InterviewPopakademie-Chef Udo Dahmen „Wir brauchen den Echo“

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Popakademie-Chef Udo Dahmen hat Verständnis für die Kritik an der Echo-Preisverleihung. Abschaffen würde er den Preis aber nicht. Im Interview erklärt er, wie der Preis in die Zukunft geführt werden könnte.

„Die Künstler sind aufgerufen, sich der Verantwortung ihrer Musik bewusst zu werden“, sagt Udo Dahmen. Foto: Popakademie / Arthur Bauer
„Die Künstler sind aufgerufen, sich der Verantwortung ihrer Musik bewusst zu werden“, sagt Udo Dahmen. Foto: Popakademie / Arthur Bauer

Stuttgart - Seit der Verleihung des Echos an die Rapper Kollegah und Farid Bang stehen die Preis-Verantwortlichen massiv in der Kritik. Udo Dahmen, künstlerischer Direktor und Geschäftsführer der Popakademie in Mannheim, sieht eine Grenzüberschreitung der Künstler. Für den Preis aber sieht er noch eine Zukunft.

Herr Dahmen, es hagelt Kritik für die Echo-Verantwortlichen. Es gibt Stimmen, die sagen, dass der Preis keine Berechtigung mehr hat. Wie sehen Sie das? Gehört der Echo abgeschafft?
Nein, wir brauchen einen Preis wie den Echo. Er hat sich im Lauf seiner Geschichte bewährt – als der Preis der deutschen Musikbranche. Wir tun gut daran, an ihm festzuhalten und ihn weiter fortzuschreiben. Aber die Bedingungen, unter denen er vergeben wird, müssen verändert werden.
Wie könnte das aussehen?
Die Nominierungen müssen anders festgelegt und auch die Veranstaltung sollte anders gestaltet werden. Darüber müssen sich die Verantwortlichen nun klar werden. Der Bundesverband Musikindustrie hat deutlich gemacht, dass er das tun wird. Wie genau das aussieht, ist noch nicht klar.
Haben Sie Vorschläge?
Es wäre sinnvoll, wenn die Balance zwischen dem, was populär ist und dem, was Fachleute sagen, anders hergestellt würde. Heute richtet sich die Verleihung in den meisten Kategorien nach dem Ergebnis der Verkäufe und einer darauffolgenden Juryabstimmung. Das sollte anders gewichtet werden, die Experten sollten mehr Gewicht bekommen. Der Umsatzaspekt müsste eine deutlich kleinere Rolle spielen als bisher.
Gibt es denn Beispiele, wo es aktuell schon gut funktioniert?
In den USA bei der Vergabe der Grammys! Dort gibt es eine große Expertenrunde, die dort bestimmte Musiken, bestimmte Alben und Künstler nominiert.
Braucht eine Musikpreis-Jury in Zukunft festgelegte Kriterien, an denen sie sich abarbeitet, um beispielsweise Antisemitismus und Sexismus aus der Veranstaltung zu halten?
Es bleibt erst einmal abzuwarten, was die Verantwortlichen jetzt tun wollen. Grundsätzlich geht es immer um den Einzelfall, den man bewerten muss. Es ist eine schwierige Entscheidung um die Kunstfreiheit und ihre Grenzen. Deshalb kann man nicht pauschale Richtlinien festlegen. Und es sind natürlich die Künstler aufgerufen, deutliche Grenzen zu ziehen und sich der Verantwortung ihrer Musik bewusst zu werden.
Sie haben auch die Veranstaltung als solche angesprochen, die verändert werden müsste. An was denken Sie?
Die Frage ist ja immer: Welche Inhalte möchte ich wie transportieren. Man könnte dem Preis zum Beispiel eine andere Ausrichtung geben, indem man ihm mit einem Motto oder einem bestimmten Thema überschreibt. Das können ganz unterschiedliche Dinge sein. Es gibt ja einige Jubiläen, die wir in der Popkultur feiern oder Lebenswerke, die ausgezeichnet werden. Dazu könnte man einen Schwerpunkt bilden. Auch das kennt man von den Grammys, dass nicht nur das Lebenswerk ausgezeichnet wird, sondern auch eine bestimmte Musikrichtung stärker bewertet wird aufgrund der historischen Sichtweite.
Was wäre ein Beispiel?
Vor 50 Jahren wurde das Beatles-Album „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“ mit vier Grammys ausgezeichnet. Das wäre zum Beispiel ein sehr interessantes Motto. In der Historie der Popmusik, die mittlerweile fast 100 Jahre zurückreicht, gibt es aber insgesamt einige Dinge, die ich mir vorstellen kann.
War es ein Fehler, dass Kollegah und Farid Bang beim Echo aufgetreten sind – und einen Preis bekommen haben?
Es wäre sicher besser gewesen, den Preis nicht zu vergeben. Man hätte eine andere Lösung finden können. Es beispielsweise bei einer Nominierung zu belassen – und ihnen mit einem Auftritt im Fernsehen nicht noch eine so große Plattform zu bieten.
Sind die beiden denn wirklich so „böse Buben“ oder gehört das zur Kunstfreiheit dazu?
Hier wurde deutlich eine Grenze überschritten. Gewisse Äußerungen sind einfach nicht tragbar, die im Song gemacht wurden. Bei allem Verständnis für Provokation und Kunstfreiheit: Ich schließe mich Campino an. Wenn frauenfeindliche, antisemitische Anspielungen gemacht werden und damit dauerhaft Tabubrüche begangen werden, dann muss man sich dem entgegenstellen.