China und Taiwan Eine komplizierte Beziehung
Taiwan nennt sich offiziell „Republik China“, aber in Peking wird die Insel als Teil der „Volksrepublik China“ reklamiert. Darüber, wie chinesisch man wirklich ist, besteht im Inselstaat eher Unklarheit.
Taiwan nennt sich offiziell „Republik China“, aber in Peking wird die Insel als Teil der „Volksrepublik China“ reklamiert. Darüber, wie chinesisch man wirklich ist, besteht im Inselstaat eher Unklarheit.
Kaum etwas ist so kostbar wie der Jadekohl. Im Nationalen Palastmuseum in Taipeh tummeln sich regelmäßig Neugierige um die Vitrine, in der die grünweiße, ungefähr handgroße Edelsteinskulptur ausgestellt ist. Einst gehörte das jahrhundertealte Prunkstück in die Verbotene Stadt in Peking, heute ist es der wohl berühmteste Kunstgegenstand Taiwans – wo er jedes Jahr auch zahlreiche Touristen aus Festlandchina anzieht, deren Pekinger Regierung das Stück ihr Eigen nennt.
Angesichts der Ursprünge des Jadekohls könnte man sagen: Kaum etwas in Taiwan ist so chinesisch wie dieses Kunstwerk. Ansonsten besteht Uneinigkeit darüber, wie chinesisch die Insel ist. Als die im Chinesischen Bürgerkrieg unterlegenen Nationalisten 1949 von Festlandchina nach Taiwan geflohen waren, etablierten sie mit einigen Reichtümern im Gepäck hier die „Republik China“. Die siegreichen Kommunisten erkannten dies nicht an. Bis heute beteuern sie, es gebe nur ein China, und das werde von Peking aus regiert.
Das dortige Außenministerium nennt Taiwan einen „unverzichtbaren Teil Chinas.“ Sie bringt damit die nationalistische „Ein-China-Politik“ zum Ausdruck, die sie auch rechtlich legitimiert sieht: Als durch einen bilateralen Vertrag im Jahr 1979 die USA fortan nicht mehr Taiwan, sondern Festlandchina als das legitime China anerkannten, wurde zwar der weitere Austausch mit Taiwan gesichert, allerdings nicht mehr auf Regierungsebene. Japan und andere mächtige Staaten folgten. Die Existenzlage von Taiwan bleibt umstritten.
Dennoch ist offensichtlich, dass Taiwan ein eigenständiger Staat ist: Mit dem Vertrag von 1979 hat er nicht aufgehört, zu existieren. Taiwan hat eine durch freie, demokratische Wahlen legitimierte Regierung, Militär und de facto auch Regierungsaustausch mit diversen Staaten. Der Besuch von Nancy Pelosi, der dritthöchsten Repräsentantin der USA, bot ein Beispiel hierfür.
Und noch etwas stellt infrage, ob Taiwan so chinesisch ist, wie man in Peking behauptet: das Selbstverständnis der Menschen und die Geschichte. Über einen langen Zeitraum hatte die Insel, deren 23 Millionen Einwohner heute zum Großteil von Auswanderern aus Festlandchina abstammen, höchstens lose Beziehungen zu Festlandchina.
Teil des chinesischen Staates war sie zumeist nicht. Im 16. Jahrhundert tauften portugiesische Seefahrer den gebirgigen, klimatisch angenehmen Flecken Erde auf „Ilha Formosa“, die schöne Insel. Im 17. Jahrhundert etablierten niederländische Händler eine Niederlassung, gefolgt von den Spaniern, die von den Holländern aber bald zu deren damaliger Kolonie auf den Philippinen zurückgeschickt wurden.
Ab Ende des 18. Jahrhundert gewann die chinesische Qing-Dynastie Einfluss, erklärte die Insel rund 200 Jahre später zu einer chinesischen Provinz. Schon 1895 aber wurde Taiwan, nachdem China einen Krieg gegen Japan verloren hatte, japanische Kolonie. Mit Ende des Zweiten Weltkriegs wurde Taiwan an China zurückgegeben, das sich aber im Bürgerkrieg zwischen den regierenden Nationalisten um Chiang Kai-shek, die die „Republik China“ ausgerufen hatten, und den von Mao Tse-tung angeführten Kommunisten befand.
Als die Kommunisten 1949 den Bürgerkrieg für sich entschieden, siedelten Chiang Kai-shek und 1,2 Millionen Chinesen nach Taiwan um und versuchten, China von hier aus zu regieren. Chiang rief das Kriegsrecht aus und regierte Taiwan ähnlich undemokratisch wie zuvor Festlandchina, sollte aber über Jahrzehnte auch als legitimer Vertreter Chinas in der Welt gelten: Den ständigen UN-Sicherheitsrat hatte die Republik China inne, nicht die Volksrepublik.
Dies änderte sich in den 1970er Jahren, als bald auch die USA im ökonomisch und demografisch wachsenden Festlandchina den attraktiveren Partner sahen, zumal eine pragmatische Partnerschaft zwischen den USA und China den Systemfeind Sowjetunion empfindlich schwächen konnte. Doch damit wurde auch Taiwan geschwächt. Ab den 1980er Jahren demokratisierte sich die Insel zwar und entwickelte sich zum Industriestaat. International aber wurde sie durch den Anspruch Festlandchinas und den Opportunismus maßgeblich des Westens diplomatisch isoliert.
Fragt man die Menschen, ob ihre Insel das wahre China sei, so wie es der Gründervater Chiang Kai-shek noch beanspruchte, sieht man oft Achselzucken. Eine klare Mehrheit wünscht weder die formale Unabhängigkeit von China noch eine Wiedervereinigung – wobei Taiwan nie Teil der 1949 gegründeten Volksrepublik war –, sondern die Beibehaltung des ambivalenten Status quo.
Im vergangenen Monat ergab eine Umfrage der National Chengchi University in Taipeh, dass sich 64 Prozent der Menschen ausschließlich als Taiwaner fühlen. Rund 30 Prozent sehen sich sowohl als Taiwaner als auch als Chinesen. Nur zwei Prozent empfinden sich ausschließlich als Chinesen. Als diese Umfrage 1992 erstmals durchgeführt wurde, hatte sich noch knapp die Hälfte der Menschen als taiwanisch und chinesisch gefühlt. Je lauter aber die Rufe aus Peking kommen, Taiwan sei chinesisch, desto weniger scheint sich eine jüngere Generation als chinesisch zu sehen. Auch wenn die Menschen weiter in der „Republik China“ leben und der beliebte Jadekohl vom Festland kommt.