Fasten kann bei Symptomen wie Hitzewallungen und Schlafstörungen helfen, sagt Verena Buchinger-Kähler. Foto: KI/Midjourney/Montage: Pichlmaier
Jede fünfte Frau in Deutschland ist in den Wechseljahren. Für viele ist die Zeit mit Beschwerden verbunden. Wie Fasten helfen kann, erklärt die Chefärztin der Buchinger-Wilhelmi-Klinik.
Fasten in den Wechseljahren – ist das zu empfehlen? Nach Ansicht von Experten kann der temporäre Verzicht auf feste Nahrung viele Symptome lindern, die in dieser Zeit der hormonellen Umstellung auftreten. Nach Ansicht von Verena Buchinger-Kähler (39), Fastenexpertin und Chefärztin an der berühmten Buchinger-Wilhelmi-Klinik in Überlingen am Bodensee, ist das Fasten sogar ein Powertool, das körperlich wie mental hilft.
Frau Buchinger-Kähler, stimmt es, dass Frauen, die regelmäßig fasten, besser durch die Wechseljahre kommen?
Ja, nach meiner Erfahrung trifft es zu, dass man durch das Heilfasten den Hormonhaushalt ausbalancieren kann. Bisher gibt es zu dem Thema zwar keine belastbaren Studien. . Doch wir forschen derzeit an unserer Klinik dazu – mit einer umfassenden Fragenbogen-basierten Studie, die auf mehrere Monate angelegt ist, und uns zunächst mal einen Einblick geben wird, was da überhaupt passiert.
Wir haben ja in Überlingen nicht nur unsere Fastenklinik, sondern auch das weltweit größte klinische Zentrum zur Erforschung des Heilfastens. Hier überprüfen und validieren wir unser Programm regelmäßig. Und ich würde sagen: Ob Blutdruck, Blutzucker oder Herzgesundheit – das Heilfasten ist ein Powertool.
Östrogenspiegel sinkt in den Wechseljahren
Hitzewallungen sind eines der großen Probleme, mit dem Frauen in den Wechseljahren kämpfen. Kann fasten auch hier Linderung bringen?
In den Wechseljahren sinkt der Östrogenspiegel, was unter anderem zu den bekannten Hitzewallungen führt. Was vielen nicht bekannt ist: Auch Blutzuckerschwankungen haben einen Einfluss und können Hitzewallungen verschlimmern. Das Heilfasten, sprich der Verzicht auf feste Nahrung auf bestimmte Zeit, kann ausgleichend wirken. Denn die Insulinresistenz wird dadurch nachweislich reduziert. Das bedeutet, dass der Körper wieder sensitiver auf Insulin reagiert und so der Blutzucker normalisiert werden kann. Auch der Blutdruck normalisiert sich übrigens beim Fasten. Schon nach wenigen Tagen zeigt sich eine Besserung.
Bei welchen Beschwerden, die in den Wechseljahren häufig auftreten, hilft es noch? Etwa bei Gelenkschmerzen?
Wir sehen es immer wieder vor Ort, dass bei Patienten mit Gelenkproblemen die Schmerzen nachlassen. Auch Studien belegen, dass die Gelenke davon profitieren. Das Fasten wirkt nämlich entzündungshemmend und antioxidativ. So manche Frau in den Wechseljahren landet beim Rheumatologen. Das müsste nicht sein – vor allem nicht, wenn man generell auf ausgewogene, antientzündliche Ernährung achtet. Denn diese ist bei der hormonellen Gesundheit ein Riesenfaktor.
Was sollte man also essen?
Viel Gemüse und Obst, derzeit etwa Beeren, denn sie sind von Natur aus zuckerarm. Hochwertige Fette, etwa mit gutem Olivenöl oder mal Bio-Lachs, der Omega-3-Fettsäuren enthält. Dazu Vollkornprodukte, Nüsse, Samen, Hülsenfrüchte. Und generell tierisches Protein nur in Maßen.
Ein prima Start in den Tag ist etwa ein Müsli mit Sesam, Sonnenblumenkernen, frisch geschrotetem Leinsamen und einem Spritzer Zitronensaft oder auch mal ein Omelett. Zum Mittag kann es dann zum Beispiel Ofengemüse mit Hummus geben, abends eine Gemüsesuppe oder zwischendurch auch mal eine Knochenbrühe, denn sie ist reich an reich an Glycin, das unter anderem als Schutzfaktor für Zellgesundheit dient sowie die Kollagenbildung und und die Schlafqualität unterstützt.
Sind Essenspausen wichtig?
Unbedingt. Zwölf Stunden sollten es schon sein. Viele Menschen kommen allerdings nur noch auf sieben oder acht Stunden ohne Nahrung, weil es abends auf dem Sofa noch Nüsschen oder Chips zum Wein gibt. Das Heilfasten kann da als wunderbarer Einstieg in neue Ernährungsroutinen dienen.
Verena Buchinger-Kähler. Foto: Buchinger Wilhelmi
Tees spielen beim Fasten nach Buchinger eine große Rolle. Gibt es einen Tee zu dem Sie in den Wechseljahren besonders raten?
Selbst angesetzten Salbeitee, denn er enthält Phytoöstrogene. Ein Salbeisäckchen unter dem Kissen kann zudem gegen nächtliche Hitzeattacken wirken. Manchen Frauen verläuft durch das starke Schwitzen über den Tag das Make-up. Hier kann ein Toner mit Salbeiauszug ein Retter sein.
Wie sieht es bei weiteren Symptomen aus, etwa bei Schlafstörungen?
Auch hier machen viele Frauen mit dem Fasten gute Erfahrungen. Generell sollte man auf gute Schlafhygiene achten, unter anderem stets zur etwa gleichen Uhrzeit ins Bett gehen. Das Schlafzimmer sollte abgedunkelt und kühl sein, 18 Grad gelten als optimal.
Wechseljahre sind Zeiten des Umbruchs
Viele Frauen klagen in den Wechseljahren über Stimmungsschwankungen . . .
. . . was völlig verständlich ist, denn es handelt sich um eine Zeit des extremen Umbruchs. Es beginnt eine Phase in der die Reproduktion in Nicht-Reproduktion übergeht. Viele fragen sich daher: Bin ich dadurch weniger Frau? Und wie sehe ich mich nun generell? Wo stehe ich? Wo kann es hingehen?
Die Kinder sind im Teenager-Alter oder schon erwachsen, die Eltern werden gebrechlicher. Es ist somit eine Umbruchzeit, ein Abschiednehmen, ein Loslassen auf vielen Ebenen. Aber auch eine Riesenchance. Ähnlich ist es beim Fasten, das ebenfalls Loslassen und Neubeginn bedeutet.
Durch bewussten Verzicht auf Nahrung?
Genau. Aber es ist auch mentales Detox. Meiner Meinung nach sollte jeder, der vor einer neuen Lebensphase steht, mal das Fasten ausprobieren. Man kann diese Zeit dazu nutzen, um raus aus dem Hamsterrad zu kommen, Gedankenkreise zu durchbrechen, sich auf sich zu konzentrieren, Bilanz zu ziehen – und Ausblicke zu wagen.
Gibt es Menschen, für die das Fasten weniger geeignet ist?
Wer zum ersten Mal fastet, sollte sich vorher unbedingt ärztlich untersuchen und sich ein Okay geben lassen. Problematisch ist es meiner Absicht nach, wenn man mit über 85 zum ersten Mal eine Fastenkur machen möchte. Davon würde ich abraten. Zudem empfehle ich, dass man am besten raus aus dem Alltag geht – etwa in eine Gruppe oder in eine Klinik.
Frauen klagen in den Wechseljahren auch über Gewichtszunahme.
Vor allem sammelt sich mehr Bauchfett an. Denn der Rückgang von Progesteron, der ja schon viel früher beginnt als der Rückgang von Östrogen – wir sprechen von der Perimenopause, kann zu einer temporären Östrogendominanz führen. Dieses Überwiegen an Östrogen kann leider zu einer veränderten Fettverteilung, sprich: rund um den Bauch, einem Brustwachstum, Stimmungsschwankung, Blähungsneigung und reduzierter Leistungsfähigkeit führen. In der Menopause sinkt dann der Grundumsatz: Durch den Wegfall des Zyklus verbrennen täglich ungefähr 250 Kalorien weniger. Man muss also aktiv gegensteuern.
Mit Sport?
Ja, es braucht dabei gezieltes Training und nicht nur mit Sportarten, die die Ausdauer verbessern. Frauen in den Wechseljahren und nach der Menopause sollten auf Krafttraining setzen, möglichst zweimal die Woche, denn es hat einen wunderbaren Einfluss auf den Hormonhaushalt, auf die Muskeln, auf die Knochendichte und den Stressabbau.
Wie wirkt sich das Fasten aufs Gewicht aus?
Das innere Bauchfett wird dabei reduziert, sprich: auch der so genannte Altersbauch wird weniger. Die Menge des Gewichtsverlustes hängt jedoch von der Art des Fastens und der Dauer ab. Und davon, wie man eine Ernährungsumstellung nachhaltig in den Alltag integriert. Ein Nahrungsverzicht auf Zeit kann dabei der Türöffner sein – als Einstieg in einen neuen, gesünderen Lebensstil. Jeder sollte sich dabei merken: Es ist dafür nie zu spät.
Weitere Artikel zum Thema Gesundheit finden Sie hier.