Chemie- und Pharmaindustrie Trumps Zölle bedrohen die Pharmaindustrie in Baden-Württemberg

Donald Trump will mehr Investitionen in den USA erzwingen – mit höheren Zöllen auch auf Pharmaprodukte. Foto: dpa/Alex Brandon

US-Präsident Donald Trump will Einfuhren der Pharmaindustrie in die Vereinigten Staaten mit hohen Zöllen belegen. Dieser Hammer würde besonders Unternehmen in Baden-Württemberg hart treffen.

Politik: Matthias Schiermeyer (ms)

Die Chemie- und Pharmaindustrie steckt nach zwei Jahren mit Umsatzrückgängen in der Krise. Zwei von drei Unternehmen im Verband der chemischen Industrie Baden-Württemberg (VCI) rechnen nach einer aktuellen Umfrage damit, dass die Umsätze 2025 auf dem Niveau des Vorjahres bleiben – weniger als ein Drittel erhofft eine Besserung. „Es herrscht mehrheitlich Stagnation“, resümiert der Verbandsvorsitzende Martin Haag.

 

Und nun hat US-Präsident Donald Trump am Montagabend auch noch den großen Hammer geschwungen, der vor allem den Südwesten treffen würde: Zölle von 25 Prozent und mehr auf Einfuhren der Pharmaunternehmen in die USA. Denn Pharma hat in Baden-Württemberg einen hohen Anteil. So arbeitet dort fast jeder zweite Beschäftigte der Mitgliedsunternehmen von ChemieBW, das die chemische Industrie und den Arbeitgeberverband Chemie (AGVChemie) vereint.

30 Prozent des Umsatzes in Gefahr

Für die Pharmaindustrie im Südwesten wiederum ist der amerikanische Markt „sehr bedeutend“, wie Haag sagt. „Wir gehen in der Summe von etwa sieben Milliarden Euro Umsatz aus, der aus Baden Württemberg in die USA geht.“ Nach einem Gutachten des Münchner Ifo-Instituts aus dem vorigen Herbst würden bei einer so hohen Zollschranke etwa 30 Prozent des Umsatzes „wohl nicht mehr stattfinden“. Wenn die Drohung realisiert würde, dann „würde es kurzfristig zu Umsatzeinbußen führen und hätte Auswirkungen auf die Beschäftigung“.

Der Aufbau einer neuen Pharmaproduktion dauert sechs Jahre

Trump hatte eingeschränkt, er wolle den Unternehmen Zeit geben, auf dem US-Markt Fuß zu fassen. Demnach muss vor Ort investieren, wer Zölle vermeiden will. Die Pharmaindustrie hierzulande fertigt aber vornehmlich Originalpräparate, während die Nachahmerprodukte (Generika), die nach Auslaufen des Patents relevant werden, „mittlerweile großflächig in Indien hergestellt werden“, sagt Haag. Die deutschen Produktionen seien somit nicht so leicht transferierbar. Der Aufbau eines Pharmaproduktes inklusive des speziellen Zulassungsverfahren dauere etwa sechs Jahre. Es sei daher nicht möglich, hierzulande eine Produktion kurzerhand abzubauen, um sie in den USA wieder aufzubauen. Als Beispiel nennt der Mannheimer Werkleiter sein eigenes Unternehmen Roche Diagnostics. „Wir gehören mit rund 20 000 Mitarbeitenden zu den Top-Zehn der ausländischen Unternehmen in den USA – doch die Pharmaprodukte, die wir in Mannheim oder in Basel produzieren, sind nicht automatisch in San Francisco präsent und auch nicht über Nacht transferierbar.“

Insofern könnten in den USA sogar Versorgungsengpässe entstehen. Zudem könne es sein, dass das Preisniveau ansteigt – mit Nachteilen für die Verbraucher, die Gesundheitssysteme und generell für die Inflation in den USA, meint der AGV-Chemie-Vorsitzende Patrick Krauth. „Da ist die letzte Messe noch nicht gelesen“, rät er zur Gelassenheit, weil die US-Regierung die Folgen ihres Handelns noch überdenken könnte.

2024 sind die Umsätze der chemischen Industrie im Land um 0,6 Prozent zurückgegangen. Während der Pharmabereich um 4,0 Prozent zulegte, ist er in der Chemieindustrie ohne Pharma um 2,5 Prozent geschrumpft. Im Bereich Farben und Lacke, der stark an der schlingernden Automobilindustrie hängt, sind die Umsätze sogar um 6,5 Prozent eingebrochen – bei den Beschäftigten gab es dort ein Minus von 4,5 Prozent zu beklagen, während die Zahl der Stellen insgesamt um 1,1 Prozent gewachsen ist.

Die „große Gefahr“ der Verlagerung

Vielfach werden derzeit Sparprogramme aufgelegt. Die Chemiegewerkschaft (IG BCE) hatte neulich von mehr als 200 Fällen bundesweit berichtet, bei denen um Stellenabbau, Standortschließungen oder ähnliches mit den Arbeitgebern gerungen werde. Wie viele Unternehmen im Land derzeit versuchen, ihre Belegschaften zum Verzicht zu bewegen, um die Bedingungen zu verbessern, sagen die Verbandsvorsitzenden nicht. Krauth spricht jedoch nicht nur mit Blick auf Trumps neuesten Vorstoß von einer „großen Gefahr, dass eine Abwanderung stattfindet, dass Investitionen woanders getätigt werden, dass Arbeitsplätze woanders entstehen und Wertschöpfung verlagert wird“.

Beide Vorsitzende bekräftigen, dass eine neue Bundesregierung schnell auf die Misere reagieren müsse: vor allem mit einer Entlastung von Bürokratie, mit niedrigen Energiekosten, mit einem „zeitgemäßen“ Arbeitszeitgesetz, mit Sozialversicherungsbeiträgen unter 40 Prozent, mit einer Erhöhung des Renteneintrittsalters – sowie mit noch mehr Spielräumen für tarifliche Lösungen.

Die Verbände Chemie BW vertreten mehr als 500 Unternehmen mit 113 500 Beschäftigten. Die Branche ist sehr mittelständisch aufgestellt – zu 90 Prozent haben die Unternehmen weniger als 500 Beschäftigte. Der Gesamtumsatz beträgt 45,6 Milliarden Euro.

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