Chemiemüll am Oberrhein Warum geben die Schweizer mehr Geld aus?

Von Wolfgang Messner und Lars-Marten Nagel 

Die Bürger schimpfen auf die BASF. Es gehe ja auch anders, sagen sie und zeigen auf die Pläne der Firma F. Hoffmann-La Roche. Rund 300 000 Tonnen Erdreich will das Unternehmen austauschen, das entspricht dem Gewicht von drei Golden-Gate-Brücken. Ein Schiffsanleger und eine luftdichte Leichtmetallhalle werden errichtet. Hinein dürfen nur Bagger mit eigener Sauerstoffzufuhr. Hinaus kommen Giftmüllcontainer durch eine Schleuse. Roche sei auf alle Risiken vorbereitet, erläutert der Chefsanierer Richard Hürzeler, auch auf Explosionen oder giftige Gase: „Wir wollen 2022 mit gutem Gewissen vom Standort abrücken.“ Der ausgegrabene Müll soll in Sonderöfen verbrannt werden, wie es heute bei Chemiemüll normal ist.

Die Schweizer spielen mit rund 45 Milliarden Euro Umsatz und 16 Milliarden Gewinn in der gleichen Liga internationaler Großkonzerne wie die BASF. Aber für die Kesslergrube wollen sie viel mehr Geld ausgeben, als sie nach dem deutschen Bodenschutzgesetz eigentlich müssten. Warum?

Zum einen steckt dahinter wirtschaftliches Kalkül: Ist die Giftquelle bereinigt, fallen nie wieder Kosten an. Ein unbelastetes Grundstück bietet mehr Optionen – für einen eigenen Neubau genauso wie bei der Suche nach Investoren. Möglicherweise liegt der in Basel beheimateten Roche auch die Oberrhein-Region besonders am Herzen. Außerdem ist für Roche ein schlechtes Image gefährlich: Der Pharmahersteller muss Patienten von seinen Medikamenten überzeugen. Verständlich, dass er nicht mit Gift in Verbindung gebracht werden will. Roche hat einige Baucontainer an der Kesslergrube aufgestellt. Mitarbeiter berichten darin Bürgern, Schulklassen und Journalisten von ihren großen Plänen.

Wie beurteilt der Bürgermeister die Lage?

Die BASF hat ihre Konzernzentrale hingegen nicht am Oberrhein, sondern 250 Kilometer flussabwärts in Ludwigshafen. In Grenzach-Wyhlen arbeiten lediglich 200 von 113 000 Mitarbeitern. Das Image ist nicht so wichtig, denn der Chemieriese liefert hauptsächlich Zwischenprodukte für andere Unternehmen.

Das Zentrum des Widerstandes gegen die BASF-Pläne liegt nicht weit von der Kesslergrube an einem Hang. Im Rathaus kommt der Bürgermeister Tobias Benz in das Besprechungszimmer. An der Wand hängen Gemälde seiner Vorgänger und ein Flachbildschirm. Der junge Verwaltungschef trägt eine blaue Krawatte, ein Einstecktuch und Manschettenknöpfe. Soeben hat er vor der Lokalpresse eine Linde gepflanzt. Jetzt geht es um das Große und Ganze: die Chemieindustrie, die Altlasten, die Zukunft.

Das Ciba-Werk schrumpft seit Jahren. Früher kamen 2000 Arbeiter zum Schichtdienst. Die Zeiten sind vorbei. Die meisten Chemikalien werden jetzt aus Asien importiert. So viele Hallen sind demontiert worden, dass man auf der Leerfläche einen Jumbo landen lassen könnte. Im Ort geht die Angst um, BASF könnte den Standort ganz schließen. Der Bürgermeister von Grenzach-Wyhlen muss die Auswirkungen der Globalisierung abfedern, so gut es geht.

Tobias Benz ist 33 Jahre alt und seit Dezember im Amt. An seinem zweiten Arbeitstag flatterte ihm der Sanierungsbescheid des Kreises Lörrach ins Rathaus: Die verbindliche Bewilligung der Pläne von BASF und Roche. „Wir haben einen erfahrenen Umweltrechtler engagiert und Widerspruch eingelegt“, sagt Benz. Die Gemeinde stellt sich damit auf die Seite der Bürgerinitiative. Und gegen das Landratsamt und BASF. Benz sagt, er sei bereit zu klagen. „Wir dürfen nichts unversucht lassen, auch wenn es schwer wird.“

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