Bernhard Schneider war jahrzehntelang in der Pflege tätig, zuletzt als Hauptgeschäftsführer der Heimstiftung in Stuttgart. In den Ruhestand geht er mit einer Forderung.
Vier Jahrzehnte war Bernhard Schneider in der Altenpflege tätig. Der einstige Pflegehelfer geht Ende des Jahres als Hauptgeschäftsführer der Evangelischen Heimstiftung in den Ruhestand. Schneider fordert eine grundlegende Reform der Pflege mit einer Begrenzung der Eigenanteile im Pflegeheim.
Herr Schneider, was hat sich in den vier Jahrzehnten in der Pflege verändert?
Als ich Ende der 70er Jahre als Pflegehelfer eingestiegen bin, waren viele Heime noch „Anstalten“ mit „Insassen“. Das Konzept der Pflege bestand überwiegend aus „Satt und Sauber“, die Ansprüche der Heimbewohner waren von Bescheidenheit geprägt. Später, in meiner Zeit als Heimleiter Ende der 80er Jahre, wurden die Heime eher wie Krankenhäuser betrieben, sehr funktional und klinisch und an „Patienten“ orientiert. Heute bauen und betreiben wir überwiegend kleine, quartiersverbundene Einrichtungen mit Wohngruppenmodellen. Wir versuchen, auf die individuellen Wünsche unserer Kunden so gut wie möglich einzugehen.
Ist der Fachkräftemangel noch immer so gravierend?
Es ist immer noch schwierig, genügend gut qualifiziertes Personal zu finden, aber die Rahmenbedingungen haben sich in den letzten Jahren spürbar verbessert. Bei der Bezahlung hat sich viel getan. Die Gehälter sind überproportional angestiegen. Das Klischee, man verdiene nichts in der Pflege, ist überwunden. Seit der Einführung der Pflegeversicherung wurde die personelle Ausstattung deutlich verbessert. Die Personalschlüssel wurden erst vor Kurzem noch einmal angehoben. Betreuungskräfte sind dazugekommen. Dadurch hat sich das Image der Pflege spürbar verbessert. Und die Pflege ist demografiebedingt eine aufstrebende Branche. Wir bauen keine Stellen ab, sondern bieten sichere Arbeitsplätze. Wir bekommen auch genug Auszubildende. Ich sehe beim Thema Personal durchaus positiv in die Zukunft.
Derzeit sind die stark gestiegenen Kosten und die Zuzahlungen in den Heimen das Aufregerthema.
Es ist dramatisch, wenn für einen Pflegeheimplatz teils mehr als 4000 Euro Eigenanteil aufgebracht werden muss – wer kann sich das noch leisten? Ich habe auf diese Entwicklung schon vor Jahren hingewiesen und mit der Initiative Pro-Pflegereform vorgeschlagen, das Leistungsprinzip der Pflegekasse umzudrehen: Die Heimbewohner bezahlen für die Pflege einen fixen Sockelbetrag, und alle darüber hinaus gehenden Pflegekosten bezahlt die Pflegekasse. Das wäre gerecht und würde die Kosten für die Bewohner deckeln.
Was sind die Kostentreiber in der stationären Pflege?
Das Personal macht fast 80 Prozent der Kosten im Pflegeheim aus. Bei einem Pflegesatz von 160 Euro pro Tag sowie der kompletten Unterkunft, Verpflegung, Betreuung und Miete lässt sich nicht wirklich viel einsparen. Teuer wird es für die Heimbewohner, weil die Pflegeversicherung bei Monatskosten von fast 5000 Euro zu wenig bezahlt. Es kann doch nicht sein, dass es eine Pflegeversicherung gibt, die das Pflegerisiko nicht abdeckt.
Ein Teil der Kosten entsteht auch durch Investitionen in Neubauten.
Die Neubaukosten für einen Pflegeheimplatz liegen inzwischen bei rund 230 000 Euro. Bei einem kleinen Heim mit 45 Plätzen sind das mehr als zehn Millionen Euro, die wir als gemeinnütziges Unternehmen komplett selbst bezahlen und über den Investitionskostenanteil durch die Kunden refinanzieren müssen. Das sind inzwischen mehr als 40 Euro pro Tag.
Ist die Expansion mit Neubauten nicht ohnehin vorbei? Die Stadt Stuttgart setzt künftig auf ambulante Angebote.
So einfach ist das nicht. Es gibt nach wie vor eine riesige Nachfrage nach Pflegeheimplätzen. Deshalb kann man nicht die Hände in den Schoß legen und einfach nach ambulanten Angeboten rufen. Von allein kommen die nicht. Auch da muss Infrastruktur gebaut werden, mehr betreute Wohnungen, Pflegewohnungen, Pflegeappartements, Wohngemeinschaftsmodelle oder Residenzen mit Tagespflegen und Pflegediensten. Ich glaube auch, das sind die Modelle der Zukunft, weil immer weniger Menschen sich vorstellen können, in einem institutionellen, heimrechtlich regulierten Pflegeheim zu leben. Die Menschen wollen Selbstbestimmung und Teilhabe im Alter, auch bei Pflegebedürftigkeit.
Grundsätzlich liegt die Stadt mit ihrer Einschätzung aber richtig?
Das Problem in Stuttgart ist, dass es keine Bauplätze gibt. Und wenn mal einer in Aussicht wäre, wartet man bis zum Sankt Nimmerleinstag auf das Baurecht. Deshalb macht das Bauen in Stuttgart keinen Spaß mehr. Jede neue pflegegerechte Wohnung macht größeren Wohnraum frei für Familien. Darüber sollte in der Stadt mal nachgedacht und ein massives Förderprogramm für Pflegewohnen aufgelegt werden. Das wäre für die Jungen und die Alten sinnvoll.
Was bedeutet die Ambulantisierung für die Heimträger?
Das wäre ein radikaler Umbau des Systems. Die Aufhebung der Sektoren, also die Abschaffung von ambulanten, teilstationären und stationären Strukturen, ist aber nötig, weil sie die Lebenswirklichkeit vieler Menschen nicht mehr abbildet. Die Pflegeversicherung muss nach dem Prinzip Wohnen und Pflege organisiert werden: Egal wo ich wohne, daheim, in der WG oder im Pflegeappartement, die Versicherung übernimmt die Kosten für Betreuung, Grundpflege und Behandlungspflege. Die Kosten für das Wohnen übernimmt jeder selbst. Ich bin überzeugt, wir müssen die ganze Pflegewelt nach einer ambulanten Logik organisieren.
Ein Leben für die Pflege
Person
Bernhard Schneider wurde 1958 in Freudental im Landkreis Ludwigsburg geboren. Er war neben Studium und Ausbildung 40 Jahre in der Pflege tätig. Zunächst als Pflegehelfer, dann als Heimleiter. 1995 kam er nach Stuttgart, zuerst als Referent der Baden-württembergischen Krankenhausgesellschaft, dann als Geschäftsführer des Eigenbetriebs Leben und Wohnen der Landeshauptstadt Stuttgart. 2011 wechselte er zur Evangelischen Heimstiftung.
Evangelische Heimstiftung
Der Pflegekonzern mit Sitz in Stuttgart bezeichnet sich selbst als größtes diakonisches Pflegeunternehmen im Land. Es hat 10 700 Beschäftigte und 850 Auszubildende, die rund 15 000 Menschen in 173 Einrichtungen betreuen (14 in Stuttgart), darunter elf Residenzen, 92 Pflegeheime, 40 Mobile Dienste, 27 Tagespflegen, 65 Betreute Wohnanlagen sowie eine Rehaklinik.
Nachfolge
An der Spitze der Heimstiftung wird künftig ein Trio stehen, nicht mehr nur ein Duo. Die bisherige Co-Geschäftsführerin Elke Eckardt übernimmt den Vorsitz der Geschäftsführung. Florian Schaaf wird Geschäftsführer Finanzen, Geschäftsführerin Personal wird Mirjam Weissert.