Chefwechsel bei Disney Aus die Maus für Iger

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Der Entertainment-Gigant tauscht überraschend die Führungsspitze aus. Der Stratege Bob Iger tritt ab.

Bob Iger (rechts) ist eine moderne Hollywood-Legende , sein Nachfolger Bob Chapek vergleichsweise unbekannt. Foto: AFP/Gerardo Mora
Bob Iger (rechts) ist eine moderne Hollywood-Legende , sein Nachfolger Bob Chapek vergleichsweise unbekannt. Foto: AFP/Gerardo Mora

Burbank - Die Nachricht erwischte Hollywood so kalt wie die Wall Street: Am Dienstag gab die Walt Disney Company in Burbank, Kalifornien, den Führungswechsel bekannt. Bob Chapek, zuletzt für die Freizeitparks des Konzerns verantwortlich, löst nach 15 Jahren den Strategen Bob Iger ab, jenen Mann, der eine kriselnde Firma mit ungewissen Aussichten zum mächtigsten Unterhaltungskonzern der Welt ausgebaut hat.

Bob Iger war verantwortlich für den Ankauf des Animationsstudios Pixar (für 7,4 Milliarden Dollar, 6, 8 Milliarden Euro), für die Einverleibung der Marvel-Superhelden ins Disney-Universum (4 Milliarden Dollar) und für den Erwerb des „Star Wars“-Franchise (4 Milliarden Dollar Einkaufspreis). Zuletzt holte Iger in einem harten Bieterwettbewerb für 73,3 Milliarden Dollar das Konkurrenzstudio 20th Century Fox im Bündel mit anderen Produktionsfirmen, Rechtepaketen, TV-Sendern und Abo-Services zu Disney.

Zukunftsprojekt Streaming

Gleichzeitig aber verließ er sich nicht auf die traditionellen Geschäftszweige und Verwertungsmodelle, sondern baute den Streamingdienst Disney+ auf, der in den USA am 12. November 2019 Premiere feierte und in Deutschland am 24. März an den Start gehen wird. Die Zukunft des Konzerns liege nicht im Kinobereich, verkündete Iger just in dem Moment, als Disney so dominant wie kein Studio je zuvor das Filmgeschäft beherrschte, die Zukunft von Disney entscheide sich auf dem Streamingmarkt. Disney+ ist denn auch vom Fleck weg der bislang gefährlichste Konkurrent des Marktführers Netflix.

Disney ist immer noch enorm profitabel, muss aber durch Umbau, Integration oder Stilllegung der neu erworbenen diversen Fox-Zweige sowie durch den weiteren Aufbau des neuen Streamingdienstes erwartbare Gewinnrückgänge hinnehmen. Der Wachwechsel mitten in der Konsolidierungsphase von wichtigen Iger-Projekten überraschte auch die sonst notorisch gut informierte, von vielen Insidern gefütterte Branchenpresse Hollywoods.

Offiziell ist der Wechsel mit sofortiger Wirkung ein weiteres Wunschprojekt von Bob Iger. Bob Chapek sei der ideale Mann, sein Werk fortzusetzen, lässt er wissen. Und auch Chapek zeigte sich in ersten Stellungnahmen voll des Lobes über den Visionär Iger, der ihm ein Vorbild sei. Bislang allerdings galten ganz andere als Kronprinzen des 69-jährigen Iger, Manager, die aktiv an den Umbauprozessen beteiligt waren.

Seltsames Konstrukt

Der knapp ein Jahrzehnt jüngere Chapek gilt als braver Firmensoldat, der auf wechselnden Posten jene Nebeneinkünfte konsolidierte, die durch Igers Markenpolitik möglich wurden, sei es die Lizenzierung von Superhelden-Fanartikeln oder die bessere Integration von „Star Wars“ in Disneys Vergnügungsparks. Dass Chapek keineswegs auf die Nachfolgerrolle vorbereitet ist, zeigt das eigenartige Konstrukt, das Disney wagt. Iger wird noch bis Ende 2021 als geschäftsführender Verwaltungsratschef im Konzern bleiben. In dieser Zeit soll er in wichtigen Bereichen der Contentproduktion Entscheidungsgewalt behalten – und Bob Chapek von ihm lernen.

Fraglos gibt es Probleme im Haus der Maus: gewisse Erschöpfungserscheinungen bei Kreativen und Fans im „Star Wars“-Universum etwa oder die bröckelnden Zahlen beim Sportkanal ESPN. Immer teurere Sportrechte stehen auch in den USA im Widerspruch zur ausgereizten Zahlungsbereitschaft der Fans. Aber selbst die Addition aller kleinen Probleme und Erwartungsknicks dürfte bei einem aktuellen Börsenwert Disneys von 230 Milliarden Dollar (bei Igers Amtsantritt 2005 waren es nur 55 Milliarden) nicht für einen hausinternen Putsch gereicht haben.

Die größte Problemzone

Allerdings gibt es eine Problemstelle, die sich noch sehr unangenehm auswachsen könnte. Der Streamingdienst Disney+ ist mit seinem riesigen Angebot alter Kino- und TV-Titel zwar formidabel gestartet. In drei Monaten hat er rund 27 Millionen Abonnenten gewonnen, so viel wie Netflix in den fünf ersten Jahren. Doch man hat nur wenig neue exklusive Serien zu bieten, und der Nachschub stockt.

Disney+ soll als zuverlässig familienfreundlicher Anbieter positioniert werden. Aber nun stellt man fest, dass es gar nicht so leicht ist, modernen, attraktiven und zugleich braven Inhalt zu produzieren. Einige Projekte werden darum wohl abgebrochen, andere an Disneys zweiten, kleineren Streamingdienst Hulu durchgereicht, der erwachsenere und auch kontroversere Ware bieten darf. So bekommt zwar Hulu mehr Content als erwartet, zusammen mit Chapeks Ernennung wurde denn auch gleich die der neuen Hulu-Chefin Kelly Zimmermann verkündet. Aber das künftige Angebot von Dsiney+ ist derzeit unklar: Lässt sich das angestrebte heitere Profil wirklich halten? Diese heikle Frage muss umgehend geklärt werden – nun von Chapek und Iger Seite an Seite.