Milliarden oder Millionen?
Doch trotz der staatlichen Gegenmaßnahmen verbreitet sich das Coronavirus immer rasanter. Bis Redaktionsschluss haben die landesweiten Behörden mehr als 16 000 Infizierte und 360 Todesfälle bestätigt. Damit sind bereits deutlich mehr Menschen in Festlandchina an dem neuartigen Lungenerreger verstorben als am Sars-Virus vor 17 Jahren.
Von Panik könne jedoch gar keine Rede sein, vielmehr seien die Leute gelangweilt, versichert die Pekingerin Cherie Liu, während die Bedienung bereits die ersten Nachspeisen an den Tisch bringt. Wie zum Beweis zückt sie ihr Smartphone hervor und öffnet eine App, die mit „das kleine rote Buch“ den gleichen Namen trägt wie die ikonische Zitatesammlung von Mao Tse-tung. Dort laden unzählige Chinesen kurze Videoclips hoch, wie sie den monotonen Alltag unter Quarantäne verbringen – von Tanzeinlagen in den eigenen vier Wänden bis hin zu Badminton-Matches im Innenhof. Gesammelt sind die Beiträge unter dem Hashtag Heimtagebuch – angesichts der Lage eine erstaunliche Verniedlichung der Gesundheitskrise.
Doch es gibt auch eine andere Wirklichkeit. Auf einer Pressekonferenz Ende Januar geriet der Lokalgouverneur der Provinz Hubei ins Straucheln. Wie viele Atemschutzmasken man produziere, wollte ein Journalist wissen. Von 10,8 Milliarden Stück pro Jahr sprach Wang Xiaodong zunächst, bis ihm schließlich ein Papierausdruck zur Korrektur vorlegt wurde. „Tatsächlich sind es 1,8 Milliarden“, setzte Wang schließlich zum zweiten Versuch an – nur um wenige Minuten später zugeben zu müssen, dass die richtige Zahl 1,8 Millionen ist. „Kein Wunder, dass die Erreger sich so stark ausbreiten konnten“, schreibt ein Nutzer auf Weibo, dem chinesischen Twitter.
Die Kritik an Peking nimmt zu
Zudem wird immer deutlicher, wie die Lokalregierung von Wuhan das Coronavirus zunächst zu verschleiern versuchte. Chinesische Forscher haben in einer aktuellen Studie – publiziert im renommierten „The New England Journal of Medicine“ – dargelegt, dass bereits Mitte Dezember 2019 Beweise vorlagen, dass die Erreger der Lungenkrankheit von Mensch zu Mensch übertragen werden können. Zu jenem Zeitpunkt wusste die chinesische Öffentlichkeit noch nichts über den Virus. Erst Anfang Januar veröffentlichten Krankenhausmitarbeiter auf sozialen Medien Meldungen über eine „mysteriöse Lungenseuche“. Die Reaktion: wegen „Verbreitung von Gerüchten“ wurden sie vorübergehend festgenommen.
Unter vorgehaltener Hand äußern sich viele junge Chinesen in der Hauptstadt kritisch über das bleierne Gesellschaftsklima seit dem Machtantritt von Präsident Xi Jinping. Ob Google, Facebook oder die „New York Times“: Waren viele Online-Plattformen aus dem Ausland vor zehn Jahren noch offen zugänglich, sind diese nun längst gesperrt.
Das staatliche Informationsbüro versucht, die Berichterstattung über das Coronavirus zu steuern. Nur einen Steinwurf vom Platz des Himmlischen Friedens entfernt finden sich Journalisten mit Gesichtsmasken in einem pompösen Briefing-Raum ein. Regierungsvertreter von gleich sechs verschiedenen Ministerien treten vor die Öffentlichkeit. Ihre Mission: die Effizienz der staatlich gelenkten Seuchenbekämpfung zu dokumentieren. Dutzende chinesische Unternehmen seien dazu angehalten worden, trotz der Neujahrsferien Wuhan mit Gesichtsmasken und Schutzanzügen zu versorgen. Mehrere Provinzen belieferten die abgeriegelten Gebiete mit Reis und frischem Gemüse. Systematisch werden öffentliche Gesundheitskontrollen etabliert, zudem Busse und Bahnen täglich desinfiziert. Fazit der Ministerialbeamten: „Den Kampf gegen das Virus werden wir gewinnen.“ Wie stark jener Kampf den chinesischen Alltag verändert, beweist ein bloßer Blick auf die gespenstisch leeren Straßen der Pekinger Innenstadt. Die Verbotene Stadt ist genauso geschlossen wie sämtliche Tempel und Palastanlagen. Die wenigen Restaurants, die geöffnet sind, haben vor ihren Türen provisorische Marktstände aufgebaut. Wegen der ausbleibenden Kundschaft verkaufen sie ihre nicht mehr frischen Vorräte aus der Gemüsekammer. Die Verwalter vieler Wohnanlagen sind von den Behörden angehalten, keine Besucher mehr hereinzulassen.
„Wir sind ein bisschen nervös“
Das öffentliche Leben ist zum Stillstand gekommen: Die meisten Unternehmen haben ihren Mitarbeitern eine Woche freigegeben oder sie zum Homeoffice verpflichtet. Die Universitäten, Schulen und Kindergärten sind ebenfalls bis auf Weiteres geschlossen worden.
Wer die U-Bahn nehmen möchte, bekommt zunächst einen Temperaturfühler an die Stirn gehalten. In Zügen, die zur Hauptverkehrszeit normalerweise berstend voll wären, verliert sich eine Handvoll Menschen. Manche tragen neben den Gesichtsmasken auch Sonnenbrillen, um ihre Augen vor der Aufnahme der tödlichen Erreger zu schützen.
Und doch ist dies kein Vergleich zum Epizentrum der Seuche in Wuhan. Dort fährt keine U-Bahn mehr. „Momentan sind wir wirklich ein bisschen nervös“, sagt Timo Balz, der bereits seit zehn Jahren in der Elf-Millionen-Metropole lebt und dort an der Universität Fernerkundung, ein Teilgebiet der Geografie, unterrichtet. Als einer von wenigen Deutschen hat sich der 45-Jährige dazu entschieden, trotz der angebotenen Evakuierung die Stadt nicht zu verlassen – auch seiner chinesischen Frau wegen, die möglicherweise zurückbleiben müsste.
Jetzt aber habe die Hausverwaltung mitgeteilt, dass das Coronavirus nun auch in der eigenen Apartmentsiedlung Eingang gefunden hat: Vier Bewohner sollen sich infiziert haben, einer sei gestorben. „Für uns bedeutet das erst mal, zu Hause zu bleiben und auf die täglichen Spaziergänge zu verzichten“, sagt Balz, der zwei Kinder im Schulalter hat. Er befürchtet: „Denen dürfte bald die Decke auf den Kopf fallen.“