Cheerleading in Bad Cannstatt Die Mär von den Puscheln

Von Julia Klassen 

Die Cheerleader des TV Cannstatt dürfen sich mit den besten Teams der Welt messen. Akrobatik, Turnen, Tanzen – das Training bis dahin wird schweißtreibend und zeitintensiv.

Die Cheerleader des TV Cannstatt mit einer ihrer leichteren Übungen. Foto: Pressefoto Baumann
Die Cheerleader des TV Cannstatt mit einer ihrer leichteren Übungen. Foto: Pressefoto Baumann

Bad Cannstatt - Leicht bekleidete Mädchen, die dauergrinsend und puschelwedelnd muskelbepackte Sportler anhimmeln – das ist das Bild, das viele Menschen von dem haben, was für Stefanie Diehl (31) Lebensinhalt ist. Es ist ein zweifelhafter Ruf, der dem Cheerleading vorauseilt. Angestachelt auch von unzähligen Filmen, in denen Cheerleader vor allem dies sind: überdurchschnittlich hübsch und unterdurchschnittlich klug. Stefanie Diehl hat für solche Vorurteile nur ein müdes Lächeln übrig. „Klar, früher standen Cheerleader beim Football oder Basketball wirklich hauptsächlich an der Seiten­linie und wedelten mit ihren Puscheln“, sagt die Trainerin der TVC Allstars. Dabei sei Cheerleading so viel mehr: eine Mischung aus Akrobatik, Turnen und Tanz. Schweißtreibend, zeitintensiv – kurz: eine Leistungssportart. Und das spricht sich langsam, aber sicher auch herum.

„Die Akzeptanz steigt“, sagt Stefanie Diehl. Längst gibt es hierzulande Meisterschaften, in denen sich die besten Gruppen messen können. Die Zeiten, in denen die Hauptbeschäftigung der heutigen TVC Allstars darin bestand, die Footballer der Stuttgart Scorpions anzufeuern, sind jedenfalls seit 2012 vorbei. Im Jahr 2013 wechselten sie zum TV Cannstatt. Mit Erfolg: Im vergangenen Jahr sicherte sich das Team den Landesmeistertitel und Rang zwei bei der Regionalmeisterschaft Süd. Mit dem ersten Platz bei den German All-Level Championship Süd qualifizierten sich die TVC Allstars zudem für die UCA All Star Championships 2018 in Florida (USA). „Dort treten wir gegen Teams an, die wir bisher nur von Youtube oder Instagram kennen“, freut sich Stefanie Diehl.

Salti und Flickflacks sind für die männlichen Cheerleader die leichtesten Übungen

Der Erfolg hat seinen Preis. Fünfmal pro Woche steht die Modedesignerin in der Badmintonhalle am Schnarrenberg. Sie trainiert mehrere Teams der Allstars und ist zudem Abteilungsleiterin. Dreimal in der Woche, jeweils bis zu drei Stunden lang, coacht sie gemeinsam mit ihrem Mann André Paul die Erwachsenengruppe, die TVC Allstars Coed. 18 junge Menschen im Alter zwischen 18 und 36 hören dann auf ihr Kommando, mehr als ein Drittel davon ist männlich.

Männlich? Ja, männlich.

„Manche belächeln das, wenn sie es zum ersten Mal hören“, weiß Stefanie Diehl. Denen empfiehlt sie, sich mal ein Training anzuschauen oder, noch besser, selbst mitzumachen. Salti und Flickflacks sind für die männlichen Cheerleader dabei noch die leichtesten Übungen, die meisten kommen aus dem Turnen oder haben früher Parcours gemacht. Sogar einen ehemaligen Footballer haben die TVC Allstars in ihren Reihen.

Die Hauptaufgabe besteht darin, die Mädels aus ihrem Team senkrecht nach oben zu halten, sie in die Höhe zu werfen und wieder aufzufangen. „Die halten ihre Teamkameradinnen teilweise mit nur einer Hand. Wir sprechen da von 50 bis 60 Kilogramm“, sagt Stefanie Diehl.

Ein Klischee stimmt: Die Cheerleaderinnen sind bei ihren Auftritten top gestylt

Mit Pompons kommen die Männer dagegen nicht in Berührung. Und ihre Kameradinnen übrigens auch nicht so häufig, wie gemeinhin vermutet wird. Die Mär von den Puscheln hält sich trotzdem hartnäckig. Dabei kommen die Wedel aus Plastik nur beim Cheer am Anfang zum Einsatz – damit kündigen sich die Teams im Wettkampf der Jury und den Zuschauern an. Nach ein paar Sekunden ist der Cheer aber schon wieder vorbei – und die Choreografie beginnt. Akrobatische Höchstschwierigkeiten, Pyramiden, Stunts zu lauter Musik. Zweieinhalb Minuten lang. Dabei lächeln die Jungs und Mädels, als sei Cheerleading tatsächlich das Einfachste auf der Welt. „Spirit zeigen“, nennt Stefanie Diehl das, und auch dieser „Geist“ wird bewertet, ebenso wie die Schwierigkeit, die Ausführung und die Synchronität. 10,0 ist die Höchstpunktzahl. „Das hat aber noch niemand geschafft“, sagt Stefanie Diehl, „wir peilen für die Regionalmeisterschaft mal die 7 an.“

Ein Klischee stimmt übrigens doch. Die Cheerleaderinnen sind bei ihren Auftritten top gestylt und zeigen auch ziemlich viel Haut. Auffällig sind dabei die großen Schleifen in den Haaren der Mädchen – sie sind selbst gemacht von Stefanie Diehl. Und das nicht nur für ihr eigenes Team. Die Modedesignerin hat sich mit den „Bows“ selbstständig gemacht und beliefert seit einiger Zeit Mannschaften in ganz Deutschland. Bei ihr dreht sich tatsächlich das ganze Leben ums Cheerleading.

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