Marco Sinervo ist Inhaber von Deutschlands größter Modelagentur. In diesem Interview räumt er mit falschen Bildern der Branche auf.

Volontäre: Susan Jörges (suj)

Er kennt die Modewelt. Bei Marco Sinervo haben sich schon viele hübsche Frauen und Männer vorgestellt, die in der Branche Fuß fassen wollen. Den meisten musste er den Traum nehmen, anderen wie Kate Upton verhalf er zum internationalen Durchbruch. Ein Gespräch über Schönheit, „Germany’s Next Topmodel“ und die Zukunft des Modelns.

Herr Sinervo, gelten heute die gleichen Menschen als schön wie vor 25 Jahren?

Was wir unter Schönheit verstehen, hat sich über die Jahre gesehen nicht wirklich verändert. Klar, Trends kommen und gehen, aber ein symmetrischer Gesichtsschnitt, gute Proportionen, eine gewisse Größe und ein guter Körper sind wichtig. Schönheit alleine reicht aber nicht. Auch die Persönlichkeit muss stimmen. Models müssen die Rolle vor der Kamera lieben, sie müssen in der Lage sein, aus sich rauszukommen und ihren Körper gekonnt einzusetzen. Das können nur sehr wenige, auch wenn sie schön sein mögen.

Einige würden gerne Models in der Werbung sehen, die Menschen aus dem echten Leben ähnlich sehen. Sind sie toleranter gegenüber Körpern geworden, die nicht dem Ideal entsprechen?

Modefirmen wollen sich auf die Fahne schreiben, dass sie divers und international sind. Wir haben mittlerweile auch einige dunkelhäutige Personen oder Models aus Asien oder Südamerika in der Kartei. Auch außergewöhnliche Persönlichkeiten mit Beinprothesen, Pigmentstörungen oder Transgender-Models mögen vereinzelnd gefragt sein. Zugleich muss man sich eingestehen, dass es sich hierbei um Ausnahmeerscheinungen handelt und nicht um Trends, die die Branche verändern. Auch wenn Fernsehshows wie „Germany’s Next Topmodel“ derzeit diesen Eindruck erwecken wollen.

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„Germany’s Next Topmodel“ schafft die Sorte Ruhm, die man niemandem wünscht, heißt es in Ihrem Buch. Was meinen Sie damit?

Die Sendung ist ein Trash-Format. Die jungen Teilnehmerinnen werden in extremen Drucksituationen gegeneinander aufgehetzt und in der Öffentlichkeit zerrissen. Damit erreicht man natürlich eine gewisse Aufmerksamkeit, die aber nicht förderlich für eine Modelkarriere ist. Außerhalb der Show Fuß zu fassen ist schwer. Heidi Klum übernimmt weder Verantwortung für die Zukunft der Teilnehmerinnen, noch erschafft sie Topmodels.

Übernimmt Ihre Modelagentur MGM Verantwortung?

Verantwortlich zeigen wir uns, indem wir nur mit solchen jungen Menschen eine Modelkarriere aufbauen, die auch eine realistische Chance haben, erfolgreich zu arbeiten. Wir müssen selektieren, für wen es sich lohnt, diesen Weg einzuschlagen. Denn wer Model sein will, tauscht vieles dagegen ein. Andere studieren, werden Gutverdiener in der freien Wirtschaft oder Wissenschaft, führen Beziehungen und Freundschaften. Besonders Letzteres ist für erfolgreiche Models im internationale Business nicht immer möglich.

Ihre Models arbeiten für Louis Vuitton, Zara oder Mango. Firmen, deren Arbeits- und Produktionsbedingungen zweifelhaft sind. Endet hier Ihre Verantwortung?

Fast-Fashion ist natürlich nicht zeitgemäß. Es gibt von allem zu viel. Ich finde die Entwicklungen bedenklich, aber das ist ein Problem, das ich als Modelagent nicht lösen kann. Mein Job ist es, die Karrieren der Models zu fördern. Auf die Frage, welche Verantwortung die Firmen hinsichtlich Nachhaltigkeit und Arbeitsbedingungen übernehmen, müssen andere eine Antwort finden.

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Einige Models betreiben eigene Instagram-Profile. Kann Instagram Modelagenturen ersetzen?

Nein, wir als Agentur selektieren, handeln Deals aus und verhelfen Models zu Kontakten, die sie so nie hätten. Eine Influencerin ist auch nicht automatisch ein Model. In sozialen Medien inszenieren Menschen sich und ihr Leben als Marke. Ein Model muss mehr leisten: Es muss für einen Kunden arbeiten und verschiedene Rollen einnehmen können, ähnlich wie ein Schauspieler.

Asien sei der Zukunftsmarkt der Mode, sagen Sie. Sehen Sie kein Potenzial mehr in Deutschland?

Deutschland ist derzeit eine ziemliche Wüste. Ich war im März auf der Berlin Fashion Week, das war entsetzlich. Nichts Innovatives, keine spannenden Designer. Viele deutsche Firmen haben den Anschluss an internationale Trends verloren; junge Menschen kaufen lieber internationale Billigfirmen statt deutsche Marken. Frankreich hat Louis Vuitton oder Balenciaga, Italien hat Gucci oder Dolce Gabbana – in Deutschland fällt mir nichts Vergleichbares ein.

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Es gebe Ambitionen, das Modeln in seiner heutigen Form zu ersetzen, etwa durch Bildbearbeitung, heißt es oft. Würden Sie jungen Menschen noch raten, ihrem Modeltraum zu folgen?

Der Markt hat sich verändert und ist weniger glamourös als früher. Es bleibt weniger Zeit, eine große Kampagne zu feiern, weil schon an der nächsten gefeilt wird. Aber Menschen mit wirklichem Talent können noch immer viel erreichen. Zu viele Menschen halten sich heute für geeignet und denken, dass sie Model werden können. Mit dieser Annahme muss man aufräumen. Nur wer Talent hat, kommt groß raus. Solche Menschen zu entdecken und zu fördern ist unsere Aufgabe.

Zur Person

Marco Sinervo,
Jahrgang 1975, ist seit 25 Jahren Modelagent. Seine Agentur MGM mit Filialen in Hamburg, Düsseldorf und Paris hat heute über 1200 Frauen und Männer in der Kartei, jeden Monat bewerben sich 400 bis 500 weitere. Sein Buch „Fame vs. Fake“ ist kürzlich im MVG-Verlag erschienen.

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