ChatGPT fürs Auto Der Mercedes wird zur Plaudertasche

Das Entertainment-System MBUX kann auch ChatGPT einbinden – zunächst aber nur in einem begrenzten Versuch. Foto: Mercedes-Benz AG/Mercedes-Benz AG – Communicati

Langeweile beim Autofahren soll der Vergangenheit angehören. Mercedes integriert ChatGPT in seinen Sprachassistenten, der damit Wissensfragen aller Art beantworten, über die Reiseziele informieren und sogar mit den Insassen diskutieren kann.

Automobilwirtschaft/Maschinenbau : Klaus Köster (kö)

Bei langen Autofahrten kommen die Gedanken zuweilen ins Fließen. Wer in den Nachrichten etwas über das Heizungsgesetz hört, will vielleicht spontan wissen, wie eigentlich der Emissionshandel funktioniert, mit dem man den CO2-Ausstoß auf eine andere Weise eindämmen kann. Oder es kommt einem die Frage in den Sinn, wer noch mal der letzte deutsche Kaiser war.

 

Bei bis zu 900 000 Mercedes-Fahrzeugen in den USA soll es künftig ein Kinderspiel sein, sich solche Fragen innerhalb von Sekunden beantworten zu lassen. Denn den Besitzern dieser Fahrzeuge bietet Mercedes an, im Entertainment-System MBUX auch Künstliche Intelligenz in Gestalt von ChatGPT einzubeziehen. Damit können Fahrerinnen und Fahrer sich per Sprache Informationen aller Art geben lassen, die ihnen ebenfalls per Sprache zugehen. Sie müssen somit auch nicht die Hände vom Steuer nehmen.

Man kann mit der Maschine auch diskutieren

„Hey, Mercedes“, lautet der Sprachbefehl, der den Mercedes-Assistenten MBUX aufmerksam werden lässt. Wer einmalig sagt, dem sogenannten Betaprogramm folgen zu wollen, hat das System damit beauftragt, bei Anfragen künftig auch ChatGPT laufen zu lassen – zumindest in den kommenden drei Monaten, auf die der Versuch zunächst befristet ist. Schon heute können sich die Fahrzeuginsassen Fragen zu Sportergebnissen, zum Wetter oder zur Umgebung beantworten lassen – mit ChatGPT sollen die Möglichkeiten zum Dialog nun stark erweitert werden. Während Sprachassistenten bislang nur vorgegebene Aufgaben und Antworten bearbeiten können, sollen mit dem neuen System auch echte Unterhaltungen möglich sein. Man kann nach Antworten auch Anschlussfragen stellen oder die Aussagen anzweifeln – und schauen, ob die Software auch dann noch bei ihrer Meinung bleibt, was keineswegs immer der Fall ist.

Ein großes, bisher nicht gelöstes Problem von ChatGPT besteht darin, dass die Software ihre Antworten auf der Basis statistischer Sprachmodelle erstellt, die auch völlig falsche Informationen oder ein verzerrtes Bild der Wirklichkeit liefern können. Dieses Problem der sogenannten Halluzinationen kann auch Mercedes nicht lösen – sehr wohl aber kann man bestimmten Fehlern entgegenwirken, die beim Autofahren besonders ärgerlich sind. Deshalb werden mögliche Reiseziele, sogenannte Points of Interest, „vor der Anzeige durch unsere Datenbanken plausibilisiert“, erklärte eine Mercedes-Sprecherin unserer Zeitung.

Falschinformationen werden weniger

Dadurch will Mercedes verhindern, dass Autos aufgrund von Empfehlungen durch ChatGPT zu Zielen gelotst werden, die es gar nicht gibt. Zur Überprüfung nutzt Mercedes auch die Microsoft-Suchmaschine Bing. Dabei zeige sich schon heute, dass mit fortschreitender Qualität der Modelle Halluzinationen „künftig zunehmend ausgeschlossen werden können“, so die Sprecherin.

Zunächst wird das System nur in den USA erprobt. Allerdings könne ChatGPT perspektivisch in allen Fahrzeugen eingesetzt werden, die mit dem Infotainment-System MBUX ausgestattet sind.

Drittanbieter gehören zur Strategie

Erst im Februar hatte Mercedes erklärt, bei digitalen Funktionen intensiv mit Drittanbietern zusammenzuarbeiten. So soll in das künftige Betriebssystem MB.OS das weltweit führende Navigationssystem Google Maps eingebunden werden. Die Einbindung von Drittanbietern gilt als heikel, weil Unternehmen wie Google anstreben, weit in die digitale Architektur von Autos vorzustoßen, um dort Nutzer- und Fahrzeugdaten zu gewinnen und daraus Geschäftsmodelle zu erzeugen. Würden Hersteller dies zulassen, gingen zentrale Teile der künftigen Wertschöpfung an die Datenkonzerne, während die Hersteller zunehmend zu Lieferanten und „Blechbiegern“ würden, wie es in der Branche heißt. Zugleich ist es für die Hersteller kaum möglich, Konzernen wie Google mit eigenen Technologien Paroli zu bieten.

Mercedes hat sich deshalb dafür entschieden, „Architekt unseres eigenen Betriebssystems zu sein“, wie es Konzernchef Ola Källenius im Februar ausdrückte. „Wenn Sie Architekt sind, müssen Sie nicht jede Fliese selbst verlegen oder jeden einzelnen Balken aufstellen. Deshalb haben wir eine Reihe von Partnern sorgfältig ausgewählt.“

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