Chefin der Esslinger Familienbildungsstätte Expertin: Bildung ist eine mächtige Sortierungsmaschine

Die FBS bietet nicht nur Familienbildung in unterschiedlichsten Bereichen – sie ist auch ein wichtiger Ort der Begegnung. Foto: Roberto Bulgrin

Der Zugang zu Bildung liegt nach Einschätzung der Theologin und Bildungsexpertin Doris Ziebritzki nicht nur an den finanziellen Möglichkeiten der Eltern. Warum aus Sicht der neuen Leiterin der Esslinger Familienbildungsstätte Betreuungs- und Lehrkräften eine wichtige Rolle zukommt.

Reporter: Alexander Maier (adi)

Als Theologin, Pädagogin und Mutter von vier erwachsenen Kindern ist Doris Ziebritzki überzeugt: „Familien sind das Potenzial unserer Gesellschaft. Es ist sehr wichtig, für sie noch mehr zu tun über die Arbeit der Kitas hinaus.“ Seit März leitet die 60-Jährige die Ökumenische Familienbildungsstätte (FBS) in Esslingen. Und sie weiß, dass ein funktionierendes Gemeinwesen Einrichtungen wie diese braucht. Im Gespräch mit unserer Zeitung blickt Doris Ziebritzki auf ihre bisherige Arbeit bei der FBS zurück. Und sie skizziert, welche Möglichkeiten Familienbildung bieten kann.

 

Frau Ziebritzki, die FBS begleitet viele Menschen mit unterschiedlichsten Angeboten über weite Strecken ihres Lebens. Welchen Eindruck haben Sie gewonnen?

Ich habe die Familienbildungsstätte als einen Ort vielfältiger Möglichkeiten kennengelernt und ein gutes Programm vorgefunden mit klassischen Kursen und Veranstaltungen einer FBS, das ausbaufähig ist.

Wo sehen sie noch Möglichkeiten und Bedarf, das Angebot auszuweiten?

Ein Ansatz wäre, aktuelle Themen stärker zu behandeln – zum Beispiel aktuelle Erziehungskonzepte, die die Kompetenzen von Eltern stärken. In diese Richtung haben wir neue Veranstaltungen geplant. Ab Herbst gibt es eine Reihe zu einem neuen Erziehungskonzept: „Eine Kindheit im Gleichgewicht.“ Ebenso halte ich Veranstaltungen für wichtig, die Eltern helfen sollen, im Dschungel der Herausforderungen für Heranwachsende klarer zu sehen: Wie umgehen mit Cannabisgebrauch, dem Essverhalten meiner Tochter, dem Online-Spielverhalten meines Sohnes, dem schnell wachsenden und wechselnden Drogenangebot und vielem mehr.

Haben sich die Anforderungen geändert?

Familienbildung wird immer mehr zu Elternbildung. Sie hat deshalb die Aufgabe, zu Themen wie der Künstlichen Intelligenz, dem Umgang mit der digitalen Welt auch schon für Kleinstkinder, dem großen Feld der Sucht oder der Geschlechterverunsicherung Orientierungsmöglichkeiten zu bieten. Das sind Themen, denen sich unsere Gesellschaft stellen muss – ob wir es wollen oder nicht. Daneben darf die FBS ihr klassisches Feld der Angebote rund um die Geburt eines Kindes, die Familienwerdung, Bewegungs- und Schwimmangebote oder Spiel- und Krabbelgruppen – auch als sozialen Begegnungsraum – nicht vernachlässigen.

Doris Ziebritzki Foto: privat

Wie können Sie diejenigen erreichen, die Ihre Angebote noch nicht kennen?

Wir müssen ihnen zeigen, wie wir sie mit unseren Angeboten unterstützen können, ihre Stärken und Kompetenzen auf- und auszubauen. Das müssen wir gerade denen vermitteln, die unsere Angebote noch nicht so richtig kennen. Dafür ist in erster Linie die persönliche Ansprache wichtig. Wir sind in den vergangenen Monaten dorthin gegangen, wo wir Menschen treffen, die unsere Angebote brauchen können, wie etwa zu Stadtteilfesten oder Kooperationspartnern. Ich halte aufsuchende Angebote für zukunftsweisend: Zum Beispiel die Beteiligung am Nachmittagsangebot von Grundschulen oder FBS-Veranstaltungen in Kindergärten. Wir bieten im Herbst verstärkt auch Online-Angebote an. Unabdingbar für das Erreichen junger Zielgruppen ist auch die Präsenz in den sozialen Medien.

In einer Stadt wie Esslingen gibt es ganz unterschiedliche soziale Angebote. Wo sehen Sie den konkreten Platz der FBS?

Eine Stärke der Familienbildungsstätte ist, dass sie so viele Bereiche gleichzeitig bedient. Wir haben Angebote für alle Altersgruppen vom Kleinkind- bis zum Seniorenbereich. Viele, die schon in ganz jungen Jahren mit ihren Eltern diese Angebote genutzt haben, kommen später mit ihren eigenen Kindern hierher. Es gibt Angebote für Menschen mit ganz unterschiedlichem finanziellem Hintergrund, feste Kurse, aber auch niederschwellige offene Angebote. Dieser verbindende Charakter macht die FBS so wichtig für eine Stadt. Wir bilden die ganze Breite der Gesellschaft ab und versorgen sie mit adäquaten Angeboten.

Jedes Kind soll mit guten Chancen ins Leben starten. Was macht es mit Kindern, deren Eltern nicht die nötigen finanziellen Möglichkeiten haben?

Bildung gilt heute als mächtigste Sortierungsmaschine für alle Lebensbereiche. Der Zugang zu Bildung liegt nicht immer nur an den finanziellen Möglichkeiten der Eltern. Er liegt ebenso im aufmerksamen, genauen Blick derer, die Kinder in Kita oder Schule begleiten, an der ganz individuellen Resilienzsituation des Kindes und an weiteren Faktoren. Kinder möchten dazugehören und die gleichen Klassenfahrten, Ausflüge, Freizeiten und so weiter machen wie andere. Hier ist es besonders notwendig, Eltern durch das Dickicht an Fördermöglichkeiten durchzuhelfen – was oft eine Herausforderung ist angesichts knapper Personalressourcen.

Wir sprechen bei der Esslinger FBS über eine ökumenische Einrichtung. Welche Rolle spielt die kirchliche Trägerschaft?

Der christlich-soziale Hintergrund ist bis heute prägend für die Familienbildungsstätten. Kirche soll da sein für die Bedürfnisse von Menschen jeden Alters und in allen Bereichen des Lebens. Das soziale Engagement verbindet viele Menschen sehr eng mit der Kirche. Eine FBS in kirchlicher Trägerschaft steht nicht zuletzt dafür, dass es eine Perspektive im Leben gibt, die über dieses Leben hinausgeht, und dass es Halt im Leben braucht in einer Instanz, die viele Gott nennen. Daher wird die FBS Veranstaltungen zum implizit christlichen Gehalt unserer Gesellschaft bieten – in unterschiedliche Themen und Formen gekleidet. Die christliche Prägung unserer Gesellschaft ist ein hohes Gut, dessen man sich selten bewusst ist.

Was kann die öffentliche Hand tun, um die Arbeit der FBS zu stärken?

In der Landespolitik steht das Thema Familie derzeit im Fokus wie selten zuvor. Im Koalitionsvertrag ist eine Familienförderstrategie festgelegt. Sie soll Teilhabe ermöglichen und damit Chancengleichheit für Familien, Kinder und Jugendliche sichern. Die Koalition legte sich auf eine Stärkung der Familienbildung fest, um Eltern in ihren Beziehungs-, Erziehungs- und Alltagskompetenzen zu unterstützen. Ein landesweit gesteuerter Prozess hat begonnen, der auf örtlicher Ebene von Kommunen und Verbänden umgesetzt werden soll. Wir arbeiten für die Stadtgesellschaft, dafür brauchen wir deren Unterstützung. Zurzeit läuft ein Anhörungsverfahren des Landes zum Kindertagesbetreuungsgesetz, das viele Regelungen der Kinderbetreuung faktisch außer Kraft setzt, weil Betriebe den Betreuungsschlüssel verändern können sollen, weil geeignete, aber nicht ausgebildete Personen als „Erzieherinnen“ und „Erzieher“ arbeiten können sollen und so weiter. Anders ist der Rechtsanspruch auf Kinderbetreuung nicht aufrecht zu halten. Fazit wird wohl sein, dass sich in der öffentlichen Kinderbetreuung sehr viel ändern wird. Daher werden Familienbildungsstätten in der Stärkung der Erziehungskompetenz der Eltern wieder verstärkt gefragt sein.

Zur Person

Doris Ziebritzki
(60) ist promovierte katholische Theologin und leitet seit diesem Frühjahr die Ökumenische Familienbildungsstätte Esslingen. Die gebürtige Österreicherin und vierfache Mutter, die in Tübingen lebt, war 15 Jahre lang als Dozentin und Vize-Schulleiterin an der katholischen Fachschule für Sozialpädagogik Rottweil für die Erzieherinnenausbildung zuständig.

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