieben, der auf seinem Taschenkalender klebt. Leben und Leiden im 76-mal-127-Millimeter-Format: Palliativstation V5, Dr. B., 87 Jahre alt, Herzinfarkt, Demenz, hört schlecht, schmerzgeplagt. Den Doktor-Titel hat Brändle notiert, weil er vielleicht danach fragen wollte. Es war nicht klar, dass der alte Mann in einen Schlaf aus Schmerzmitteln gesunken sein würde.

Seit fast 30 Jahren gibt es die Sitzwachen im Marienhospital. In den Nächten sollen sie bei Menschen sein, die auf der Endstrecke des Lebens angekommen sind und niemanden haben, der sie begleitet, oder deren Angehörige eine Pause brauchen. Dr. B. zum Beispiel hat keine Familie. Ein gleichaltriger Freund besucht ihn ab und zu, heute war ein Neffe von weit her da.

Brändle ist in der Gruppe der etwa 40 Sitzwachen ein Exot. Die meisten sind im Ruhestand oder arbeiten in Teilzeit, wenn sie den fünfmonatigen Vorbereitungskurs machen. Der gebürtige Esslinger hingegen, der 2014 dazukam, steht mitten im prallen Arbeitsleben. Er ist bei einer amerikanischen Firma für medizinische Geräte angestellt, hat 15 Leute unter sich, reist viel, ist dafür verantwortlich, dass für das Geschäft in Europa, Afrika und im Mittleren Osten genug Geräte und Ersatzteile vorhanden sind. Auch in seiner Freizeit ist Brändle fast jeden Abend verplant. Er hat einen rührigen Freundeskreis und ein Patenkind, er geht essen oder zum Yoga. Er ist keiner, der sich ehrenamtlich engagiert, weil er eine Aufgabe braucht.

Rituale helfen durch die Nacht

Das Thema Hospizarbeit habe ihn schon lange interessiert, sagt Brändle. Die Trauer kam früh in seine Familie, mit nur 18 Jahren verunglückte sein Neffe, da war Brändle Anfang 30. Seither sei der Tod für ihn ein Thema, sagt er. Über eine Zeitungsanzeige wurde er auf die Sitzwachen aufmerksam und die Möglichkeit, immer dann an einem Krankenbett zu sein, wenn er es einrichten kann: nur alle paar Wochen, nur in der ersten Schicht von 21 bis 1 Uhr, weil er um neun wieder im Büro sein muss.

Brändle – Jeans, blaue Strickjacke, blank geputzte Lederschuhe – ist jemand, der die Dinge gut durchdenkt. Für seine Stunden im Krankenhaus hat er sich Rituale geschaffen: Parken in der Tiefgarage, Ankunft in der Eingangshalle um 20.40 Uhr, damit er sich an der Info noch eine Auslasskarte holen kann. Dann eine Kerze entzünden im Halbrund der Marienkapelle. Wenn er die Station betritt, trägt er über der Schulter eine Jutetasche mit all den Dingen, die er am Krankenbett brauchen könnte: mit dem Namensschild und dem Kurzgeschichtenband, mit der Wasserflasche und dem Knoppers, das er doch nie isst. Mit den Werbeprospekten und dem Tagebuch, in dem er die Nacht notiert.

26 Sitzwachen sind in dem schwarzen Büchlein verzeichnet, 26 Menschen, die nicht mehr am Leben sind. Mal hat Brändle eine Seite beschrieben, mal zwei oder drei. Wenn er sie liest, sind die Gesichter wieder da: die Frau im Rollstuhl mit Lungenkrebs, die eine Zigarette rauchen wollte, und die Brändle dafür ins Freie schob. Die junge Patientin mit Amyotropher Lateralsklerose (ALS), die nicht mehr sprechen konnte und Brändle per Textnachricht bat, ihr Arme und Hände zu massieren.

Da war der ruhelose Demenzkranke, der sich entspannte, als Brändle seinen Rücken streichelte. Da waren die vielen Patienten, die nicht mehr trinken konnten und deren Lippen er mit einem feuchtsüßen Wattebausch betupft hat. Und da ist Dr. B., der bald schon Nummer 27 im Tagebuch sein wird, ein Eintrag, eine Erinnerung. Einer, der – davon ist Brändle überzeugt – gespürt hat, dass er nicht alleine war.

Früher habe er Angst vor dem Sterben gehabt, sagt Brändle, und dass die Sitzwachen vielleicht der Versuch waren, damit umzugehen. Das selbstverständliche Zusammensein mit den Schwerkranken, bei dem auch mal gelacht, ein letzter Wunsch nach einem Glas Wein mit Erbsensuppe erfüllt wird, habe ihm die Angst genommen. Auch davor, was er macht, wenn ein Patient in seiner Schicht sterben sollte, was bisher nicht passiert ist. „Im Film hat mal jemand das Fenster aufgemacht, damit die Seele rauskann. Aber die Krankenhausfenster kann man nicht öffnen.“

Manchmal sieht er sich dort liegen

Das Ehrenamt ist für Brändle auch ein Gegengewicht zur Zahlenfixierung der freien Wirtschaft, in der es viel um Kosteneffizienz gehe, um Umsatzsteigerung, um Personaleinsparungen. Brändle macht seine Arbeit gern, seit 34 Jahren ist er bei derselben Firma, dennoch sitzt er manchmal, nach einer Nacht im Krankenhaus, im Büro und findet das alles ein bisschen absurd. Aber das Ehrenamt funktioniere eben nicht ohne einen Job, der Geld bringe. Vielleicht in zehn Jahren, mit 60, wenn er finanziell abgesichert sei, könnte er sich vorstellen, etwas ganz anderes zu machen.

Zehn Uhr. Die Nachtschwester kommt ins Zimmer. Dr. B. stöhnt auf, als sie ein Pflaster wechselt. Ganz kurz setzt sein Atem aus, dann hebt und senkt sich der Brustkorb wieder. Seit zwei Wochen ist der 87-Jährige im Krankenhaus. Erst lag er auf der Inneren, seit heute auf der Palliativstation. 20 Betten gibt es hier für Menschen, die nicht mehr gesund werden. Die Palliativstation des Marienhospitals ist die größte in Baden-Württemberg. Viele ruhelose Nächte hat Dr. B. gehabt, vor zwei Tagen lief er noch mit dem Rollator unruhig auf und ab. Aber in den kommenden Stunden wird er nicht aufwachen, sagt die Schwester.

In solch ruhigen Nächten liest Brändle in seinem Buch oder blättert durch die Werbeprospekte, damit er auch mal „abschalten kann“, wie er sagt. Manchmal hält er eine Hand, manchmal betrachtet er nur den Menschen vor sich. Er versucht, sich aus den wenigen Informationen ein Leben zusammenzuspinnen: Wer war Dr. B.? Was hat er gearbeitet? Wen hat er geliebt? Welche Geschichte wird mit ihm sterben, welche Träume, welches Wissen, welche guten und schlechten Tage?

Brändle ist Pragmatiker und Optimist

Manchmal, sagt Brändle, sehe er auch sich selbst in dem Bett dort liegen und frage sich, wer wohl an seiner Seite sein wird, wenn es einmal so weit ist. Brändle, der neben den Sitzwachen seit fünf Jahren ehrenamtlich eine alte Dame im Altenheim besucht, hört oft von Bekannten, wie bewundernswert sein Engagement sei. „Das kannst du auch“, sagt er dann. Aber bis auf einen Freund hat es ihm noch keiner nachgemacht. Natürlich weiß Brände, dass er sich die Zeit als derzeit Alleinstehender einfacher einteilen kann als Menschen mit Familie. Aber er ist auch überzeugt: „Ein paar Stunden alle paar Wochen – das kann sich jeder einrichten.“ Und in die Aufgabe, da wachse man hinein. Brändle ist Pragmatiker, und er ist Optimist: Wenn sich jeder nur ein bisschen engagieren würde, dann wäre doch vieles besser, sagt er.

Am Ende der Schicht wird Brändle durch die spärlich beleuchteten Krankenhausflure zum Parkhaus gehen, vorbei an der Kapelle, durch die leere Eingangshalle, die sich ein paar Stunden später wieder mit Leben füllen wird. Über der Schulter die Jutetaschen, in der die Milch-Haselnuss-Schnitte wieder einmal unangetastet liegt. Zuhause wird er auf seinem Cannstatter Balkon eine Zigarette rauchen und einen Ramazzotti trinken, auch das Rituale.

Dr. B. wird weiterschlafen. Und drei Tage später wird er nicht mehr aufwachen.

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