Chemiemüll am Oberrhein Die Bürger sehen schwarz

Von Wolfgang Messner und Lars-Marten Nagel 

Früher arbeitete er als Assistent des Freiburger Ökonomen Bernd Raffelhüschen – am Forschungszentrum Generationenverträge. Nun ist er Bürgermeister in einer Gemeinde, in der ein Generationenvertrag zu scheitern droht. Er sagt: „Jahrelang hat Grenzach-Wyhlen von der Gewerbesteuer der Chemieindustrie gut gelebt, aber wir können die Gifte nicht ewig an unsere Kinder und Kindeskinder weitergeben.“ Im Ort leben 14 000 Menschen, es gibt ein Hallenbad, drei kommunale Kitas, vier Sporthallen – die Infrastruktur einer doppelt so großen Stadt. „Wir dürfen nicht vergessen, woher das Geld dafür kommt“, sagt Benz. Er klagt gegen die BASF und nimmt den Konzern zugleich in Schutz. „Es ist eben nicht alles schwarz-weiß.“

Viele Bürger sehen hingegen nur schwarz – wozu auch die unglückliche Öffentlichkeitsarbeit der BASF beigetragen hat: Vor einem Jahr beauftragten der Konzern, die Gemeinde und der Landkreis gemeinsam einen Gutachter. Er sollte die Sanierungsvarianten Aushub und Einkapselung für das BASF-Areal vergleichen. Ein neutraler Mann, ein kluger Schachzug. Nur: in seinem 91 Seiten starken Gutachten kam der Sachverständige zu dem Schluss: „Bei allen Szenarien ist die Variante Aushub nachhaltiger als die Einkapselung.“ Über das Papier darf der Gutachter jetzt nicht mehr öffentlich sprechen. Zwar haben ihn Gemeinde und Kreis von seiner Schweigepflicht entbunden, nicht aber die BASF. Die Bürger haben den Eindruck, dass der Chemiekonzern dem Experten einen Maulkorb verpasst hat, weil er nicht zum gewünschten Ergebnis gekommen ist.

Beim Griechen in der Ortsmitte sitzt Peter Donath vor einem Teller Gyros. Er spricht über die Beschaffenheit des Muschelkalks in der Grube, das vergiftete Grundwasser, die Pläne der Bürgerinitiative. Er ist 72 Jahre alt. Hat er nicht langsam genug von dem Kampf? Was treibt ihn noch? Donath hält kurz inne. „Sie haben den Standort Grenzach-Wyhlen kaputt gemacht“, sagt er. Das könne er als ehemaliger Ciba-Mann nur schwer verschmerzen. „Wenn die hier schon dichtmachen“, sagt Peter Donath, „dann sollen sie die Flächen wenigstens sauber hinterlassen.“

Erneute Ratlosigkeit

Er glaubt, dass die BASF beim Kauf der Ciba AG 2007 ausgerechnet in seinem früheren Fachgebiet schwere Fehler gemacht hat – dem Risikomanagement. „Es gab damals kaum Rückstellungen für die Ciba-Altlasten. Die BASF hat die Katze im Sack gekauft“, sagt er. „Damit der Fehler den Anlegern nicht auffällt, muss die Kesslergrube möglichst billig saniert werden.“

Die BASF lässt den Vorwurf nicht gelten: Die übernommenen Altlasten seien „bereits im Vorfeld bei der Gesamtbewertung angemessen berücksichtigt“. Laut Geschäftsberichten hat die BASF 221 Millionen Euro für Altlasten aus der Ciba-Akquisition zurückgestellt, explizit für Standorte in den USA und in der Schweiz.

Dazu zählt eine der teuersten Ciba-Altlasten überhaupt, die bis 2016 im Schweizer Ort Bonfol beseitigt wird. Chemiekonzerne haben dort in den 60er und 70er Jahren mehr als 100 000 Tonnen Giftmüll in eine Tongrube gekippt. Die Sanierung ist ein gewaltiges Projekt, Roboter machen die Drecksarbeit. Die BASF ist als Nachfolger der Ciba finanziell beteiligt – mit mehr als 150 Millionen Euro. Das eigentlich vorbildliche Engagement löst in Grenzach-Wyhlen erneut Ratlosigkeit aus. Wie sollen die Bürger auch verstehen, dass die BASF im Nachbarland so viel großzügiger ist?

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